Einmal tanzen ohne Eintrittsgeld, bitte!

Alles kostet, dauernd. In dieser Kolumne beschreibt unsere Autorin Anne Köhler, wie das Geld ihr Leben verändert. Beim Ausgehen zum Beispiel.
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Die Werbung will das zwar suggerieren, aber nur weil man die Wohnung mit Möbeln voll gestellt hat, fängt noch lange kein erfülltes Leben an. Ohne Eigeninitiative staubt alles bloß ein.

Freitagabend im Dezember. Seit ich mir freie Wochenenden auferlegt habe, stellt sich freitags dieses wohlige Feierabend-Gefühl des Rechtschaffen-müde-seins ein. In der vergangenen Woche bin ich ziemlich in der Arbeit am heimischen Schreibtisch versumpft.

Die Schreibtischhockerei macht schwer. Die Arme, die Beine, den Kopf. Die Schwerkraft zieht doppelt so doll nach unten, wenn man ihr keine Bewegung entgegensetzt. Deshalb stehen in Redaktionen oft Kickertische, das hält Muskeln und Gehirn auf Trab.

Ich schaue mich in meinem Arbeitszimmer um. Bücher, Schallplatten und das Cocktailtischchen laden zum Wegträumen oder Wegschießen, nicht aber zum Bewegen ein. Draußen ist es längst dunkel. Die Flaschen zwinkern mir verführerisch zu. Leise klirren die Gläser gegeneinander. Der Sessel knarrt, es klingt wie ein Seufzen, als sehne er sich nach meiner Nähe. Das Licht dimmt sich von selbst herunter. Die Uhr tickt: Du wirst jetzt ganz, gaaanz müde.

Bevor ich übermannt und niedergestreckt werde, springe ich auf und schüttle mich, dass die Trägheit in alle Richtungen fortfliegt. Dann stehe ich draußen vor der Haustür und reiße die Arme nach oben: Ich habe gewonnen, ich bin draußen!

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Illustration: Julia Schubert



Ein Nachbar schiebt sich an mir vorbei und schaut irritiert auf meine empor gereckten Arme. Schnell lasse ich sie sinken. Kälte kriecht mir in den Kragen und die Jackenaufschläge hinein. Ich habe keine Ahnung, wo ich hin soll.

Berlin ist voller Möglichkeiten, nicht nur Kreuzberger Nächte sind lang. Ich könnte Karaokestar werden. Ich könnte ins Casino gehen und alles auf eine Karte setzen. Ich könnte die Königin der Nacht sein. Entschlossen und energiegeladen marschiere ich los.

Ein plötzlicher Schwächeanfall überkommt mich. Ich hätte mir Proviant mitnehmen sollen. Nach wenigen Metern Fußmarsch kehre ich in meine Lieblingskneipe ein. Nur eine kleine Pause. Der ganze Tatendrang hat mich erschöpft. Bevor die Tür hinter mir zuklappt, höre ich in der Ferne noch einmal den Sessel seufzen.

Glühwein ist im Angebot. Ich bestelle Espresso, Pfefferminztee und Wodka auf Eis. Höherer Kostenfaktor, aber ein geringer Preis für Zufriedenheit. Eine lange Nacht soll das werden, so richtig auf den Putz hauen würde ich, erst in der Morgendämmerung würde ich nach Hause wanken, mit den ersten Vöglein, oder noch später, jawohl. Keiner würde den Start ins Wochenende so auskosten wie ich.

Der Abend ist jünger als ich, alle Türen stehen sperrangelweit offen. Tanzen?, überlege ich und verwerfe es. Ich finde es toll, wenn Leute sagen: Lass uns tanzen gehen, ich würde das gerne sehr häufig sagen, jeden Tag am besten, weil es so schön klingt. Das Problem ist nur, dass ich nicht gerne tanzen gehe, dass Tanzen an sich mir bis auf durchschnittlich zwei Tage im Jahr schleierhaft ist und selbst diese zwei Tage verpasse ich manchmal, weil ich gerade abgelenkt bin.

Manche beteuern, dass es nicht darauf ankommt, wie man tanzt, sondern dass es darum geht, Musik zu fühlen. Trotzdem gehen alle zusammen in großen Räumen tanzen. Ich habe noch nie von Tanzkabinen gehört, die man sich einzeln oder zu zweit mieten könnte, immer sind es gleich Hallen, Säle oder Tanzflächen, und wer gerade nicht selbst tanzt, beobachtet die anderen beim Tanzen. Deshalb vermute ich, dass nur das Tanzen richtig zählt, bei welchem man gesehen wird.

Wenn ich Musik fühlen will, lege ich mich gerne flach auf den Rücken mit ausgebreiteten Armen und geschlossenen Augen. Das geht besser zu Hause als auf der Tanzfläche. Keiner trampelt auf einem rum.

Das letzte Mal richtig getanzt habe ich vermutlich vor ca. zwei Jahren auf einem Konzert von Sharon Jones und den Dap-Kings. Ich glaube, die Karte hat 18 Euro gekostet, und ich hatte nicht vor, tanzen zu gehen, sondern mir ein Konzert anzuhören. Deshalb habe ich leider vorher zu niemandem gesagt: Ich gehe heute tanzen, und als ich dann drin war und plötzlich meine Füße zu zucken anfingen und bald auch andere Gliedmaßen, da war es schon zu spät. Ich versuchte, so doll zu tanzen, dass man es mir noch Tage später ansehen müsste.

Aber am Morgen danach sah man nichts, ich hatte nicht einmal einen Stempel auf der Hand und nach ein paar Stunden dachte ich, ich hätte mir das mit dem Tanzen bestimmt eingebildet, bestimmt hatte ich nur ein bisschen mit den Füßen gewippt, und das war wirklich kein Grund für einen Rundruf.

Deshalb gebe ich beim abendlichen Ausgehen nicht gerne Eintrittsgeld aus. (Ich rede jetzt nicht von Konzerten, Kino, Theater und so.) Eintrittsgeld bedeutet meistens, dass es eine Tanzfläche und laute Musik gibt. Zu laut, als dass man sich unterhalten könnte. Man kann sich dann nur Halbsätze zubrüllen und im Takt zu der Musik nicken und ab und zu aus einem Strohhalm irgendwas schlürfen und sich am Glas festhalten und sich einbilden, man amüsiere sich gerade, und kaum hat man das gedacht, ist man schon aus dem Takt. Das ist einfach nichts für mich, das Geld wäre verschwendet und die Dezibel auch.

Nach einer Stunde hole ich die zweite Runde Getränke, und da ich mich immer noch nicht entschieden habe, wie genau die Nacht lang werden soll, hole ich Verstärkung. Ich telefoniere - einige Freunde wohnen im Umkreis, und die haben auch Freunde, und die haben gerade Besuch, und alle sitzen innerhalb von einer Stunde mit mir um den Tisch.

Zwei Stunden ist alles gut. Dann ist der Tisch voller Vorschläge und geleerter Gläser. Showdown: Jeder hat sein Blatt aufgedeckt - aber es ist unklar, wer gewinnt.

Um uns in Bewegung zu halten, wechseln wir ein paar Mal die Bar. Drei Kneipen später haben sich alle darauf geeinigt, tanzen zu gehen. Es ist mittlerweile zwei Uhr morgens. Wir stapfen durch die Nacht, der Schnee hat die Welt leise und langsam gemacht. Ich unterhalte mich gut mit den neuen Gesichtern rechts und links von mir, verabrede mich für den nächsten Tag zum Kochen. Dann stehen wir vor dem Eingang eines Tanzschuppens, die Tür schwingt auf und die Bässe schlagen uns entgegen, schon wird eine Hand nach dem Eintrittsgeld ausgestreckt.

Gut am älter sein ist, dass man, wenn man keine Lust mehr hat, einfach nach Hause gehen kann. Früher konnte ich das nie, so ist das nun mal, ich bin das jüngste Kind in der Reihe - immer Angst, irgendwas zu verpassen.

Ich winke den anderen nach. Die Tür schlägt zu, es ist still. Einzig ein leises Seufzen ist zu hören. Ich bin mir nicht sicher, ob ich es bin, oder mein Sessel. Ich warte noch kurz und horche in mich hinein, ob dort vielleicht ein Bedauern schlummert, um mich morgen zu wecken. Aber ich höre nur ein gleichmäßiges, rechtschaffen müdes Herz klopfen.

Zu Hause setze ich meine Kopfhörer auf, lege mich flach auf den Boden und breite die Arme aus, die Welt verschwindet, das Intro trippelt heran und wohlig breitet sich die Musik im ganzen Körper aus. Meine Fingerspitzen trommeln auf den Dielen und geraten kein einziges Mal aus dem Takt.

Text: anne-koehler - Illustration: Katharina Bitzl

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