bi cover jurica koletic
Foto: Jurica Koletic/unsplash; Bearbeitung: jetzt

Als ich vor dem Eingang der Lesbenparty auf meine Freunde wartete, sah ich mir mein Spiegelbild in einem Schaufenster an. Ich hatte mir Mühe mit meinem Outfit gegeben: Ich trug meine gewellten langen Haare offen, ein enganliegendes Jeanskleid, große goldene Creolen, glitzernden Nagellack und einen Nude-Ton auf den Lippen. Ich sah ziemlich weiblich aus und fühlte mich wohl und selbstbewusst damit.

Ich schrieb gerade nervös Nachrichten an meine Freunde, die sich schon um eine halbe Stunde verspätet hatten, als mir auf der anderen Straßenseite eine Frau auffiel. Sie starrte mich an. Vielleicht findet sie mich sympathisch, dachte ich. Vielleicht sogar attraktiv. Vielleicht will sie irgendwie mit mir ins Gespräch kommen, ist aber noch unsicher und traut sich nicht, mich anzusprechen – was unter bisexuellen oder lesbischen Frauen oft der Fall ist. Schließlich möchte man sich jeden unangenehmen „Sorry, ich bin sowas von hetero“-Korb ersparen.

Die Frau erfüllte so ziemlich jedes lesbische Klischee: Sie trug einen Kurzhaarschnitt, weite Pants und ein lilafarbenes  Shirt mit dem Schriftzug „Smash the Patriarchy“. Ich fand sie spannend und lächelte sie freundlich an. Sie zögerte nicht und lief direkt auf mich zu.

„Dir ist schon klar, dass du mit deinem Hetero-Aufzug hier heute keine Männer kennenlernst, oder?”, fragte sie mich stumpf und zündete sich eine Zigarette an. Hetero-Aufzug? Keine Männer? Was faselte sie denn da? War sie betrunken? Ich war irritiert. Unser intensiver Blickkontakt, den ich für den Anfang eines interessanten Flirts gehalten hatte, fühlte sich plötzlich bedrohlich an. Ich spürte ihre Abneigung mir gegenüber. „Falls du das nicht mitbekommen hast: Die Party heute ist für Frauen, die sich zu Frauen hingezogen fühlen“, ergänzte sie und drehte sich von mir weg, noch bevor ich erwidern konnte, dass auch ich die Facebook-Info zu dieser Veranstaltung sehr gründlich gelesen hatte.

Ich fühlte mich wie eine Außenseiterin, die auch in der LBGTQI-Community abseits steht

Wie eingefroren blieb ich noch eine ganze Weile stehen und schaute mich erneut im Schaufenster an. Nur fühlte ich mich dabei nicht mehr so gut und sicher. Eher wie eine Außenseiterin, die nicht nur im Mainstream, sondern auch in der LGBTQI-Community abseits steht. Ich war verletzt.

Die Begegnung brachte mich zum Nachdenken: Ich konnte nicht fassen, dass sie mir meine Bisexualität und somit einen wichtigen Teil meiner Identität abgesprochen hatte. Und dass nur, weil ich weiblich aussah. Musste ich also erst diese Weiblichkeit negieren beziehungsweise männliches Aussehen imitieren – meine Haare abschneiden, weite Klamotten tragen und mir in den Schritt fassen –, um auch von Frauen wahrgenommen zu werden?

Das Ganze ist schon eine Weile her. Aber das Phänomen, als bisexuelle Frau auch in der Community unsichtbar zu sein, begegnet mir bis heute. Wie ich öffentlich gelesen werde, hängt nämlich weniger von mir und vielmehr von meinem Partner oder meiner Partnerin ab, mit denen ich mich in der Öffentlichkeit zeige. Die Formel hierfür ist ganz einfach: Küsse ich einen Mann, stehe ich auf Männer. Küsse ich eine Frau, stehe ich auf Frauen. Bisexuelle Menschen wie ich existieren nicht. Was kein Wunder ist, denn weder in den Medien, der Politik, Geschichtsschreibung, Wissenschaft, noch in der Lesben- oder Schwulenbewegung finden wir Vorbilder.

Eine lesbische Freundin sagte: „Ach, das ist nur eine Phase“

Deswegen habe ich mir mittlerweile angewöhnt, jeder neuen Bekanntschaft im Anschluss an meinen Namen direkt meine Bisexualität unter die Nase zu reiben. Aber damit ist der Kampf um meine Identität leider noch nicht abgeschlossen. Bekannte haben mir schon vorgeworfen, dass ich lügen würde, um dazuzugehören. „Ach, das ist nur eine Phase. Du bist gerade verwirrt und unentschlossen. Das hat jeder mal”, sagte eine lesbische Freundin, als ich mich vor ihr outete. Ihre Reaktion enttäuschte mich so sehr, dass ich eine Woche lang ihre Anrufe und Nachrichten ignorierte. Als wir uns dann zur Versöhnung in einem Café verabredeten, zeigte ich ihr eine Studie der University of Utah, in der man Frauen von der Jugend bis zum Erwachsenenalter zu ihrer Bisexualität befragte. 92 Prozent von ihnen fühlten sich über den gesamten Zeitraum zu beiden Geschlechtern hingezogen.

Nicht mehr unsichtbar zu sein, ist die erste Hürde. Von seinem Umfeld als das akzeptiert zu werden, was man ist, die zweite. Doch viel belastender ist die Biphobie (oder Bifeindlichkeit) in der Szene. Als ich ein Tindermatch erst nach unserem vierten Date darüber in Kenntnis setzte, dass ich auch auf Männer stehe, beschimpfte sie mich als „Verräterin“. „Du bist zu feige, um dich anständig zu outen. Du machst das nur, um weiterhin Privilegien von Heteros genießen zu können und fällst uns damit in den Rücken”, schrieb sie mir zuletzt auf Whatsapp.

Wir führen alle die gleichen Kämpfe

Obwohl ich ihre Verletztheit und Wut nachvollziehen kann, ärgere ich mich darüber, wie blind sie ist. Denn auch ich bin nur so lange vor Diskriminierung und Anfeindungen geschützt, bis ich meine Partnerin in der Öffentlichkeit an die Hand nehme. Dann muss ich dieselben verachtenden Blicke, bösen oder anzüglichen Kommentare und Gewaltandrohungen aushalten. Und jeder meiner Exfreunde hat meine Gefühle für Frauen irgendwann einmal sexualisiert und auf einen Dreier oder Gruppensex angespielt. Es ist wahr: Wir führen alle die gleichen Kämpfe.

Dass ich mich in den jeweiligen Menschen verliebe und nicht in das Geschlecht, scheint bei all den Vorwürfen keine Rolle zu spielen. Und dass ich als bisexuelle Frau nur Vorteile genieße, weil ich einerseits mehr Auswahl habe und andererseits weniger von Diskriminierung betroffen bin als Homosexuelle, ist nur halb wahr. Frauen im Alltag kennenzulernen ist fast unmöglich, weil es zum einen viel weniger bisexuelle oder lesbische Frauen gibt als heterosexuelle und die wenigsten sich auch so zeigen. Wenn man aber wie ich auf LGBTQI-Veranstaltungen als Hetero gelabelt wird, ist es noch schwieriger, Anschluss zu finden.

Heute würde ich den verletzenden Kommentar der fremden Frau vor dem Schaufenster nicht so stehenlassen. Ich würde mich wehren, mich äußern, anstatt mich verunischern zu lassen und mich noch mal in der Scheibe zu mustern. Wahrscheinlich würde ich sie fragen, ob sie sich, wenn sie mich wegen meines angeblich weiblichen Aussehen ausgrenzt, nicht einem Stereotyp beugt, das ihr eigenes Leben massiv erschwert.

*Die Autorin dieses Textes hat darum gebeten, anonym bleiben zu dürfen. Sie ist der Redaktion aber bekannt.

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