Wie ein Adlerflug

Nur alleine kann man den Alltag hinter sich lassen und seine Touristenhülle abstreifen. Ein Plädoyer fürs Reisen ohne Begleitung
mercedes-lauenstein

Zusammen oder alleine? Die meisten Dinge kann man entweder mit anderen oder nur mit sich selbst tun. Manchmal ist Einsamkeit eine Notlösung, ein andermal wünscht man sich nichts sehnlicher als ein bisschen Ruhe vor anderen Menschen. Und oft ist es im Voraus unmöglich zu entscheiden, welche der beiden Optionen die bessere ist. Deshalb haben wir dem der Frage „Zusammen oder Alleine“ heute ein Gegensatz-Magazin gewidmet. Es geht ums Zusammenwohnen und Sex mit sich selbst. Um das Verreisen ohne Begleitung und das Sporteln ohne Freunde. Ums Herdenschreiben und Orte, an denen Gemeinschaft künstlich hergestellt werden muss.

Wenn ich verreise, will ich mich gehen lassen. Nicht unbedingt im trägen, sondern vor allem im wortwörtlichen Sinne: Loslaufen, wohin der Wind mich weht und uneingeschränkt das tun, wonach mein unstetes Gemüt gerade verlangt. Selbst, wenn das bedeutet, wirre Haken durch die ganze Stadt und vorbei an allen eigentlichen Sehenswürdigkeiten zu schlagen. Ohne Rücksicht auf Verluste kann ich fünf Stunden in einem Straßencafé verbringen, obwohl ich anfangs nur fünf Minuten bleiben wollte. Ungeachtet aller Ausgehmöglichkeiten kann ich viel zu früh ins Bett fallen, ohne dass ich dadurch jemandem den Abend verdorben hätte. Und wenn mir danach ist, kann ich morgens um vier einen spontanen Stadtspaziergang unternehmen, um mich vormittags um neun Uhr bei strahlendem Sonnenschein einfach wieder hinzulegen.  

Default Bild

Illustration: Julia Schubert



Erst wenn ich allein reise, bin ich wirklich frei. Nichts hält mich und nichts lenkt mich ab, ich bin mir selbst mein bester Freund und habe die nötige Muße, um einen Ort von vorne bis hinten zu begreifen. Klar, ein vertrauter Begleiter bietet mir Schutz. Aber er macht es mir unmöglich, mich zwischen den Häuserwänden zu versenken und mir einzubilden, ich wäre ein Einwohner dieser fremden Stadt. Mit meinem Reisefreund schleppe ich stets ein Stück Zuhause mit mir herum, wie ein Hund an der langen Leine bin ich im Geiste unweigerlich mit meiner Heimat verbunden. Unsere Zweisamkeit hält mir unaufhörlich vor Augen, dass wir Fremdkörper an diesem Ort sind. Zusammen sind wir in eine komische Touristenhülle eingezwängt, die uns daran hindert, vollends in der Stadt anzukommen. Andere Leute mögen diese Hülle als angenehmen Schutz vor Langeweile und Alleinsein empfinden, ich ertrage sie nicht. Zumindest nicht immer. In beschränktem Maße genieße ich es natürlich, zu zweit an einen fremden Ort zu fahren. Aber diese Art von Wegfahren hat für mich dann nichts mit echtem Reisen zu tun. Es ist Urlaub – schön, aber harmlos. Es gibt Zeiten, in denen mir das zu wenig ist. Manchmal will ich meine Muttersprache einfach nicht mehr hören und erst Recht will ich nicht über alte Geschichten sprechen oder über gemeinsame Bekannte. Ich will meinen Fensterplatz im Flugzeug nicht aus Höflichkeit abgeben und ich will weder am Gepäckband, noch auf dem Klo warten müssen. Ich will keine Pläne und keine Kompromisse.

Alles, was ich dann will, ist eine einsame Stille, in der ich genügend Raum habe, mit mir selbst ins Gespräch zu treten. Ich empfinde das wie einen Adlerflug, in dem ich aus allem heraustrete und mein Leben aus einer losgelösten Perspektive betrachte. Wenn meine Alleinreise dann vorbei ist, gibt es zwar niemanden, der sich an das Erlebte noch erinnert, außer mir. Es stimmt, dass einen das Gefühl beschleichen kann, keines der Erlebnisse, an die man sich erinnert, wäre wirklich passiert. Alles hätte genau so gut ein Traum sein können.

Für viele ist das der Grund, nicht allein wegzufahren. Sie möchten jemanden haben, mit dem sie an der Hafenkante ihr Bier trinken können. Jemanden, der die Geschichte hinter den Erinnerungsfotos kennt und jemanden, mit dem sie noch Jahre später „Weißt du noch“-Sachen bereden können, als eine Art Spurensicherung des eigenen Lebens.

Alleine verreisen ist manchmal tatsächlich einsam und flüchtig. Aber es ist eine schöne Einsamkeit, in der man sich endlich mal in aller Ruhe selbst begegnet. Und ich finde, dass das sehr viel besser ist, als sich aus Feigheit tagelang auf der Pelle zu hocken und vor lauter Kompromissen nichts von dem machen zu können, was man eigentlich gern gemacht hätte. Ich bin davon überzeugt, dass jeder hin und wieder alleine verreisen sollte. Schon allein, weil man sich gar nicht erst angewöhnen sollte, dass Dinge nur bedeutsam werden, wenn jemand da ist, der sie bestätigt.

Text: mercedes-lauenstein - Foto: jmdphoto / photocase.com

  • teilen
  • schließen