Geheimes Gesetz (2): Lex Cool

In dieser Kolumne widmet sich Friedemann Karig den ungeschriebenen Regeln des Alltags. Diesmal: das Problem mit tollen Dingen, die man früher entdeckt hat als alle anderen.
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Die Lex Cool: Wenn etwas beliebt wird, darf eine Minderheit es nicht mehr gut finden, weil sie es schon kannte. Eine andere Minderheit muss stur verwehren, was alle gut finden. Die Mehrheit ist verwirrt.

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Illustration: Julia Schubert


  Achtung, gewagter Vergleich zum Einstieg: Trends sind wie Sex. Entweder man kommt zu früh, zu spät - oder gar nicht. Die Entdeckung der heißen Band, der stylishen Schuhe, des verrückten Blogs startet den Countdown: Andere Trüffelschweine schnüffeln und liken und sharen und schwatzen - bis der letzte Lifestyle-Lemming das Fundstück entdeckt hat. Beim Gang zur Bushaltestelle sieht man dann jene modischen Insignien an fragwürdigen Existenzen, die man gestern noch als Alleinstellungsmerkmale trug. Aus jedem Autoradio plärrt die Stimme, die bisher nur für die eigenen Ohren sang. Und bei der Arbeit warten drei Mails, in denen die neuen Lieblinge prostituiert werden. O weh: Jeder Banause feiert die einst einzigartigen Steigbügel der Individualität als die seinigen. Ohne Rücksicht, ohne Respekt.

Es ist anstrengend, vorne weg zu laufen, und frustrierend, eingeholt zu werden. Es tut weh, von ehemaligen Schulkameraden, die inzwischen in Haftpflichtversicherungen machen, aus der Avantgarde gedrängt zu werden. Derart gedemütigt geben manche Trendeltern ihre Trendkinder auf und seufzen: „Wenn jetzt jeder damit rumrennt, brauch ich das nicht mehr.“ Endstation Trend-Babyklappe, auch bekannt als Mainstream.  

Wer hingegen der Mode hinterherrennt wie einem abfahrenden Zug, den bremsen die gelangweilten Kommentare der Early Adopter: „Dieses hippe Produkt hab ich mir letztes Jahr zu einem hippen Anlass schenken lassen. Ist aber natürlich immer noch ganz nett.“ Schlimmer nur, wenn man etwas entdeckt hatte, es aber aus Lethargie, Unsicherheit oder Bescheidenheit nicht rausposaunte. Dann erntet ein anderer die Anerkennung der Aufmerksamkeitsökonomie, lässt sich als Entdecker des modischen Neulandes feiern. Und man kann nur möchtegern quaken: Kannte ich schon längst! Ist gar nicht so neu! Der Ausweg führt viele Menschen in die Verweigerung: Sobald sie trotz ostentativen Desinteresses an allen trendartigen Vorgängen plötzlich spüren, dass Polka, Pluderhosen oder Purzelbäume jetzt „in“ werden, lehnen sie diese ab. Die Coolen Uncoolen schimpfen die Neuheit nicht nur uninteressant, sondern so richtig doof und gehtgarnicht. Sie lästern über die verunstalteten Hipster, finden sich „zu alt für den Scheiß“ und stellen weise fest: „Man muss nicht jeden Quatsch mitmachen“. Trendfolgern werfen sie abschätzige Blicke zu und verätzen ihre Beobachtungen („Trägst Du das jetzt...“) mit einem „...auch schon?“.
Fehlerfrei, aber missmutig können diese Verweigerer in konventionellen Neubauwohnungen fern aller angesagter Stadtteile vor sich hin ranzen, bis sterben endlich wieder out ist. Ach, beneidenswert sind die Menschen, die fern aller Mode und Hypes vor sich hin leben. Sie sind, so munkelt man, das nächste große Ding.   




Text: friedemann-karig - Illustration: Katharina Bitzl

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