Schokolade gegen Stiefel, Tabak gegen Wintermantel

Alles kostet, dauernd. In dieser Kolumne beschreibt unsere Autorin Anne Köhler, wie das Geld ihr Leben verändert. Beim Tauschen zum Beispiel.
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Mein Freundeskreis aus der Schulzeit existiert heute, fast 15 Jahre später, immer noch. Natürlich sind die Bande gelockert, die Entfernungen zueinander größer geworden, die Treffen seltener. Aber die alte Vertrautheit flammt bei jedem Wiedersehen auf.
Als das erste Paar aus unseren Reihen heiratete, war so eine Gelegenheit. Vor dem Standesamt standen die Familie und neue Freunde - wir aus dem alten Kreis hielten uns am Ende der Gratulantenparade auf und Wunderkerzen in den Händen. Wann sollten wir sie anzünden? Immer wieder wurde das Brautpaar aufgehalten. Als es endlich bei uns ankam, standen wir dumm da, mit abgebrannten Stäbchen in der Hand, ohne Funkenregen. Ein Freund sagte: „Siehst du, das illustriert doch unser größtes Problem: das richtige Timing.“ 

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Illustration: Julia Schubert



Zeit scheint mir tatsächlich ein Knackpunkt zu sein. Ständig sind wir auf dem Sprung, immer auf mehreren Hochzeiten gleichzeitig, und im Internet auch noch nebenher. Nur ganz selten steht die Zeit still, und dazu muss man schon auf einen Berg klettern, am Meer stehen - oder in die Familienvergangenheit reisen.
Mein Großvater stammte aus einem Dorf am Rhein, in dem viele Korbflechter zu Hause waren. Die Weidenzweige wurden geschnitten und in den Weihern eingeweicht, bis sie geschmeidig und biegsam waren und sich in mühevoller Handarbeit zu Körben flechten ließen. Allein wegen der Arbeitsstunden waren die Produkte am Ende teurer als heutzutage – aber auch die Qualität war eine andere, und damit die Lebensdauer.
Ich krame gern in den Famliengeschichten, besuche die Orte, die meinen Großeltern einmal etwas bedeutet haben. In meiner Schreibtischschublade liegen die Feldpostbriefe meines Großvaters. Darin ist oft vom Tauschen die Rede. Schokolade gegen Stiefel, Kaffee gegen dicke Socken, Tabak gegen einen Wintermantel. Die Prioritäten waren klar gesetzt und wurden von Notwendigkeiten bestimmt.
Wenn ich heute zu besonderen Anlässen mal das Silberbesteck meiner Großeltern heraushole und mir der Politurgeruch in die Nase steigt, könnte ich fast glauben, die beiden kämen gleich zu Buttercremetorte und Kaffee mit Würfelzucker vorbei. Dann hätten wir ganz viel Zeit.
Mittlerweile halten die meisten Dinge nicht mehr lange. Altes wird weggeschmissen und neu gekauft, anstatt getauscht. Manchmal denke ich, in blauäugigen, vernebelten Momenten, es wäre am einfachsten, wenn wir alles Geld abschaffen und wieder zu Tauschgeschäften übergehen würden. Als ich ein Kind war, wurde dauernd getauscht. Manchmal traf man sich nur deswegen. Poesiealbum- und Paninibildchen, Bücher, Gemischtwaren. Jeder gefundene Groschen wurde in tauschbare Güter angelegt. Irgendwann war es damit vorbei. Ich vermute, mit der Selbstverständlichkeit des Groschen-habens.  

Neulich kam mir der Gedanke mit dem Tauschen im Kaufhaus. Während ich durch die Küchenabteilung streifte, entdeckte ich plötzlich einen großen (industriell) geflochtenen Weidenkorb. Er war bis obenhin voll mit altem Besteck. Und ganz oben auf diesem Silberberg lag ein Vorlegebesteck, das genau zum Silberbesteck meiner Großeltern passte. Seit Jahren suche ich auf Flohmärkten danach, bin aber nie fündig geworden – und da lag es nun einfach so vor mir im Kaufhaus.
Ich suchte einen Verkäufer - ein junger Mann in meinem Alter, der mich freundlich fragte, wie er mir helfen könnte. Ich erklärte ihm, dass ich schrecklich gern das Vorlegebesteck haben würde, und ob ich es kaufen könne. Er schüttelte den Kopf. Der Korb mit Besteck sei eine Sonderaktion. Beim Neukauf von Teilen einer bestimmten Firma erhalte man für mitgebrachte, alte Besteckteile einen Euro des Kaufpreises erlassen. Das Besteck im Korb gehöre also nicht dem Kaufhaus, sondern der Firma, sagte er.
Ich erklärte ihm, dass ich seit Jahren auf der Suche nach exakt einem solchen Besteck sei, erzählte von meinen Großeltern, von dem Dorf am Rhein und den roten Händen der Korbflechter, sagte, es würde mir das Herz brechen. Ob es nicht irgendeine Möglichkeit gäbe?
Wieder schüttelte er den Kopf. „Wissen Sie“, sagte er, „soweit ich weiß kommt das abgegebene Besteck als Spende sozialen Einrichtungen zugute.“
Ich hatte eine Idee: „Ich kann doch ein neues Vorlegebesteck dieser Firma kaufen, und statt des alten in den Korb legen. So hätte keiner etwas veroren, sondern im Gegenteil alle gewonnen.“
Das könne er nicht allein entscheiden, sagte der Mann und ging zu seinem Vorgesetzten. Als er zurückkehrte schüttelte er wieder den Kopf und sagte: „Nein, tut mir leid, das wäre nicht korrekt, das können wir nicht machen.“
Ich wartete darauf, dass er mir zuzwinkerte mit einem: „Ich kann Ihnen das Besteck nicht verkaufen aber ich gehe jetzt mal nach da drüben und komme erst in fünf Minuten wieder zurück, ohne herzusehen.“ Aber nichts. Er zwinkerte nicht, sondern verschränkte nur die Arme vor dem Bauch und sagte dann: „Pech.“  

Es war einer der traurigsten Tage seit langem. Ich hatte Pech immer für etwas Unausweichliches gehalten - eine Art Schicksalsschlag. Das hier war schlimmer: selbst herbeigeführtes Pech, das ganz und gar unnötig war, das man hätte verhindern können. Vielleicht würde ich niemals wieder dem passenden Vorlegebesteck über den Weg laufen. Man müsste eine Tauschbörse einrichten, dachte ich. Oder wenigstens ein Portal, in welchem man die Sachen, die noch gut sind, die man aber selbst nicht mehr gebrauchen kann, an den Mann bringen kann. Zwanzig Sekunden dachte ich euphorisch, eine grandiose Geschäftsidee entwickelt, meine Marktlücke gefunden zu haben, die mich reich und berühmt machen würde. Dann stand ich an der Bushaltestelle und blickte auf ein großes Werbeplakat von ebay. Alles war beim alten.   



Text: anne-koehler - Illustration: Katharina Bitzl

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