Geheimes Gesetz (16): Eltern wollen nichts kapieren

In dieser Kolumne widmet sich Friedemann Karig den ungeschriebenen Regeln des Alltags. Diesmal versucht er der hartnäckigen Amnesie nachzugehen, die sich bei Eltern einstellt, sobald ihr Kind das Haus verlassen hat.
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Das Gesetz:
Eltern dürfen nicht zuhören, wenn man ihnen erzählt, wo man gerade ist, wohin man fährt oder wo man demnächst sein wird.

„Ihr seid die Bogen, von denen eure Kinder als lebende Pfeile ausgeschickt werden“, predigte Khalil Gibran den Eltern. „Der Schütze sieht das Ziel auf dem Pfad der Unendlichkeit.“ Diese Analogie erklärt ein Geheimes Gesetz, das jeder junge Mensch kennt, der nicht mehr bei seinen Eltern wohnt, jedoch ihre Zuneigung und Aufmerksamkeit noch genießt: Eltern dürfen nicht zuhören, wenn man ihnen erzählt, wo man gerade ist oder demnächst sein wird. Es ist ihnen fortan verboten, Informationen über den Aufenthaltsort der Kinder korrekt zu speichern oder wiederzugeben.  

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Illustration: Julia Schubert



Als Nachwuchs geht man seiner eigenen Wege, sucht seinen Platz in der Welt, stößt Hörner ab und dergleichen mehr. Als von der Sehne gelassener Pfeil vernachlässigt man die Informationspflicht gegenüber Erzeugern. Manch ein Experiment mit Drogen oder Sexualpartnern möchte man nicht mitteilen, um sie nicht zu beunruhigen. Manch misslicher Mangel an Geld oder festem Wohnsitz wird verdrängt. So zeichnet man mittels Auslassungen ein stimmiges Bild seiner selbst und hofft, dass Mutti und Vati keine Fragen stellen. Doch selbst wenn man transparent jede Butterfahrt und jeden Besuch bei alten Kumpels mitteilt, gelangen diese Informationen nie in das Mittelzeitgedächtnis der Vorfahren. Egal wie oft und ausführlich man von kommenden Operationen in Köln, Krakau oder Katmandu erzählt, Eltern werden immer überrascht reagieren, wenn sie einen unterwegs erwischen.

Nicht alle Eltern legen das Gesetz hinsichtlich Geographie aus, manche können sich beispielsweise keine Namen merken: „Bist Du bei Jochen?“ – „Jörg.“ – „Ah, der Sohn von Hoffmanns.“ – „Herrmanns, Mama.“ Anderen Altvorderen muss man ein Leben lang immer wieder erklären, was man genau beruflich treibt oder was man studiert hat. Doch besonders die geographische Gedächtnisschwäche erlaubt vorwurfsvolle Untertöne. Schließlich ist es ein Grundrecht von Eltern, immer über den Verbleib ihrer Kinder informiert zu sein. Auch wenn sie ihn sofort wieder vergessen.
„Wo bist Du denn?“
 „Im Zug.“
„Wieso im Zug?“
„Ich fahre nach Hamburg.“
 „Wieso das denn?“
„Hab ich Dir doch erzählt.“
„Nein, sonst wüsste ich ja davon.“

Die zwingende Kausalität zwischen spontanem Unwissen und Unmöglichkeit einer vorhergehenden Information ist Eltern ebenso eigen wie grundsätzliche Verwechslung auch nur annähernd gleichklingender Ortsnamen: „Hamburg? Ich dachte, du fährst nach Frankfurt?“  

Der Verdacht, dass diese Vergesslichkeit nur ihrem Bedarf nach Kontakt dient, weil sie einen weiteren Anruf rechtfertigt beim Rabenkind, das sich nie meldet, sei erlaubt. Wahrscheinlicher sitzen sie daheim im Hobbykeller vor einer riesigen Weltkarte, mit Fähnchen militärisch exakt die Wege ihrer Nachkommen abgesteckt. Ihre vorgeblich unwissenden Anrufe sind nur Kontrolle unserer Zielgenauigkeit, ein Nachfassen am Bogen des Lebens. Diese Meisterschützen. 


Text: friedemann-karig - Bastelei: Torben Schnieber

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