Geheime Gesetze (10): Das nackte Grauen

Friedemann Karig widmet sich den ungeschriebenen Regeln des Alltags. In dieser Folge erklärt er, warum immer die Falschen die Hüllen fallen lassen.
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Illustration: Julia Schubert


Jeder Mensch ist manchmal nackt. Und jeder Mensch mag andere Menschen nackt sehen, ganz bestimmte Menschen, die ihm am Herz oder etwas tiefer liegen. Fremde hat man hingegen am liebsten angezogen. Es sei denn, sie sind wunderschön. Die Wunderschönen wissen jedoch, dass sie wunderschön sind, und verhüllen ihre Kunstwerkkörper. Wohingegen ausgerechnet die, naja, nicht ganz so irrsinnig Schönen umso lässiger zeigen, was keiner sehen will. Die urbane Legende von der heißen Nachbarin, die ihre Fenster gut sichtbar im Adamskostüm putzt, wird nie wahr. Die von dem perversen Spinner, der nachts im Park lauert, leider schon. Egal ob Badesee oder Party: Es ziehen sich immer die Falschen aus. Genau jene, die man niemals nackt sehen wollte.  

Am deutlichsten wird dieses geheime Gesetz dort, wo man ihm am besten aus dem Weg gehen kann. Hat man sich zufällig oder in einem Anflug von Neugierde in den FKK-Bereich einer Badeanstalt verirrt, bereut man schnell. Lederhäute und Schrumpelbäuche, so weit das Auge reicht. Wer darauf keine Lust hat, meidet entsprechende Zonen. Aber mit steigenden Temperaturen breitet sich die Nacktheit aus, auch dorthin, wo die Menschen eine konservative Kleiderordnung befolgen. An jedem sommerlichen Weiher, Schwimmbecken und Fluss gibt es Freigeister, die auch ihren Körper befreien müssen. Man lässt den Blick schweifen, bis er hängen bleibt, ob man will oder nicht. Dann starrt man angestrengt woandershin und fühlt sich gleichzeitig doof. Denn niemand ist perfekt, und Schönheitsideale sind generell ziemlicher Quatsch. Aber der Umkehrschluss, alles ohne Rücksicht zu zeigen, funktioniert auch nicht. Man schaut an sich herunter, denkt sich die Kleidung weg und: Das muss, will, soll nicht jeder sehen. Je bewusster die eigenen Makel, desto unverständlicher die optische Offensive anderer Menschen.   

Es gibt Ausnahmen: In der Sauna hat man sich darauf geeinigt, einander textilfrei zu sehen. Und bei Temperaturen über 30 Grad und allgemeiner Bademodenstimmung kann man eine gewisse Luftbeschaffungskriminalität entschuldigen. Ein Stück Stoff mehr oder weniger macht den Braten (und die Menschen) nicht fett. Doch wenn absichtlich jeglicher ästhetische Umweltschutz eingestellt wird, verkommt der Anblick menschlicher Anatomie, so natürlich und okay sie ist ist, zur Waffe. Wenn Aktivisten blank ziehen für ihre Ziele, fühlt man sich erpresst. Wenn sich im Theater Schauspieler entblößen, die man für ihre Kunst, nicht für ihre Astralkörper schätzt, buhen die einen, gähnen die anderen, gehen die nächsten. Wenn man ihn nicht gebrauchen kann, zum Beispiel bei wichtigen Fußballspielen, rennt ein hosenloser Hintern durchs Bild. Aber der Schwarm, den man sich schon hundertmal nackt vorgestellt hat, der bleibt keusch.

Zum Glück reguliert der Wechsel der Jahreszeiten einen Großteil der falschen Nacktheit. Es wird kalt, zu kalt für Exhibitionismus. Schade wiederum, dass die Exemplare, die man gerne etwas leichter bekleidet sieht, sich auch wieder verhüllen. Dann stellt man sie sich einfach nackt vor. Denn im eigenen Kopf, der ironischerweise fast immer entblößt ist, kann zum Glück jeder selbst bestimmen, wer sich auszieht und wer nicht. 



Text: friedemann-karig - Illustration: katharina-bitzl

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