Geheimes Gesetz: Ein Rausch wird besser, je ungeplanter er kommt.   

 Es fängt harmlos an: Nur auf einen Drink zum besten Kumpel, nur ein Feierabendbier mit der Kollegin. Nichts ist geplant. Schon gar keine Schandtaten. Dann wacht man am nächsten Morgen drei Stunden zu spät, dafür mit Monsterkater auf. Und grinst. Denn das Geheime Gesetz des Rausches hat wieder zugeschlagen: Die spontanen Abstürze sind die Besten.  

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Dabei geht es weniger um die biochemische Reaktion, die Ethanol in unseren Körpern auslöst. Auch Abstinenzler berichten, dass ihnen ungeplante Ausraster am allermeisten Spaß machen. Viel schwerer zu genießen sind wochenlang vorbereitete Mottopartys, über die man sich so viele Gedanken macht, dass kaum Raum für Sensationen bleibt. Hat man sich, wie heutzutage üblich, in illustrer Runde zur Eskalation verabredet, wird der Abend womöglich gut, manchmal richtig toll. Aber genau deswegen ist man ja überhaupt losgezogen. Fährt man gar irgendwohin, um sich die Nächte um die Ohren zu schlagen, verbraucht man schon auf der Reise viel Energie, die dann nachts fehlt. Auch fehlt auswärts die Option, einfach ins eigene Bett fallen zu können, welche das Weiterfeiern sonst erst aufwertet. Mit zunehmendem Alter vermiesen die längeren Regenerationsphasen und die verdammte Vernunft die Vorfreude auf ein rauschhaftes Event. Es gibt, im Vorhinein betrachtet, immer etwas Schlaueres zu tun, als nicht zu schlafen und ungesunde Substanzen zu sich zu nehmen. Diese Erkenntnis hemmt den inneren Freak, bewusst oder unbewusst.  

Anders, wenn einem der Rausch einfach zustößt. Bestreitet man den Abend von Glas zu Glas, fühlt man sich als verwegener Pfadfinder, der sich seinen Weg durch den nächtlichen Dschungel sucht. Wird man dabei positiv überrascht, scheint eine höhere Macht den Mut zum Ausriss zu belohnen. Das Einkaufswagenwettrennen oder der Kuss im Mondlicht sind nicht Teil einer Planerfüllung, sondern gutes Karma. Was ist man doch für ein Glückskind, ausgerechnet heute auf den Putz zu hauen, wo der Putz so lustig tanzt! Im geistigen Fotoalbum der Erinnerung, wo eigentlich ein vorschriftsgemäß verlebter Abend schnell verblassen sollte, sticht eine wilde Abfahrt noch auf Jahre heraus. Und das schönste Nebenprodukt der Feierei, nämlich die Geschichte hinterher, bekommt die verheißungsvolle Einleitung aller großen Mythen: Eigentlich wollte ich ja nur auf einen Drink... 



Text: friedemann-karig - Illustration: Katharina Bitzl