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Auf jeder einzelnen Umzugskiste stand: Freiheit.

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Sobald man aus dem Mutterbauch rausgeschmissen wird, fängt automatisch das Wohnen an. Ungefragt kriegt man Zeug, und für das Zeug kriegt man Kisten, Schränke und Regale. Damit das Sinn ergibt, soll man schnell die Sache mit dem Aufräumen lernen und bald verwendet man schamlos Wörter wie Raumtrenner und Stauraum. Aber Bestimmer sind die Eltern. Sie sagen, wo die schmutzige Wäsche hin soll und auch alles andere: Der Schreibtisch ans Fenster, weils sonst zappenduster für die Augen aussieht; das Bett weit weg von der Heizung, warum hab ich vergessen; Essensreste sofort in den Müll oder den Kühlschrank, klar. Die nächsten Jahre träumt man davon, endlich machen zu können, was man will. Die erste eigene Wohnung ist also ein Monument der Freiheit. Man denkt: Vier Wände, Boden, Decke: Palast fertig. 1997 suchte ich danach in Berlin, 600km vom elterlichen Einflussbereich entfernt. Von wegen Palast - in der Zeitung fand ich kryptische Buchstabenfolgen: VH, HH, EBK, NK, WBS, GEH, AWC, BLK, OH ... Bald entlarvte ich bei Massenbesichtigungen Ofenheizung, Außentoilette und allerhand anderes Unangenehme hinter den Abkürzungen. Oft gab ich meine Bewerbungsunterlagen ab, immer kassierte ich ein paar Tage später die Absage. Doch irgendwann: Bingo!

Bingo hieß: 35 Quadratmeter in Neukölln Hinterhaus, 3.OG, Ofenheizung, Innentoilette aber kein Badezimmer. Alles für 285 Mark warm. Voller Elan packte ich die ersten Umzugskisten meines Lebens. Viele waren es nicht, aber auf jeder einzelnen stand "Freiheit". Dann stand ich mit den Kisten in meiner Wohnung. "Meine Wohnung" wiederholte ich laut und genüsslich. Gespenstisch hallte meine Stimme von den Wänden wider. Ich setzte mich auf die Matratze, die ich nah an den Ofen geschoben hatte und schaute die drei Kisten an, die sich in der Ecke am Fenster zusammenduckten. Die Freiheit war plötzlich sehr kleinlaut. Diesmal ging das mit dem Wohnen nicht vollautomatisch los. Zum Wohnen braucht man Zeit und Zeug. Ich hatte von beidem nicht viel. Oft war mir, wenn ich am Abend aus der Uni oder von einem Nebenjob nach Hause kam, über den Tag der Ofen ausgegangen. Dann schleppte ich mit klammen Fingern Briketts nach oben, feuerte den Ofen an, und fror. Ich konnte ja nicht einmal heiß duschen, um aufzutauen.

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„Meist schweißt es die Partner eher zusammen, wenn sie gemeinsam die Depression überstehen”, sagt Dr. Gabriele Pitschel-Walz.

Illustration: Julia Schubert

Es dauerte, bis die Wärme sich in dem kargen Zimmer ausgebreitet hatte. Die Wartezeit verbrachte ich gegenüber im Kaufhaus. Dort war es warm, es regnete und windete nicht, und es gab all das, was in meiner Wohnung fehlte. Manche Dinge starrte ich sehr lange an, als könnte ich sie Kraft der Gedanken in meine Wohnung teleportieren. Die Leerstellen füllten sich nur langsam. Ich hatte verdrängt, was neben der Miete noch alles bezahlt werden musste. Strom und Gas, das Telefon, die Monatskarte, der Waschsalon, die Studiengebühren. Ganz zu schweigen von Essen, Schwimmbadbesuchen und Sachen wie Kühlschrank, Glühbirnen und Klopapier. An einer Wohnung hing ein Rattenschwanz von Ausgaben! Selbst wenn der Ofen glühte, glänzte dieser leere Palast weit weniger, als in meiner Vorstellung. Innerhalb eines Winters kannte ich das komplette Sortiment und alle Kassierer des Kaufhauses. (Und sie mich auch!) Ich hatte einen Kühlschrank, einen Tisch und zwei Stühle, einen Radiowecker, ein Telefon und Geschirr. Meine Hauswärtin hatte mir beigebracht, mit einem großen Küchenmesser die Wohnungstür aufzubrechen, wenn sie mir beim Kohleholen ins Schloss gefallen war. Die Doppelspüle hatte ich mit einem Streifen Gaffa-Tape in zwei Sektoren eingeteilt: links die Küche, rechts das Bad. Die Dusche glänzte weiter durch Abwesenheit. Das war letztlich (nach einem Jahr) der Grund, einen neuen, besseren Palast zu suchen. Danach kamen die unterschiedlichsten Wohnungen. WG-Zimmer, Badeofen, Kohleofen, Gasetagen- und Zentralheizung, riesige oder minikleine Badezimmer, Einbauküchen, Teppiche und knarrende Dielenböden, hin und wieder ein Balkon. Ich habe mich in Berlin und Hildesheim durch alle Bezirke gewohnt. Gelandet bin ich zuguterletzt wieder in Berlin-Neukölln, einen klischeehaften Mädchen-Schlagballwurf von meiner ersten Wohnung entfernt. Und ich fühle mich wohl. Prägt uns die erste Wohngegend vielleicht besonders, und erzeugt so eine Art Zuhause-Gefühl? Der vielgerühmte Pluspunkt von Berlin, dass es billigen Wohnraum gibt, ist auch gleichzeitig ein Fluch. 70 Quadratmeter für 500 Euro warm ist Luxus, weil man genauso gut ein WG-Zimmer für die Hälfte haben könnte! Ich kontere diese Überlegung mittlerweile mit dem Argument, dass ich in Hamburg, München oder Köln bestimmt 500 Euro zum Wohnen berappen müsste, ich sie in Berlin also ruhig auch ausgeben kann.
Nein, das ist kein Größenwahn. Größenwahn wäre, zu sagen, dass ich in New York, Hongkong oder auf Bora Bora schließlich auch tausende Euros zum Wohnen bräuchte, ich sie in Berlin also ... STOPP! Contenance, bevor ich mich unkontrolliert über Immobilienanzeigen hermache. Der Grat zwischen Vernunft und Größenwahn ist mitunter schmal. Ein Umzug ist eine immer unangenehmere Vorstellung. Seit damals haben sich meine Umzugskisten vermehrt. Kurz: Ich hab ne ganze Menge Zeug. Manche stöhnen bei diesem Anblick: "Also mir wär das ja nix, mein ganzes Zeug passt in einen Rucksack und ich könnte von heute auf morgen ganz woanders hin!"
Ganz ehrlich? Genau die Leute wohnen meist seit zehn Jahren in derselben Butze. Wer packt denn wirklich hopplahopp sein Zeug und macht los? Wenn doch: Chapeau. Unumstritten: Es tut gut, mal ganz woanders zu sein. Manchmal mache ich das auch für ein paar Wochen oder Monate und lebe aus dem Koffer. Aber ohne das Gefühl, danach wieder nach Hause zu kommen, würde mir etwas Wichtiges fehlen. Deshalb darf das Zuhause ruhig was kosten. Mein Palast hat in den letzten Jahren konkretere Gestalt angenommen. Zugegeben, einige Einschränkungen sind den Finanzen geschuldet. Wer hätte nicht gern Kochinsel, Dachterrasse, Panorama-Blick? Aber ach, es ist auch schön, sich Schritt für Schritt das Zuhause zu erarbeiten, die Mängel als liebenswerte Schwächen hinzunehmen. Dann begrüßt es einen nach längerer Abwesenheit wohlig und seufzt: "Schön, dass du zurück bist." Den Eltern zuliebe noch ein Merksatz: Nie mit dem Kopf neben dem Kohleofen einschlafen - der erste Kater nach dem 30-sein ist nichts dagegen! PS: Gerade habe ich im Internet eine reizende Wohnung in Berlin entdeckt, mit Swimming Pool auf dem Dach, und für Bora Bora wäre der Preis ein Schnäppchen. Schnell klappe ich den Computer zu, schreibe auf einen Post-it: "Wenn ich nicht hier bin, bin ich aufm Sonnendeck..."*, hefte ihn an die Tür, und mache mich auf den Weg zum Park. *Zitat: Peter Licht, Sonnendeck


Text: anne-koehler - Illustration: Katharina Bitzl

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