Nur weil Weltrosenkohltag ist!

Alles kostet, dauernd. In dieser Kolumne beschreibt unsere Autorin Anne Köhler, wie das Geld ihr Leben verändert. Beim Geld sparen zum Beispiel.
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  „Sammeln Sie die Herzen?“  

Ich stehe im Supermarkt an der Kasse an. Die Schlange schiebt sich Trennhölzchen für Trennhölzchen vorwärts. Flehend blicke ich die Kassiererin an, bitte, bitte, fragen Sie mich nicht. Und gerade, als ich denke, sie hat mein Augenzwinkern verstanden, sagt sie: „Sammeln Sie die Herzen?“ „Nein!“, möchte ich schreien, wie immer, wenn diese Frage auftaucht. Aber mittlerweile geschieht das beinahe täglich in unterschiedlichen Variationen. Herzen, Bonuspunkte, Deutschland-Card, Berlin-Card, 2für1-Member? Deshalb schüttle ich nur genervt den Kopf.

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Illustration: Julia Schubert



Doch zu Hause geht es weiter: Mein Briefkasten ist mit Gutscheinen und Sonderaktionen der umliegenden Betriebe vollgestopft. Nichts Wünschenswertes dabei. Nachdem ich alles entsorgt habe, gehe ich wieder zurück in meine vier Wände. Es ist still. Der Himmel hängt trüb im Fenster. Plötzlich tut es mir leid, keine Herzen in der Tasche zu haben. 

Ich war nie ein Spar-Fuchs. Als Kind habe ich ein Mal im Jahr mühsam Münzen zusammengekratzt, um wenigstens ein paar Mark zum Weltspartag auf die Bank zu tragen und dafür eine Knax-Spardose oder ähnliches zu bekommen. Das war das erste Prämien-System, an dem ich mich in meinem Leben beteiligt habe. Heutzutage ist das eine große Maschinerie. Irgendwo muss es riesige Datenbanken geben, in welche permanent Kaufgewohnheiten und Vorlieben aller Kunden eingespeist werden, um extra für sie zugeschnittene Werbe-Angebote zu unterbreiten. An verkorksten, unentschlossenen Tagen würde ich dort vielleicht anrufen und fragen, für welches Produkt ich mich entscheiden soll. An allen anderen Tagen möchte ich das aber nicht. Ich möchte nicht pauschalisiert werden, sondern unberechenbar sein, überraschend. Vor allem möchte ich selbst entscheiden, wann und was ich einkaufen möchte.
Nur weil im Gemüsemarkt Weltrosenkohltag ist, habe ich noch lange keine Lust darauf! Im Gegenteil: Sofort setzt mein Trotzmechanismus ein, der immer mal wieder aufbrandende Wunsch, gegen etwas zu sein.  

Die Türklingel. Ich öffne. Ein kleiner dicker Mann steht vor der Tür. Er ringt nach Luft, greift sich an die Seite, fällt fast nach vorn über. „Moment“, keucht er, „vierter Stock!“, setzt er hinzu. Als könnte ich vergessen haben, wo im Haus sich meine Wohnung befindet. Er ist schrecklich blass. „Stromanbieter“, keucht er, „Strom, Gas“, und hält mir einen Ausweis unter die Nase, bevor er sich den Schweiß von der Stirn wischt und sich erneut zusammenkrümmt. Ich halte ihm die Wohnungstür auf, lotse ihn in die Küche und stelle ihm ein Glas Wasser hin. Sein Schnaufen wird ruhiger. Normalerweise lasse ich all die Leute gar nicht rein. Ich arbeite zu Hause, und wenn ich auf jedes Klingeln reagieren würde, Tür oder Telefon, käme ich zu gar nichts. Der kleine Mann hat Glück, dass ich gerade Weltschmerz bekommen habe und froh bin über jede Ablenkung.
Dabei habe ich irgendwie den Grund für seinen Besuch vergessen. Sobald er genug Luft hat, holt er Prospekte heraus und zückt einen Stift, malt Pfeile und Kreuze und Zahlen - einen Moment fühle ich mich, als wäre er einer der Grauen Herren. Er raucht sogar, lange tiefe Züge, bevor er den Rauch wieder ausstößt wie eine Dampflock, mitten in meine Küche hinein. Alles wird ganz duselig vom Nikotin, ich am meisten, ich habe mit dem Rauchen Schluss gemacht. Aber sein voriges Keuchen hat mich weich gekocht, ich konnte ihm den Wunsch nicht abschlagen. Langsam kehrt die Farbe in sein Gesicht zurück, seine Rede wird feuriger. Und seine Zahlen ergeben Sinn.  

In manchen Dingen bin ich leider schrecklich bequem. Strom- und Gasanbieter habe ich irgendwann mal von einem Vormieter übernommen und seitdem behalten. Außerdem fühle ich mich unbehaglich bei Werbesprüchen wie „geiz ist geil“ oder beim Anblick von Geschäften mit Namen wie „MacGeiz“. Ich möchte lieber, dass - auch beim Einkaufen - meine hehren Charakter-Ziele angesprochen und gefördert werden, nicht die mir weniger sympathischen. Aber nun sitzt da dieses Männlein vor mir und schüttelt missbilligend den Kopf, plötzlich gar nicht mehr keuchend, und sagt, ich müsse dringend handfeste Entscheidungen treffen. Ich hole meine Strom- und Gasunterlagen heraus und vergleiche die Preise, die er mir für ein Jahr garantieren kann. Alles in allem würde ich jeden Monat rund 40 Euro sparen.
Als ich die Tür hinter dem Männlein schließe, bin ich erschöpft von so vielen handfesten Entscheidungen. Das Männlein hingegen springt beschwingt zwei links, zwei rechts, die Treppenstufen hinunter. Ich ringe nach Luft. Wer weiß, wo sie mich noch übers Ohr hauen? Zahle ich vielleicht zu viel für mein Telefon? Die Miete? Sonstwas? Ich lasse mich auf den Küchenstuhl fallen. Mir ist kalt.  

Ein paar Stunden später sehne mich nach einem Feierabendgetränk -  denn ich bin rechtschaffen müde, habe immerhin das erste Mal seit 12 Jahren den Strom- und Gasanbieter gewechselt. Wieder gehe ich in den Supermarkt. Gelassen stehe ich diesmal in der Kassenschlange, bei derselben Kassiererin wie früher am Tag. Verlässlich ruft sie: „Sammeln Sie die Herzen?“ Ich zögere kaum, sage: „Ja, bitte“ und nehme die Herzen entgegen. Erinnere mich an die gute alte Zeit, in der keine gebrauchten Fahrscheine weiterverkauft wurden, sondern man sie selbstverständlich an den Fahrkartenautomat steckte, damit sich der nächste Fahrgast darüber freuen würde. Ganz umsonst. Nostalgisch nehme ich meine Herzen und pinne sie an das Schwarze Brett des Supermarkts. Dann gehe ich in der Dämmerung zwei links, zwei rechts, nach Hause und denke, dass ich ab jetzt jeden Monat 40 Euro in eine Spardose werfen und am Ende des Jahres endlich in Urlaub fahren werde. 



Text: anne-koehler - Illustration: katharina-bitzl

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