Geheime Gesetze (4): Hallo, Handy?

In dieser Kolumne widmet sich Friedemann Karig den ungeschriebenen Regeln des Alltags. Die vierte Folge dreht sich um den wichtigsten Satz der Telekommunikation.
friedemann-karig

Das Gesetz der Telefone: Im richtigen Intervall und ehrlich fragend intoniert, kann “Hallo?” entstörend auf Handyempfang wirken. Vermutlich.  

Default Bild

Illustration: Julia Schubert



Unsere Zeit ist voller technischer Wunder. Passieren diese ausnahmsweise nicht, reagieren wir ratlos: Gleitet die Karte nicht ordentlich in den Schlitz, wird sie manisch gerieben. Kommt danach kein Geld raus, schlägt man den Automaten. Wir behandeln fehlerhafte Technik wie Rabeneltern ein widerspenstiges Kind: mechanische Einwirkung, hohe Dosis. Ein Klaps auf den Hinterkopf steigert das Denkvermögen – auch das von Halbleitern und Schaltkreisen. Unser Glaube an das Eigenleben der Geräte lässt sie uns als kleine, funktionsunwillige Menschen erscheinen. Und da Technologie ab einem gewissen Grad von Magie nicht mehr zu unterscheiden ist, scheint sie manchmal wie verhext. Also beschwören wir mit Ritualen und Zaubersprüchen den Geist in der Maschine: „Komm schon, spring schon an, zick nicht rum!“ Wir feilschen mit Motoren, becircen Prozessoren, drängen und drohen. Und manchmal rutscht uns die Hand aus. Doch eines unserer wichtigsten und störungsempfindlichsten Geräte, das Handy, macht uns regelmäßig zum machtlosen Bittsteller.

Wenn der Empfang schlecht ist und eine Telefonverbindung deswegen abbricht, scheint nur ein Wort zu wirken, wie ein Gebet, wie ein Mantra: „Hallo? Hallo? Hallo?“ Anfangs leitet man damit eine Erleichterung wie „Ah, jetzt geht´s wieder, bin aus dem Tunnel raus“ ein, oder aber die oberflächliche Diagnose: „Funkloch, sorry!“ Bei ausbleibender Antwort dürfen die Vokale des „haaallooo?“ gedehnt, das Fragezeichen betont werden. Eine absteigende Melodie macht die zwei Silben dringlicher. Das Telefon sollte nun reagieren und wieder dienen. Geschieht nichts, klingt das „hallo?“ immer genervter, wütender, resigniert. Der Sprung in der Schallplatte kratzt im Hals. Schließlich kommt man sich und möglichen Mithörern blöd vor, legt auf, wählt erneut und meldet sich mit: „Hallo?“  

Das ist geschichtlich nur konsequent. Denn jenes allererste, von Alvar Edison 1877 auf seinem Phonographen aufgezeichnete Wort war: Hallo. Erst mit der Verbreitung von Telefonen gelangte diese Grußformel in die Umgangssprache - sogar auf Farsi (Alo!) und Indonesisch (Halo!). Nur logisch, heute noch inflationär zu grüßen, wen man akut nicht hört. Das Gewohnheitstier Mensch weiß: Was seit einem Jahrhundert benutzt wird, kann nicht wirkungslos sein. Vermutlich wurde den smarten Geräten eine Spracherkennung eingebaut, die auf „hallo“ reagiert. Auch wenn davon nichts in den Bedienungsanleitungen steht, darf man davon ausgehen, dass folgendes Geheime Gesetz der Technik gilt: Im richtigen Intervall und ehrlich fragend intoniert, kann “Hallo?” durchaus entstörend wirken. Achtung: Diese Taktik funktioniert nur bei Telefonen. Wer den Automaten oder gar den Bankangestellten mit rhythmischen Hallos zur Herausgabe von Geld bringen will, wird selbst zur Störung. 


Text: friedemann-karig - Illustration: sophie-kobel

  • teilen
  • schließen