Geheimes Gesetz (1): Der witzige Dialekt

In dieser neuen Kolumne widmet sich Friedemann Karig den ungeschriebenen Regeln des Alltags. Die erste Folge dreht sich um das unvermeidliche Nachahmen von Mundarten.
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Gesetz: Thematisierte Dialekte müssen sofort von allen Anwesenden dilettantisch imitiert werden. Fehlendes Talent zur Mundart kann dabei durchaus mit Lautstärke ausgeglichen werden. Und Sächsisch kann jeder.

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Illustration: Julia Schubert


 
In der Regel sind Talente ungleich verteilt: Manch einer kann alles. Viele können wenig. Geborene Entertainer steppen, erzählen Witze und ahmen doofe Promis nach – und das alles perfekt. Das Fußvolk überlässt diesen Gebenedeiten notgedrungen die Bühne, und sei diese nur ein Biertisch oder der Raucherhof. Wer sie nicht aus dem Effeff beherrscht, hält sich zurück mit Flickflacks, Zaubertricks und Freestyle-Raps – zumindest im nüchternen Zustand. Nur ein Geheimes Gesetz erlaubt, nein, befiehlt die Ausnahme: Wenn Dialekte imitiert werden, müssen alle mitmachen. Auch und besonders die Untalentierten.
 
Sobald eine rheinische Frohnatur ihr Kölsch vorsingt oder ein Hochnorddeutscher „über den spitzen Stein stolpert“, machen das alle nach. Gibt einer endlich den Franz Beckenbauer, antworten seine Zuhörer auf schlechtem Bayrisch: „Joah guad, äh, schau mer mol.“ Dieser Reflex braucht nicht mal einen menschlichen Trigger: Erwähnt jemand eine Stadt wie Erfurt oder Stuttgart, Saarbrücken oder Aachen, probiert man fröhlich und in ganzer Runde die dort vermutete Mundart aus. Dabei kommt es weder auf die authentische Härte des fränkischen Rrrrs noch die charakteristische Weichheit der alemannischen Konsonanten an. Es zählt nicht die Fertigkeit, sondern die Entschlossenheit, einige vermeintlich typische Sätze so hörbar zu färben, dass alle den Gag kapieren. Mangelndes Talent bei diesem Treiben darf nicht beschämt verflüstert, sondern muss mit Lautstärke ausgeglichen werden. Wenn man nur vehement genug mit einem „Ja nüüü!“ anzeigt, dass man Sächsisch zu sprechen meint, lässt sich sicher jemand zu einem korrespondierenden „ei verbibbsch!“ herab. Denn Sächsisch kann jeder. Gemeinsam macht man sich lustig, oder besser: lächerlich. Und aus der Sprachverstümmelung des Dialekts, sonst verpönt und vermieden, wird ein Mannschaftssport.

Aber wieso diese freiwillige Entblößung? Wollen wir Deutsche damit unsere Einigkeit in Vielfalt feiern? Oder ist es doch eher aggressiver Lokalpatriotismus, wenn man fremde Zungenschläge verunstaltet?

Ganz im Gegenteil: Im Nachmachen von Dialekten zeigt sich die versöhnende Kraft der Talentfreiheit. „Ich kann es nicht“, gestehen der schwäbelnde Berliner, der berlinernde Frankfurter, der hesselnde Hannoveraner ein, „aber ich versuche es trotzdem, und alle machen mit!“ Auf der Bühne des Dialektes darf eben jeder kurz ein Star sein, und so lange es niemand in der Runde richtig kann, sind wir alle gleich. Was dem Japaner sein Karaoke, ist uns der dilettantische Dialekt. So ist der Deutsche vielleicht am meisten Demokrat im Moment gemeinsamen Scheiterns. Spricht man diesen Satz auf Sächsisch, klingt er übrigens gar nicht mehr so fies.

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