Soap-Opera-Handyspiel wirbt mit Sex und Schwangeren

Die App ist extrem beliebt – und richtet sich an Jugendliche ab zwölf.
Von Caspar von Au

Mit diesem und ähnlichen Bildern wirbt das Mobile Game "Episode" auf Tumblr.

Screenshot Tumblr/Episode Interactive

Sex? Zieht immer. Eine Affäre, die gerade aufgeflogen ist? Premium-Clickbait-Content. Schwangerschaft? Vielleicht auch noch. Aber das alles als Werbung für ein Spiel, das sich an Jugendliche richtet?

Logisch, Babydramen haben schon immer genauso zu Seifenopern dazugehört wie der Märchenprinz und die böse Schwiegermutter. Und "Episode Interactive", ein Handyspiel für iOS und Android, ist quasi eine interaktive Seifenoper. Das Spiel funktioniert ähnlich wie diese Bücher, bei denen der Leser den Ausgang der Geschichte beeinflussen kann. Es gibt ein Drehbuch, aber an bestimmten Stellen kann der Spieler entscheiden – zum Beispiel: Reagiere ich zickig oder entschuldigend, wenn mir meine virtuelle Mama im Spiel sagt, ich solle mich beeilen? Offensichtlich kommt das Spielprinzip gut an, denn es wurde auf Google Play mehr als zehn Millionen Mal heruntergeladen und gehört auch in iTunes zu den beliebtesten Apps.

Laut Entwicklern steht die App für Kreativität

Allerdings regen sich im Netz auch viele über "Episode" auf: Viele ärgert, dass die Entwickler auf Facebook und insbesondere auf Tumblr mit Screenshots und Videos aus dem Spiel für ihre App werden, bei denen es vor allem um Sex, Affären und verblüffend häufig um schwangere Frauen geht. Kritiker schreiben in den Foren, dass sie die App deswegen schon gelöscht hätten.

Andere wollen die Entwickler darauf hinweisen, dass sie die Clickbait-Werbung gar nicht bräuchten. Denn im Spiel ginge es erstens um viel mehr als nur um Sex – es gibt unter anderem die Genres Drama, Comedy, Horror und Mystery. Die Werbung würde dem Spiel nicht gerecht, schreibt daher eine Nutzerin im Forum der App. Und zweitens sei das Spiel für Zwölfjährige freigegeben – sollte also laut Richtlinien von USK (Unterhaltungssoftware Selbstkontrolle) und iARC (International Age Rating Coalition) nur selten sexuelle Inhalte thematisieren.

Eigentlich soll "Episode" eine Plattform sein, auf der sich deren Nutzer kreativ austoben können. "Choose your story", lautet der Slogan der App. Die Entwickler schreiben auf ihrer Homepage, dass die App mit mehreren Millionen Nutzern die größte Gemeinschaft "interaktiver Geschichtenerzähler" auf der Welt sei.

Aber kreativ sind die Geschichten in der App bei weitem nicht – die Meinung mancher Nutzer in allen Ehren –, eher werden immer die gleichen Klischees bedient: Attraktives Mädchen trifft attraktiven Jungen. Danach geht es eigentlich nur noch darum, wann die beiden in der Kiste landen. Ob sich die Geschichte nun an der Highschool oder in einem Dschungel abspielt, und ob es nebenbei noch um den mysteriösen Tod der Mutter geht, ist fast schon egal. Auch der Einfluss der "Leser" auf die Geschichte ändert nichts daran. Weil die Wahl manchmal doch sehr begrenzt ist: Soll Sarah am Pool den roten Badeanzug oder den knappen schwarzen Bikini tragen?

Die Episode-Hasser haben mittlerweile eine eigene Fangemeinde auf Tumblr

 

Obendrein sollen die wohl häufig minderjährigen Nutzer für Zusatzinhalte in der an sich kostenlosen App zahlen: Für jede Episode, die man spielen möchte, benötigt es ein Ticket. Man erhält zwar alle drei Stunden ein Ticket, aber wer nicht so lange warten möchte, kann zum Beispiel im Shop des Spiels drei Tickets für 73 Cent kaufen. Und wenn Sarah den Bikini tragen soll, kostet das 25 virtuelle Diamanten, die für etwa 2,50 Euro zu haben sind.

Wen die immer stereotypen Geschichten der App nerven, der kann sich in der App eigene Geschichten ausdenken und sie anderen Nutzern zur Verfügung stellen. Eigentlich eine gute Idee, aber auch da haben die App-Entwickler in Sachen Diversität gepennt. Es gibt nämlich weder dicke, noch alte Menschen und auch keine Kinder bei "Episode", die als Hauptfiguren für die eigenen Geschichten dienen können, sondern nur dünne attraktive junge Erwachsenenkörper. Nutzer helfen deshalb nach, in dem sie die Charaktere winzig schrumpfen, wenn sie in ihren Geschichten Kinder darstellen wollen.

Die meisten Nutzer nehmen die vielen kritischen Seiten von "Episode" mit Humor: Mittlerweile gibt es auf Tumblr eine regelrechte Fangemeinde, die die absurdesten Bilder des offiziellen Episode-Accounts kommentiert und rebloggt. Zum Teil sind die nicht immer jugendfreien Kommentaren noch komischer, als es die Werbungen für das Spiel unfreiwilligerweise eh schon sind.

Lieber ein – sehr gutes – Buch zum Thema?

  • teilen
  • schließen