Geheime Gesetze (12): Geklatscht wird immer

In dieser Kolumne widmet sich Friedemann Karig den ungeschriebenen Regeln des Alltags. In der neuen Folge erklärt er, warum am Ende immer alle ihre Hände ohrfeigen.
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 Zur Kenntnisnahme von Darbietungen aller Art muss geklatscht werden, auch wenn niemand danach ist. 

Sonderbares tut der Mensch, wenn er begeistert ist: Er rollt mit den Augen, schwingt Extremitäten, setzt Körperflüssigkeiten frei. Und klatscht in die Hände. Um seine Entzückung mitzuteilen oder wenigstens hörbar anwesend zu sein, auch wenn er gar nicht entzückt ist. Es ist Geheimes Gesetz, egal welche Qualität die Darbietung letztlich erreicht: Geklatscht muss werden. 

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Illustration: Julia Schubert



Jede dieser Gruppendynamiken muss ein Einzelner beginnen. Oft ist es Elternstolz oder Mitleid, das die ersten Handflächen zusammenführt, gefolgt vom Herdentrieb, der die anderen mitreißt. Mit dem richtigen Timing kann der Rädelsführer den Applaus erzwingen, bis, nach einem kurzen Zögern, alle ihre Hände ohrfeigen. Bei professionell geplanten Veranstaltungen animiert oft ein „Vor-„ oder „Anklatscher“ das Publikum. Ein Schild mit „Applaus“ leuchtet auf, man darf erst aufhören, wenn es erlischt. Einzelne Fälle von bezahlten Klatschern, also sich prostituierendem Publikum, das für ein paar Penunzen so tut als ob, untergraben die ohnehin zweifelhafte Reputation dieser Fernseh-Events. Der mythische „Slow Clap“, der die Verwunderung, die einem lebensverändernden Statement folgt, überwindet und alle Spannung in rhythmischen Konsens auflöst, ist beliebtes Stilmittel des Hollywood-Kinos. Obacht: Entweder der Erstklatscher wird zum Held, der mutig ausdrückt, was alle denken – oder er blamiert sich, weil keiner mitmacht. Die Nachzügler, die das letzte nonverbale Wort haben müssen, sind ebenso wichtig. Ihre einzelnen drei Rest-Klatscher bedeuten: Wir Aficionados sind besonders erfreut und hätten noch minutenlang weiter getönt, aber die Mehrheit möchte lieber mehr vom Programm. Deswegen bändigen wir unsere Begeisterung und klatschen aus. Mehr Respekt als solch ein widerwillig verstummender Applaus geht nicht. Denn das superlative mit den Füßen auf dem Boden Trampeln ist seit Ende der Neunziger für Erwachsene verboten und wird erst allmählich wieder salonfähig. Pfeifen ist erlaubt, wirkt allerdings nur auf Rock-Konzerten positiv. Im aufgepeitschten Publikum hipper Fernsehsendungen hat sich stattdessen ein affirmatives Schreien etabliert. Wann auch immer der Moderator einen Star oder einen anderes tolles Fernsehgimmick ankündigt, machen Heißsporne „Uuuuuuh!“ und damit ihre Freude über den Besuch laut. Schwankt die Stimmung vor der Bühne jedoch zwischen wild und ironisch, was häufig Laientheatern oder Kleinstadtmodenschauen zustößt, darf ein Witzbold (aber nur einer!) beim Auftritt einer Protagonistin „Ausziehen!“ rufen. Dieser Aufforderung ist auf keinen Fall Folge zu leisten.  

Selbst wenn die Klatscherei mit zunehmender Veranstaltungsdauer und abnehmender Sensation immer lahmer wird, selbst wenn verstohlene Blicke anzeigen, dass keiner mehr wirklich überzeugt klatscht, selbst wenn sich die Handflächen anfühlen wie mit Schlägen zum Reden gezwungene Zeugen – ein zarter Kontakt zwischen rechter und linker Hand ist das absolute Minimum. Was nicht beklatscht wird, ist nicht passiert. Wer sich trotz allem jeder akustischer Geste verweigert, muss mit wohlwollend genießerischem Lächeln die Arme verschränken oder Getränke halten; jedenfalls deutlich machen, dass er aus Understatement oder Durst nicht applaudiert, und nicht weil er irgendetwas doof findet. Sonst läuft er Gefahr, von enthusiastischen Fans geklatscht zu werden. 



Text: friedemann-karig - Illustration: katharina-bitzl

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