Der FC Ingolstadt wird Meister

Im Finale der Virtuellen Bundesliga, die am Sonntag zum ersten Mal live im Fernsehen lief.
Von Caspar von Au

Daniel "Bubu" Butenko reckt nach dem gewonnen Finale der Virtuellen Bundesliga die Meisterschale in die Höhe.

EA/Moritz Röder

77. Minute. Elias Kachunga dribbelt auf den gegnerischen Strafraum zu. Er schlägt einen Haken, noch einen, entdeckt Pascal Groß, passt ihm den Ball zu. Groß nimmt den Ball und drischt ihn links unten ins Tor. 1:0 für den FC Ingolstadt.

Daniel Butenko, 16, weiß-rotes Ingolstadt Trikot, springt von seinem schwarzen Ledersessel auf. Ballt die Faust, brüllt die Anspannung heraus, während er mit der anderen Hand den Playstation-Controller umklammert. Der virtuelle Pascal Groß auf der Leinwand jubelt ebenfalls. Das muss die Entscheidung gewesen sein. Ingolstadts Gegner, der SV Darmstadt 98, bräuchte nun mindestens zwei Tore.

Für Sky ist es ein Experiment

Butenko, genannt "Bubu", spielt im Finale der Virtuellen Bundesliga (VBL) um die Meisterschaft 2016 – der Gewinner erhält neben einer kleinen Nachbildung der Meisterschale aus Plexiglas auch 10.000 Euro Preisgeld. EA Sports, die Entwickler der FIFA-Serie, und die Deutsche Fußball Liga (DFL) tragen den Wettbewerb bereits zum vierten Mal gemeinsam aus. Das Besondere in diesem Jahr: Die Halbfinals und das Finale wurden vom Bezahlsender Sky live übertragen – auf Sky Bundesliga HD1. Da, wo normalerweise nur die echten Bundesliga-Profis zu sehen sind.

Das Finalturnier wird in der Kantine von Sky in München-Unterföhring ausgetragen. Rund 100 Zuschauer – die meisten sind junge Männer – sitzen vor einer kleinen Bühne, auf der die beiden Spieler zocken. Malte Hedderich, 20, kommentiert eigentlich E-Sport-Events und erklärt an einem Pult direkt neben den beiden Spielern das Geschehen Seite an Seite mit Bundesliga-Kommentator Jonas Friedrich von Sky.

„Es ist ziemlich geil, wenn man sieht, was für eine fette Show hier auf die Beine gestellt wurde“, sagt Hedderich. Der E-Sport wächst. Immer mehr Menschen schauen sich E-Sport-Events live über das Internet an, gleichzeitig steigen die Preisgelder. Aber interessiert das auch Fernsehzuschauer? Für Sky ist es ein Experiment – mit noch offenem Ergebnis.

Bayern, BVB und Leverkusen spielen in der Virtuellen Bundesliga kaum eine Rolle 

40 Spieler haben sich über das vergangene halbe Jahr in verschiedenen Kategorien für das Finalturnier qualifiziert. Entweder, weil sie zum Beispiel nach einem der sechs Monate der beste FIFA-16-Spieler in der Gesamtrangliste der VBL waren. Oder, weil sie nach sechs Monaten der beste Spieler eines Bundesligaclubs waren.

Daniel Butenko (re.) und Mohammed Harkous starren gebannt auf die Bildschirme vor ihnen. Das Spielgeschehen wird auf eine große Leinwand hinter ihnen übertragen.

EA/Moritz Röder

Während des Finales sitzen Daniel Butenko und sein Kontrahent Mohammed Harkous nach vorn gebeugt in großen Ledersesseln nebeneinander auf der Bühne. Beide starren konzentriert auf den Bildschirm vor sich. Nur ab und an schielt Butenko zu seinen Fans.

 

Damit es fair zugeht, sind in der VBL die Stärken der Teams aneinander angeglichen. Jeder FIFA-Fußballspieler hat eine Stärke von 85 von möglichen 100 Punkten. Marvin Hitz vom FC Augsburg ist also genauso stark wie Manuel Neuer von den Bayern, Pascal Groß von Ingolstadt genauso stark wie Thomas Müller. Es soll allein auf die Fähigkeiten am Controller ankommen.

 

Butenkos Fans tragen Trikots vom VfL Wolfsburg, HSV und vom FC Augsburg – nur einer hat ein Ingolstadt-Trikot an. Was im echten Fußball undenkbar wäre, ist in der Virtuellen Bundesliga Normalität. Die FIFA-Profis suchen sich den Verein nicht nach Sympathie aus, sondern danach, mit welchem Verein sie sich die besten Chancen ausrechnen, sich zu qualifizieren. Bayern-Fans gibt es viele, deswegen gibt es viel Konkurrenz, wenn man der beste Bayern-Zocker werden will. Da hat man es mit dem FC Ingolstadt leichter. In der echten Bundesliga fiebert auch Butenko mit dem FC Bayern mit.

 

Acht Stunden täglich zocken? Von wegen

Am Ende reicht Butenko das 1:0 für die virtuelle Deutsche Meisterschaft. Nach Abpfiff stürmt sein Fanclub auf die Bühne, sieben Jungs fallen über den 16-Jährigen her. Bei der Siegerehrung reckt Butenko die Meisterschale in die Höhe, wie es Thomas Müller am Sonntagnachmittag schon auf dem Balkon des Münchner Rathauses am Marienplatz gemacht hat. Weiß-rotes Konfetti regnet auf ihn herab. „Einfach nur geil“, sagt er, „so ein geiler Scheiß, echt!“ Seine Augen glitzern.

 

Der FC Ingolstadt darf sich gleich zweimal freuen. Der Club gewinnt neben der Einzelmeisterschaft auch noch in der Gesamtwertung im Vergleich zu den anderen 17 Bundesligaclubs den Titel. Ingolstadts Marketing-Chef Thorsten Brieger nimmt die zweite Meisterschale an diesem Abend entgegen.

 

In seinem Leben abseits von FIFA 16 und Gamecontrollern macht Daniel Butenko eine Ausbildung bei der Deutschen Bahn zum Fahrdienstleiter. Er kommt aus der Kleinstadt Neumarkt-Sankt Veit in Oberbayern. Der 16-Jährige gibt sich bescheiden nach seinem Turniersieg: „Ich kann mir das selber nicht erklären. Meiner Meinung nach bin ich gar nicht so gut.“ Er trainiert auch keine acht Stunden am Tag, sagt er. „Das will ich gar nicht. Da hab ich keine Lust mehr auf das Spiel.“

 

Im Oktober beginnt die neue Saison. Dann muss sich Butenko auf ein neues Spiel einstellen: FIFA 17. Schon kleine Veränderungen, wie zum Beispiel eine Verstärkung des Torwarts, haben enorme Auswirkungen auf Spielweise und Taktik. Bis jetzt hat es noch kein Virtueller Meister geschafft, seinen Titel im Jahr darauf zu verteidigen.

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