Moritz, Souvenirverkäufer

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„Den musst du unbedingt mal kennenlernen!“ So redet man über Menschen aus dem Freundeskreis, die man für das bewundert, was sie machen oder wer sie sind. In der Kolumne „Zu Gast bei Freunden“ lernt unser Autor genau diese Menschen in München kennen – immer die Person, die er vorstellt, sagt, wen er als nächstes kennenlernen soll. Vorangegangene Folgen stehen hier.

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Illustration: Julia Schubert

Ich will wieder hinter dem stehen, was ich mache, sagt Moritz. Die Sonne heizt einen engen aber sommergrünen Hinterhof in der Ringseisstraße. Moritz Gauger sitzt 34-jährig auf einer kleinen Holzbank vor seinem Büro und wälzt einen Teddy mit Lederhose von der einen Hand in die andere. Der Teddy ist die Zukunft. Aber jetzt setzt er seinen Sohn Lorenz auf seinen Oberschenkel und redet über die Vergangenheit. Vor elf Jahren studierte Moritz BWL und gründete mit seinen Freunden Lorne und Niki „Promilla“. Sie begannen, auf dem Oktoberfest Alkomat-Tests zu verkaufen. Eine Schnapsidee im guten Sinne. Interessanterweise gab es dafür Lob vom bayerischen Wirtschaftsminister Otto Wiesheu. Der gratulierte den Dreien und dekorierte sie mit einem Preis für die Geschäftsidee. Das war 1998 und damals stand die Zukunft sehr offen. Und weil eine tolle Zukunft auch immer mit einem Ort verbunden ist, gingen Lorne und Moritz im Jahr 2001 nach Berlin, wo das bessere München zu entstehen schien. Sie gründeten einen Hörbuchverlag und produzierten Audioguides für den Berliner Fernsehturm und Hörspiele. „Kampf um Troja“ hieß eine Produktion, für die sie in Moritz’ Schlafzimmer eine Tonkabine zimmerten. „Wir mussten oft lüften, damit die Sprecher nicht ersticken“, erinnert sich Moritz. Einmal kam ein Schauspieler raus und meinte: „Jungs, das war grenzwertig.“ Nach einem halben Jahr mit 30 Sprechern und selbstgemachten Sound-Effekten war das Werk da, verkaufte sich aber kaum. „Wenn ein Hörbuch 1000 mal weggeht, verkauft es sich gut“, lernte Moritz. Er hatte in seine Zukunft investiert. „Sowas geht nur ohne Familie und mit dem Glauben, dass es nach ein paar harten Jahren schon werden wird.“ Es wurde nicht. Drei Jahre sah Moritz nur Arbeit und nichts von Berlin. Er verließ die Stadt, sitzt heute im Hinterhof und denkt nach, während er auf seinen Sohn Lorenz schaut, der ein Blumenbeet umkrempelt. „Ich habe damals viel Kraft verschossen.“ Er konzentrierte sich wieder auf Promilla. Gerade laufen wieder die Castings. 300 Frauen sprechen für die 120 Jobs als Promilla, als Mammarazza oder als Souvenirbauchladenhändlerin vor. Sie laufen auch dieses Jahr wieder in Moritz’ Auftrag über das Oktoberfest und wirken wie die Sahnehäubchen des Volksfestes. Sie lassen Menschen in den Alkomat blasen und verteilen Promilleurkunden. Sie machen Fotos und verkaufen Herzchen- oder Brezn-Anhängerchen. Die Souvenirs sind der Kern von Moritz’ neuem Geschäft, es gibt sie mittlerweile auch im Hofbräuhaus. Und trotzdem scheint Moritz nicht mit sich zufrieden. „Für mich war dieses Geschäft immer eine Zwischenlösung. Ich dachte immer, ich finde etwas, hinter dem ich noch stärker stehen kann.“ Moritz wollte immer mit Freunden arbeiten, er wollte immer den Spaß am Arbeiten mit der Lust am Leben mischen. Eigentlich klappt das auch. Beim Oktoberfest helfen ihm die Schwestern, Freunde und Bekannte. Sie dirigieren mit ihm die Promillas und die Souvenirs, sie bestücken mit ihm seine Verkaufsstände im Käferzelt oder im Hippodrom. Das alles ist sehr toll und doch ist es manchmal zu wenig, sagt Moritz. Er schraubt an seiner Selbstverwirklichung. Er versucht sich an der hohen Kunst, sein Wesen in Deckung mit seinem Tun zu bringen. „Ich bin doch kein Souvenirhändler“, sagt Moritz, fährt sich mit einer Hand durch die Haare und erinnert sich an Berlin. Seine Freundin rät manchmal, er möge sich einen sicheren Job suchen und das Grübeln abstellen. Selbständige und Selbstverwirklicher müssen viel grübeln. „Ich sitze manchmal abends neben ihr, sie erzählt vom Tag und ich denke derweil über lauter Blödsinn nach. Über Bestellungen, über Geld, über Kunden. Aber dieses Nachdenken bringt gar nichts“, sagt Moritz und grübelt weiter. Er wälzt den Teddy, der auf der Brust einen FC Bayern-Wappen trägt. Im Frühjahr hatte Uli Hoeneß angerufen, aus dem Nichts. Er wollte Teddys für die Fans und Moritz entflammte und nun machen sie die Bayernteddys. „Auf einmal hast du Uli Hoeneß am Telefon“, sagt Moritz und lächelt. Hinter dem, sagt er, ja: hinter dem könne man schon stehen. Nächste Woche, sagt Moritz, „solltest du unbedingt die Kristina kennenlernen.“ Er kennt sie aus der Schule und sie hat eine Galerie, die eigentlich keine Galerie ist.

Text: peter-wagner - Foto: Jürgen Stein

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