Haste mal 'nen dufte Euro?

Alles kostet, dauernd. In dieser Kolumne beschreibt unsere Autorin Anne Köhler, wie das Geld ihr Leben verändert. In der U-Bahn zum Beispiel.
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Seit zwei Monaten sitze ich fast jeden Tag circa eine Stunde in U-Bahnen rum, meistens auf derselben Strecke. Und jeden Tag merke ich aufs Neue, warum ich U-Bahn-fahren nicht mag. Mal ganz davon abgesehen, dass ich mir schon beim Einsteigen vorstelle, wie es wäre, mit diesen Leuten in einem Waggon im Tunnel stecken zu bleiben. Daraus würde man das schaurigste Musical der Welt machen. Dann die nervtötenden Bahnmusiker, die mich ungefragt beschallen und keinen Fluchtweg lassen, die nur dieselben drei Takte spielen können, und das möglichst laut früh morgens oder wenn man gerade von zehn Stunden Arbeit zurückkehrt und plötzlich den Gedanken hegt, dass ein Leben ohne Ohren super sein könnte. Es gibt noch einen Grund: Die Spendensammler.

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Illustration: Julia Schubert



Wenn man immer dieselbe Strecke fährt, trifft man auch da immer dieselben Leute. Einer davon sagt seit sechs Wochen, dass er jetzt eigentlich die Obdachlosenzeitung verkaufen würde, aber leider im Moment so wenig Geld hat, dass er sich nicht mal die leisten kann und deshalb auf unsere Spenden angewiesen sei. Er spricht stockend, Wort für Wort, manchmal gibt es Lücken, weil er eines der Wörter vergessen hat. Für viele der Fahrgäste ist er nur eine Stimme, denn die meisten schauen weg. Auf den Boden, auf den TV-Bildschirm, auf ihr Telefon, in ihr Buch, oder aus dem Fenster mitten ins schwarze Nichts des Tunnels.
So gut ich den Impuls verstehe, so sehr missfällt er mir auch. Ich versuche, das zu unterdrücken, die Leute nicht demonstrativ zu ignorieren. Aber an schwachen Tagen lehne ich meinen Kopf gegen das Fenster, schließe eben doch die Augen und mache sie erst an der Zielstation wieder auf.
Bei diesem Mann jedenfalls sehe ich regelmäßig, wie die Leute die Nase rümpfen oder den Kopf schütteln und den Blickkontakt vermeiden. Weil er so abgehackt spricht, immer dasselbe sagt, weil der Spruch: „Weil ich von meiner näheren Umwelt so gut wie nichts mehr bekomme ...“, nicht gut ankommt. Und ich selbst merke auch, dass mich all das nicht gerade dazu animiert, ihm was zu spenden.

Neulich kam ein anderer Mann, der inhaltlich fast dasselbe sagte. Aber er sprach flüssig und scheinbar spontan, als hätte er seinen Spruch noch nicht vierhundertachtunddreißigtausendmal aufgesagt. Dazu sagte er: „Wär wirklich dufte, wenn der ein oder andere was geben würde, wirklich dufte wär das ..." Die Leute in der U-Bahn lächelten, als er das sagte, schauten ihn an, kramten schon in ihren Taschen nach Geld und freuten sich über jedes weitere „dufte“ und „knorke“ aus seinem Mund. Auch mein Impuls, ihm was zu geben, war stärker als bei dem Stotterer oder der Nuschelfrau oder dem von vorgestern mit dem Hund. Bloß: Ist das richtig?

Klar, ich kaufe auch gern bei dem Brezelmann nachts in der Ankerklause, weil er immer „Verdammte Leckerei!“ ruft und trockene Witze macht. Aber der will mir schließlich auch was verkaufen. Die Leute in der U-Bahn sind aber ja keine Entertainer, sondern sie bitten mich um Hilfe. Ist es da gerecht, wenn ich nach Sympathie gehe oder nach Unterhaltungswert oder gar Belustigung? Erwarte ich von ihnen, dass sie mir ihre Geschichte verkaufen? Und wenn sie nicht gut genug sind, gehen sie leer aus?

Letzten Sommer im Fuchsbau kam ein älterer Mann und bat mich und meine Freunde um Geld. Er hatte ein Holzkistchen dabei – es sah aus wie eine Zigarrenkiste, die jemand liebevoll in einen Miniatur-Überseekoffer verwandelt hatte, mit Stempeln und Aufklebern, als sei sie wirklich schon viel rumgekommen in der Welt. In der Kiste war ein Schlitz wie bei einer Spardose.
Sein Spruch war so etwas wie: „Keine Sorge – hier gibt es keine Unsicherheiten, keine Finanzkrise, kein Bangen ums Geld. Nur die ganz klare Ansage: Was Sie reinwerfen, ist unwiderruflich weg. Keine Steuern, keine Spendenquittung – das können sie einfach für immer abschreiben als Verlust. Das Geld ist ganz entspannt weg, und keine Fragen bleiben offen.“ Er klang gut gelaunt, und tatsächlich warfen wir alle was in sein Kistchen und es fühlte sich fast befreiend an.
Wir kamen mit ihm ins Gespräch, und er erzählte, dass er das Gefühl habe, er müsse sich so etwas wie mit der Holzkiste ausdenken. Nur so hätte er das Gefühl, seine Würde zu behalten. Und außerdem sei es so, dass die Leute ihm so gutgelaunt etwas gäben, sie es gerne täten, und sich nicht angebettelt vorkämen, was die meisten eher mit Unbehagen erfülle.
Ich finde das nicht gut. Warum fühlt es sich in mir aber trotzdem oft genau so an, wie der Mann sagt? Sollte es nicht entscheidend sein, jemandem zu helfen, egal wem? Kann ich überhaupt innerhalb von wenigen Sekunden entscheiden, wer wirklich bedürftig ist, und wer nicht? Und sollte es mir nicht egal sein, was jemand mit dem von mir gegebenen Geld macht? Kontrollieren kann ich ohnehin nicht, ob dafür nun Alkohol, Zigaretten oder wirklich Essen gekauft wird. Außerdem: Warum sollte jemand mittelloses nicht das Recht haben, selbst zu entscheiden, ob er trinkt und raucht? Meine Arbeitgeber mischen sich schließlich auch nicht in meine Lebensführung ein. Verwirkt man das Recht auf Genussmittel? Darf man nicht eigene Prioritäten setzen?

Eine Menge Fragen, auf die ich keine wirklich gute Antwort habe. Für mich selbst kann ich sie aber schon einigermaßen beantworten. Und ich habe mir fest vorgenommen, einfach jeden Monat einen bestimmten Betrag in Münzen in das Extra-Fach in meinem Geldbeutel zu legen. Und jeder, der fragt, kriegt dasselbe. Bis es alle ist. Mal sehen, ob es mir damit besser geht. Immerhin muss keiner ein schauriges Musical daraus machen. 



Text: anne-koehler - Illustration: Katharina Bitzl

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