Silvesterkosten: 25 Euro pro Kopf und eine Freundschaft

Alles kostet, dauernd. In dieser Kolumne beschreibt unsere Autorin Anne Köhler, wie das Geld ihr Leben verändert. Etwa am Jahresende.
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Der letzte Tag des Jahres ist gegen mich. Ein Mal wäre ich fast mit dem alten Jahr zusammen verendet: Schüttelfrost, 41,8 Grad Fieber, Notarztwagen, Medikamente. Ein anderes Mal lag ich zum Stichtag bereits im Krankenhaus. Beide Male explodierte zum Feuerwerk draußen auch eines drinnen in meinem Kopf.

Kurz: Meine Erwartungen an den Jahreswechsel sind denkbar niedrig. Und damit habe ich meist die besten Karten, einen überraschend schönen Abend zu erleben.

Um mich herum brechen die Leute gern in Panik aus. Lena muss immer etwas ganz Besonderes an Silvester machen, sonst flippt sie aus. Sie verwandelt sich an diesem Tag in ein unberechenbares Wesen - das schon bei der leisesten Erschütterung explodiert.

Lena ist über Silvester schon in aller Herren Länder gewesen, auf sauteuren Silvestergalen diverser Hauptstädte, auf Berggipfeln, dem offenen Meer oder einsamen Inseln. Überall war ihr größtes Glück, wenn sie und ihre Begleitung die Nacht einigermaßen schadlos überstanden und sich am nächsten Tag noch in die Augen schauen konnten.

Da ich vor dem Böllerregen immer ein bisschen Panik habe und die Knallerei mich erschreckt, wenn ich auf der Straße bin - hier werfen sie einem die Dinger gerne aus dem Fenster auf die Köpfe - bin ich mittlerweile dazu übergegangen, im privaten Kreis zu feiern, wo ich mir sicher sein kann, dass ich zwischen neun Uhr abends und fünf Uhr morgens nicht vor die Tür muss. Wenn es einen Fernblick gibt, umso besser.

Einmal war ich mit Freund die Gastgeberin einer solchen Silvestersache. Wir erklärten uns bereit, alles einzukaufen und vorzubereiten - die Ausgaben sollten dann geteilt werden. Am 30. und 31. waren wir so sehr mit den Einkäufen beschäftigt, genauso wie drei Millionen andere Leute in der Stadt, dass die Gereiztheit uns unter die Hutkante schwappte und wir heilfroh waren, dass wir es ohne nennenswerten Contenance-Verlust oder Trennungsgrund bis in die Wohnung schafften. Aber die Aggressionen waren greifbar und wallten ab und zu noch mal auf, suchten nach Entladung.

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Illustration: Julia Schubert



Es gab Fondue. Mit siedendem Fett und Fleisch, und mit Brühe und Meeresfrüchten - angelehnt ans chinesische Hot-Pot-Essen. Stundenlang werkelten wir, kochten Saucen auf und ein, marinierten, tournierten, verzierten. Ab und zu lag eine versöhnliche Freund-Hand auf meiner Schulter. Zur Ankunft der sieben Gäste perlte der gute Sekt und überzog die Gläser sofort mit Reif. Alle machten brav „ooooh“ und „aaaaah“ beim Anblick der gedeckten Tafel.

Es wurde ein ganz schöner Abend. Nicht spektakulär, aber durchaus vorzeigbar. Gute Musik und Gespräche, sehr leckeres ausgiebiges Essen. Um Mitternacht gingen wir auf den Balkon und sahen das Feuerwerk überm Park, bis der Feuerwerksnebel vom Boden aufstieg wie Träume. Im Morgengrauen schlief ich zufrieden ein.

Eines der eingeladenen Freundespaare, Tom und Klara, verhielt sich danach aber seltsam. Ich versuchte, mich zu erinnern. Ob sie mit irgendwem am Tisch aneinandergeraten waren, ob mein Freund sie beleidigt hatte, ob sie sich vielleicht gestritten hatten. Aber wenn, so hatte ich davon nichts mitbekommen.

Bestimmt bilde ich mir das nur ein, dachte ich, als ich eine Woche später auf dem Weg zu Tom war. Er und Klara waren schon länger recht gute Freunde von mir und lagen mir am Herzen. Und nun saß Tom mir gegenüber und druckste herum.

„Klara hat sich total darüber aufgeregt, dass es fünfundzwanzig Euro pro Kopf kosten soll“, brachte er schließlich heraus.

„Aber das ist mit allem, auch Getränken“, sagte ich.

„Ja, trotzdem. Sie ist noch auf dem Heimweg ausgeflippt - sie meinte, sie esse gar nicht so viel, und eine soche Völlerei hätte sie auch gar nicht gut gefunden.“

Ich war sprachlos.

Dazu muss vielleicht noch gesagt werden, dass keiner von uns superviel Geld hatte, aber alle ganz gut zurecht kamen. Allen voran Klara und Tom. 25 Euro für einen Abend konnte sich jeder von uns mal leisten. Nur: Manche wollten das scheinbar nicht, hatten das aber nicht vorher gesagt.

Ich dachte an all die Einkaufsstrapazen. Den schmalen Grat, auf dem mein Freund und ich dabei gewandelt waren. Die vielen Male, die ich ihn gern geschüttelt hätte. An all das Ausdenken, Vor- und Zubereiten der Dinge. Ich biss sehr fest die Zähne aufeinander.

Als ich eine weitere Woche später Klara traf, schien sie peinlich berührt. Ich hatte keine Ahnung, ob Tom ihr von unserem Gespräch erzählt hatte. Plötzlich fragte sie mich: „Hat Tom dir mittlerweile endlich das Geld gegeben?“

Ich nickte.

„Richtig so. Bei mir hat er sich noch darüber beklagt, dass das viel zu viel wäre und er das auf keinen Fall bezahlen wolle“, fuhr Klara fort und ich konnte fühlen, wie mir der Blick ins Leere fiel und das Herz schwer wurde.

Manchmal wäre ich gern lauter und temperamentvoller. So eine Person, die einfach auf den Tisch haut und ruft: „Ihr spinnt wohl, alle beide!“ Stattdessen schwieg ich oft, wenn ich ihnen gegenüber saß. Unsere Freundschaft verlief sich irgendwo in dem Gewirr der vielen Häuser und Straßen.

Silvester werden wir sicher nie mehr miteinander feiern. Lena hingegen schickt mir immer eine Postkarte. Mal sehen, wo sie dieses Jahr herkommt. 

Text: anne-koehler - Illustration: Katharina Bitzl

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