"Meine Lieblingsmöbel haben mich nichts gekostet"

Alles kostet, dauernd. In dieser Kolumne beschreibt unsere Autorin Anne Köhler, wie das Geld ihr Leben verändert. Beim Möblieren zum Beispiel.
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Wenn beim Wohnen die Grundversorgung geschafft ist - ich sag mal, die Wohnung selbst, Strom, Heizgelegenheit, und fließendes Wasser, - dann gehts ja erst richtig los. Dafür wünschte ich mir so ein Rundum-Wort, wie das englische put: sich selbst und sein Zeug in die Räume setzen, stellen und legen. Spätestens, wenn der Boden nicht ausreicht, und die Knochen knorriger werden, empfiehlt es sich, zu möblieren. (Ein Wort, das für einen Umzug entschädigt. Ich jedenfalls finde es toll, nach dem Kistenschleppen in der neuen Wohnung zu stehen, und Leuten am Telefon zu sagen: Ich möbliere gerade.)

Aber auch Möbel, die demselben Zweck dienen, können sehr unterschiedlich aussehen und benutzt werden. Meine Familie zum Beispiel besteht aus Vor-dem-Sofa-Sitzern. In Möbelhäusern erkennt man uns daran, dass wir nach der Aufforderung eines Angestellten, das Sofa auszuprobieren, uns immer vor das Sofa auf den Boden fletzen und die Sitzkante als Rückenlehne benutzen.

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Illustration: Julia Schubert


Wenn man wohntechnisch noch grün hinter den Ohren ist und finanziell eher blank, steht meist die Funktionalität im Vordergrund. Wenn man gern mal sitzt ist eben ein hässlicher Stuhl besser als gar keiner. Nur so ist zu erklären, warum ich jahrelang diesen schrecklichen Sessel aus Korbgeflecht mit weinroter (und zu dünner) Schaumgummi-Sitzpolsterung herumstehen hatte! Wenn man sich darauf setzte, knarrte es wie tausend ungeölte Türen, bei jeder Bewegung rieselte der Staub, Geister versteckten sich erschrocken in den Ritzen.

Im Lauf der Zeit, wenn man sich einwohnt, rückt die Ästhetik mehr in den Vordergrund. Nach und nach ersetzt man die Lückenbüßer durch Stücke, die einem gefallen. Ich wohne jetzt seit dreizehn Jahren eigenverantwortlich und möchte mich damit als Wohnfortgeschrittenen bezeichnen. Mein Mobiliar ist gemischt. Altes und neues, geschenktes und gekauftes, billiges und teures, geliebtes und emotional neutrales.
Ich habe im Moment drei Lieblingsstücke.

Das Cocktailtischchen: habe ich von unbekannten Vormietern geerbt, und es beherbergt meine Hausbar. Die ist meist für Gäste da, für alkoholschwangere Nächte, die gern nach großen Abendessen entstehen. Aber auch als Eisbrecher tut es seinen Dienst: Letztens war ein Journalist wegen eines Interviews hier, erblickte das Tischchen und sagte: Soso, das ist also das Arbeitszimmer. Danach lief das Gespräch recht locker.

Der Schreibtisch: ist mindestens 50 Jahre alt, und war in der alten Mühle, in der ich aufgewachsen bin, der Küchentisch. G. hat ihn extra für mich aufgearbeitet. Man sieht Astlöcher und alte Wurmstiche, die Oberfläche ist nicht ganz eben, er atmet.

Das Schränkchen: hat mein Vater mir damals beim Auszug mitgegeben. Es ist hübsch, hat hinten eine Schräge, man könnte es in der Küche in eine Ecke reinhängen, wenn man sich dazu eine Vorrichtung ausdächte. Mir ist bisher keine gute eingefallen, außerdem bohre ich nicht gern Löcher, deshalb steht es immer noch auf dem Boden rum. Aber ich mag es, weil es mich an meinen Vater erinnert.

Unterm Strich: Meine Lieblingsmöbel haben mich nichts gekostet. Sie haben irgendwie zu mir gefunden, und vielleicht macht sie gerade das für mich so sympathisch und unverwechselbar. Wobei auch das Aussehen eine Rolle spielt. Oder nicht? Hätte ich ein Ikea-Regal lieber, wenn es mal meinem Vater gehört hätte? Wahrscheinlich schon, wenigstens ein bisschen. Wobei ich vermute, dass es bei Massenware generell schwieriger ist, sie ins Herz zu schließen.

Bei manchen Möbeln steht zwar die Zweckmäßigkeit im Vordergrund, trotzdem muss ich sie schön finden, oder mindestens okay. Manchmal habe ich aus Geldmangel Sachen gekauft, die ich brauchte und sie dann doch kaum oder gar nicht benutzt, weil sie mir nicht gefallen haben. Das gilt für Möbel ebenso wie für andere Gebrauchsgegenstände.
Ich habe zum Beispiel wenig elektrische Küchengeräte. Weil sie meist hässlich (und die schönen zu teuer) sind. Es kommt nicht nur auf das Aussehen an, oft spielt vielmehr die Form eine Rolle. Tassen, Teller und Schüsseln finde ich ziemlich knifflig. Eine Tasse muss groß genug sein, es sei denn, es ist eine Mokkatasse. Sie soll sich in die Hand schmiegen und den Kaffee lange warmhalten. Tiefe Teller dürfen nicht zu klein und nicht zu groß sein, flache Ränder oder zu dickes Porzellan mag ich gar nicht, und der Schwung muss passen.
Deshalb habe ich keine elektrische Saftpresse, sondern eine mechanische. Lieber ein bisschen einarmigen Frühsport als hysterisches Elektro-Gesumme am Morgen!

Für den Kaffee reicht es bei meinem Budget nur zu einer guten Ausgabe der typischen Espresso-Edelstahl-Kanne für den Herd. Sie ist schnell, produziert Crema, und begrüßt mich morgens klein und glänzend. Für den richtig guten Kaffee muss ich außer Haus und das finde ich ganz gut, bei einem Ausflug schmeckt der Kaffee ohnehin gleich besser, und in meinem Lieblingsladen riecht es dazu nach Gebackenem, man hört das Gläserklirren im Hintergrund, leise Musik, das Knistern von Zeitungen und im Winter schimmern die Kerzen. Das will ich nicht missen.

Da manche notwendige Sachen, die ich schön finde, zu teuer sind, und die billigen Ausführungen hässlich, gibt es bei mir allerhand Provisorisches. Mein Badezimmerschränkchen besteht aus zwei Obstkisten, die ich an die Wand genagelt habe. Was dort nicht reinpasst, liegt im Emaille-Eimer mit Deckel, der irgendwann mal der Asche-Eimer des Kohleofens war.

Es kommt vor, dass etwas Vorübergehendes chronisch wird, ein Provisorium zur Dauereinrichtung. Bei mir ist das zum Beispiel das Schuhschränkchen. Da meine ersten Wohnungen nicht selten etwas mit Schuhschachteln gemeinsam hatten, war immer wenig Platz. Und die ästhetischen Gesichtspunkte von Schuhschränckchenentwürfen sind mir schleierhaft. Mein Schuhschrank ist eine große silberne Leiter, die zusammengeklappt im Flur steht, und auf deren Sprossen ich meine Schuhpaare aufgereiht habe. Ist praktisch, spart Platz, sieht irgendwie rührend aus. Nur, wenn man die Leiter mal braucht, ist es ein bisschen umständlich.

Mit Provisorien leben, bis man sich die passenden Dinge leisten kann, ist besser, als sein Geld für Schrott auszugeben, der nicht lange vorhält. Und ich glaube, dass man vor allem zu solchen Möbeln eine Beziehung aufbaut, die man sich erwohnt hat. Das erzeugt Gemütlichkeit und Charakter.

Eine Zeit lang gab es im TV tausende dieser Wohn-Sendungen. Ich möchte das nicht. Unterstehen soll man sich, in meiner Abwesenheit mir heimlich die Möbel auszutauschen. Selbst, wenn man sie gegen die schönsten, teuersten, designtesten Hingucker ersetzen würde - ich möchte lieber meine alten Sachen behalten, die mit mir schon klirrend kalte Winternächte, Schlaflosigkeiten, Küchenfeste und zahlreiche Arbeitsstunden im Morgengrauen durchgestanden haben.

Merksatz: Verzichten, bis man sich die passenden Dinge leisten kann: das ist super, wenn es um eine Knoblauchpresse geht, wird aber doch haarig, wenn es den Staubsauger betrifft.

Text: anne-koehler - Illustration: Katharina Bitzl

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