Geheime Gesetze (9): Sonntags vor der Glotze

In dieser Kolumne widmet sich Friedemann Karig den ungeschriebenen Regeln des Alltags. In der neuen Folge erklärt er, warum Sonntagabend nichts als Glotzen erlaubt ist.
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Geheimes Gesetz: Auch wenn Fernsehen werktags schädlich ist und nur in ironisch geringen Dosen genossen werden darf: Am Sonntagabend ist Glotzen erste Bürgerpflicht.

Wenn es Abend wird in Deutschland, versammeln sich die Menschen vor den Fernsehschirmen. Was werktags noch von miesem Programm und Alternativangeboten gebremst wird, wird sonntags zur nationalen Bewegung auf die Couch. Der Sonntagabend vor dem Fernseher ist das Sandmännchen der Erwachsenen, das letzte Zuckerstück des Wochenendes. Es gilt das Gesetz: Wer Sonntagabend nicht Fernsehen schaut, ist entweder tot oder Terrorist. 

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Illustration: Julia Schubert


Wichtigstes TV-Kulturgut ist der Tatort. Böse Zungen (in diesem Falle die von Peter Richter in seiner Alkoholfibel Über das Trinken) fragen, ob der Tatort solch eine Institution geworden wäre, wenn nicht die Hälfte der Leute komplett verkatert oder mit Restalkohol vernebelt davorsäße. Die Bereitschaft zum Laid-Back-Medium Fernsehen ist Sonntags eine besonders hohe, sei sie nun harten Drinks oder harten Arbeitstagen geschuldet. Wie sonst würden Milliarden Zuschauer die Grundschuldrehbücher und Mittelschichtklischees (und bald auch noch Til Schweiger) ertragen?

Gleichwohl ist der Tatort das letzte Lagerfeuer der Nation, der Wal im Meer des Sonntagabends. Um ihn wuseln sehenswerte Sendungen wie Putzerfische; neben ihm treibt Hollywoodkino auf dem Rücken, durchbohrt von Werbeunterbrechungen. Jeder darf auf der Fernbedienung wählen: Krimi oder Blockbuster, Literatursendung, Kulturmagazin, politischer oder humoriger Talk. Das Internet macht Fernsehen weniger linear, eine ganze Generation schaut nur noch in den Mediatheken, mag sein. Trotzdem oder gerade deswegen wird Sonntags geschaut. Zur Not im Stream leicht zeitversetzt, weil die Pizza nicht pünktlich kam. Zur Not irgendeinen Quark, den man an anderen Tagen sofort abschalten würde. Aber glotzen tun sie alle. Wer nicht glotzt ist Außenseiter. Wer will schon alleine zum Ballett oder Nachtminigolf gehen?

Und worüber soll man sonst reden? Denn wichtiger noch als das Glotzen ist die gemeinsame Reflexion des Geglotzten. Was man in welchem Zustand mit wem wann warum gesehen hat, und wie schlimm oder gut man es fand, ist zeitgleich im Internet, spätestens Montag auf Arbeit bestimmendes Thema. Auf einmal sind selbst die unbedarftesten Menschen topinformiert über das spezielle Thema, das bei Jauch dran war, Eltern kennen Rockbands, Kinomuffel geben Arthouse-Filmtippsr. Wer dann nicht mitreden kann, gar das asoziale gute Buch dem Fernsehen vorgezogen hat, überlässt den Glotzern die Agenda und macht sich gesellschaftlich strafbar. Diese totalitäre Freizeitgestaltung fördert Verschwörungstheorien, die dem Geheimen Gesetz des Sonntagabends eine sinistere Bedeutung geben: Erlässt die Regierung just in diesen ruhigen Stunden andere Geheime Gesetze? Will uns der Kapitalismus für eine weitere Woche Selbstausbeutung ruhig stellen? Werden im Tatort versteckte Botschaften gesendet, die unsere müden Gehirne waschen? Man sollte darüber eine Sendung machen und ausstrahlen, wenn alle zuschauen.

Text: friedemann-karig - Illustration: katharina-bitzl

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