Zwischen Sambagruppen und Rauchschwaden: Bei der Demo in Rostock

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„Die wollen Gewalt sehen. Aber die wahren Gewalttätigen treffen sich in Heiligendamm.“ Es ist kurz vor 13:00, die Demoleitung meldet sich abwechselnd auf Deutsch und Spanisch, verwehte Musik und der Platz vor dem Rostocker Hauptbahnhof ist voll und wird immer voller. Ständig kommen Züge an, Leute drängen aus dem Bahnhof nach draußen. Rote Luftballons, bunte Fahnen, Plakate, T-Shirts, alles flattert im Westwind, es nieselt. Lauter als die Redebeiträge und die Musik aus den Lautsprechern knattern zwei Hubschrauber über dem Versammlungsplatz.

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Illustration: Julia Schubert

„Beeindruckend“ finden Magali und Max die Szene. Sie liegen in der Nähe einer S-Bahnhaltestelle im Gras auf ihren Rucksäcken und sind gelassen, weil sie die Zugfahrt in der völlig überfüllten Bahn aus Berlin schon hinter sich haben. Die beiden finden sich eigentlich ziemlich unpolitisch. „Aber wir sind hier, um zu zeigen, dass Menschen in Deutschland auf die Straße gehen, dass wir es nicht gut finden, dass die acht größten Industrienationen einfach darüber bestimmen, was die ganze Welt angeht.“ Außerdem macht es auch Spaß, es hat was von Party“, sagt Max. Auf einem Plakat steht „Hunger macht böse“, es riecht nach frisch gemähtem Gras und ein paar Meter von Magali und Max entfernt tanzt und trommelt eine Sambagruppe.

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Illustration: Julia Schubert

Max und Magali Kurz bevor es losgeht, informiert die Demoleitung darüber, dass noch nicht fest steht, ob die geplanten Demonstrationen am Flughafen Laage erlaubt werden oder nicht. „Aber egal, wir werden dort auf jeden Fall demonstrieren, und wir werden den Flughafen auch blockieren!“ Aus allen Richtungen kommt verhaltener Applaus, Klatschen, Pfiffe. Die Leitung hat es schwer, etwas zu formulieren, das die Mehrheit hier anspricht. Alle sind gegen den G8 Gipfel, dann aber enden die Gemeinsamkeiten auch schon. Hier demonstrieren linke Parteien, Gewerkschaften, Ökos, Friedensaktivisten, Eine Weltgruppen, die Leute von attac und Autonome.

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Illustration: Julia Schubert

Die Mehrheit ist unter Dreißig und viele gehören zu keiner Gruppe dazu, sie sind einfach sauer und wollen beim Gipfelprotest dabei sein. Die Autonomen sind durchschnittlich noch jünger, fast alle sind unter 25 Jahre alt. Sie formieren sich in ihrem Block, setzen Sonnenbrillen auf, vermummen und verschanzen sich hinter ihren Bannern. Und dann geht es los, langsam setzt sich der Zug in Gang, vorne bunt, dann der schwarze Block, dann wieder bunte Fahnen und rote Ballons. Auf einer Autobrücke drängen sich Fotografen – von hier oben hat man gute Sicht auf den Demozug. Die Fotografen werden von Polizisten flankiert, die sie nach unten abdrängen wollen. „Bitte stoppen sie die Übergriffe auf die Presse da oben!“ der Mann an der Spitze des Zuges beruft sich auf die Pressefreiheit, lässt den Zug anhalten und bittet die Polizisten, die Fotografen in Ruhe zu lassen. Tatsächlich hilft das. Die Polizei nimmt Abstand, der Zug setzt sich wieder in Bewegung. Die Pressefreiheit wird nicht nur aus den Reihen der Polizei in Frage gestellt, auch einer der Vermummten schlägt wütend einem Fotografen die Kamera aus der Hand. Im autonomen Block werden Signalraketen gezündet, Flaschen landen klirrend auf der Straße. Unter der Straßenbrücke riecht es nach Sylvester und es ist klaustrophobisch eng. Ob hier 30 000, 50 000 oder 80 000 Menschen demonstrieren lässt sich schwer abschätzen, es sind viele.

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Illustration: Julia Schubert

Harald und Andreas sind 26 und 28 und aus Berlin, sie haben ein selbst gemaltes Banner dabei, auf dem sie Benjamin Franklin für die freiheitlichen Grundrechte sprechen lassen. Sie antworten nicht sofort auf die Frage, weshalb sie hier sind und als sie dann doch etwas sagen, wird es ein nachdenkliches Gespräch. Letzten Endes, erklärt Harald schließlich, sind wir wahrscheinlich dafür, die Ungerechtigkeit der Geburt auszugleichen. „Wir haben das große Los gezogen, in Bangladesh zieht jeder Säugling erstmal eine Niete.“ Würde das nicht auch heißen, dass sie auf viel verzichten müssen? Dafür hat Harald auch keine Lösung, aber handeln kann man schon glaubt er, er kauft Ökoessen und fair gehandelten Kaffee. Gegen 15:30 erreicht der Demozug den Hafen, hier soll die Abschlusskundgebung stattfinden. Während des ganzen Marsches waren kaum Polizisten zu sehen, jetzt tauchen sie auf, mit Helmen und am ganzen Körper gepanzert. Der Hubschrauberlärm wird wieder lauter, die Lautsprecher verstummen. Was genau passiert ist, ist nicht ganz klar, jemand ruft: „Da vorne sind Nazis“, jemand anderes: „Nee, das sind nur die Bullen.“ Leute rennen kreuz und quer, verzerrte Gesichter, die Autonomen verlassen ihre Formatierung, erste Steine fliegen. Direkt am Hafen warten die, die keine Gewalt wollten, dort gibt es Volksfestdemo mit Schmalzgebäck und Kakao mit Schuss.

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Illustration: Julia Schubert

Azad Azad ist 26, er lebt seit drei Jahren in Deutschland und kommt ursprünglich aus dem Iran. Er hat dort bei der Geheimpolizei gearbeitet und wollte aussteigen. Dafür musste er das Land verlassen. Er trägt ein großes Banner von der Sozialistischen Partei Irans und freut sich, dass über ihn geschrieben wird. „In Deutschland ist auch nicht alles gut“, sagt er, „aber wenigstens kann jeder seine Meinung sagen und zur Demo gehen.“ Azad wartet wie alle anderen darauf, dass die Demoleitung sagt, wie es weitergehen soll. Niemand weiß etwas Genaues. Azad sagt, er habe keine Angst, dass hier etwas eskaliere. „Einfach warten“, meint er und lächelt.

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Illustration: Julia Schubert

Peter Die Polizei hat sich zurückgezogen, der Hubschrauber knattert über der Warnow. Ein paar der Schwarzgekleideten sitzen auf dem Boden, neben ihnen Steine und zerbrochene Flaschen. Mittendrin Christian, Peter und Andy aus Wismar, sechzig Kilometer von hier entfernt. Habt ihr auch Steine geworfen? „Ja“, sagt Peter, „ich schon.“ Er habe gesehen, wie eine Frau zwischen Polizei und Demonstranten vermitteln wollte und ihr die Hand auf den Rücken gedreht wurde. „Dann habe ich geworfen.“ Peter ist seit acht Jahren Handballer: „Ich habe einen genau am Kopp getroffen“, sagt er und es klingt, als sei er stolz darauf.

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Illustration: Julia Schubert

Greg und Andy Greg und David verlassen gegen 16:30 den Stadthafen und suchen in der Fußgängerzone einen Imbiss. Sie sind 22 und 24 Jahre alt und freie Fotografen aus London. Gregs Ausbeute bisher: Bilder von Steinen, Polizisten, Autonomen. An seinem weißen Halstuch klebt Blut. Greg hat zwei Semester Geschichte studiert, aber das Leben als Fotograf ist mehr seine Sache. Letztes Jahr hat er den Krieg im Libanon fotografiert. In London machen sie meist Mode, erzählt Greg. Dann springt er auf und hängt sich die Kamera um den Hals. Über dem Hafen türmt sich eine Rauchsäule. Gegen 19:00 sind die Straßen zum Bahnhof voller Polizeiwagen und Demonstranten die nach Hause wollen. Die Bahn in Richtung Hamburg quillt über mit Leuten, die sich in den Sitzen zurücklehnen, auf ihre Rucksäcke setzen. Eine ältere Frau sagt: „Das beweist doch, dass das eben alles nur Chaoten sind.“ Ein Mädchen lehnt sich rüber zu ihrer Freundin: „Jetzt wird doch wieder niemand darüber reden, was wir eigentlich wollen.“ Die Freundin zuckt mit den Schultern. Hier kannst du noch mehr lesen: G-8-Gegner verurteilen Krawalle in Rostock

Text: anke-luebbert - Fotos: anke-luebbert

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