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„Ihr könnt gern dazu masturbieren, wenn ihr wollt“

Menschen, die gemeinsam feministische Pornos schauen - und anschließend über das Gesehene diskutieren. Unsere Autorin hat's ausprobiert.
Von Katja Lewina
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    Collage: Daniela Rudolf, Fotos: Katja Lewina, freepik

Es beginnt ganz klassisch in einer Autowerkstatt. Zwei Typen in weißen Muscle-Shirts waschen eine hübsche Karre, als eine Kundin reinkommt. In Nullkommanix landet die süße Blonde auf der Motorhaube und die beiden zeigen, was sie so drauf haben. Einer oben, einer unten. Nur, dass es hier ganz anders läuft als sonst: Es geht allein um ihre Befriedigung. Sie wird geküsst und gestreichelt und geleckt, bis sie sich vor lauter Lust windet. Die drei werden immer wilder, und langsam spüre auch ich gewisse Regungen in meinem Schritt – doch, Peng! Der Bildschirm wird schwarz. Es wird Zeit für eine Auswertung. Wir sind schließlich nicht nur zum Vergnügen hier.

Dabei war ich vor zwei Stunden nicht mal sicher, hier überhaupt richtig zu sein. Die Szene muss ein wenig merkwürdig ausgesehen haben: Eine verwirrte Frau mit Kippe im Mundwinkel drückt sich vor dem Eingang eines Mietshauses herum, springt an den Fenstern hoch und rüttelt an der Tür. Aber ja, genau hier soll er sein, dieser feministische Sexshop namens „Sexclusivitäten“. Darin eine Veranstaltung mit dem klangvollen Namen „Feminist Porn Watching“. Doch von einem Laden keine Spur, dafür ungefähr dreihundert Klingelschilder. Ich bin noch lange nicht durch mit Lesen, als sich ein Finger auf eine der Klingeln legt. Er gehört einem jungen Mann mit Sidecut, den ich auf höchstens 18 schätzen würde. „Porn Watching?“, fragt er. Ich nicke zustimmend. 

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    Foto: Katja Lewina

Der Laden entpuppt sich als Zimmer einer privaten Dreiraumwohnung voller junger, hipper, aufgekratzt lachender Menschen – so etwas wie das hier macht man ja nicht alle Tage. Ein geschätztes Drittel von ihnen Männer, und das bringt mich schlagartig in Feiertagslaune. Es gibt also noch Hoffnung für diese Welt. Die Leute halten Dildos in den Händen, probieren Strap-Ons an und stecken Finger in Sauglöcher. „Willst du auch mal?“, fragt eine Frau mit grüner Mähne und hält mir ein türkises Etwas hin, der meinen arglos entgegengestreckten kleinen Finger ansaugt, als wäre es ein Säugling auf der Suche nach Nahrung.

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    Foto: Katja Lewina

Überrascht von so viel Intimität mache ich mich auf die Suche nach der Gastgeberin. Seit 25 Jahren betreibt Laura Méritt „Sexclusivitäten“, wo sie umweltfreundliches Sexspielzeug für Frauen anbietet und Veranstaltungen wie Genitalmeditation, Ejakulations-Workshops, Gesprächsrunden und jeden letzten Freitag in Monat das Porn Watching organisiert.

„So viele Leute kommen normalerweise nicht“, sagt sie und lacht ihr schallendes Lachen. „Aber ich freue mich natürlich. Das hängt bestimmt mit Facebook und der medialen Aufmerksamkeit für den PorYes-Award zusammen.“ Seit 2009 wird er alle zwei Jahre für herausragende feministische Pornoproduktionen und Lebenswerke verliehen, am 21. Oktober ist es wieder soweit. Den Award hat Laura mit ins Leben gerufen. Als Sex-positive Feministin will sie dazu beitragen, dass sich Alternativen zur Mainstream-Pornographie verbreiten: Dazu gehören neben körperlicher Diversität, dem Durchbrechen von Geschlechterstereotypen, sicherem und konsensualem Sex auch faire Produktionsbedingungen.

Lauras Wohnzimmer ist inzwischen voll. So voll, dass die Luft trotz aufgerissener Fenster nicht besser werden will. Ich finde einen Platz, kauernd zwischen Dutzenden von Füßen, Rücken und Händen. Sind das hier 50 Personen auf 20 Quadratmetern? 60? Oder mehr? Der Rest bleibt in der Küche oder im Flur stecken und im Shop berät eine Verkäuferin diejenigen, die die Hoffnung auf Porno aufgegeben haben, wenigstens in Sachen Toys. Draußen vor der Tür steht eine Frau von kräftiger Statur und sieht zu, dass die Menschen, die in einer Schlange durch das Treppenhaus bis ganz nach unten anstehen, wieder nach Hause gehen. Was für ein krasser Hype. „Wie hast du hiervon erfahren?“, flüstere ich zu allen Seiten. „Facebook“, flüstert es einmütig zurück. Niemand ist vorher jemals hier gewesen. Lauras Sex-positive Botschaft scheint mit einem Mal explodiert zu sein. 

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    Foto: Katja Lewina

„Was habt ihr gesehen?“, fragt Laura nach der Autowasch-Sequenz, und die Menschen freuen sich über die verkehrten Geschlechterrollen und den Fokus auf die Pussy. Später, als wir außerdem noch eine kurvige, masturbierende Frau, einen synchronen Handjob und ein es wild treibendes Paar gesehen haben, freuen sie sich über Dehnungsstreifen und unrasierte Achseln, Erregungsflecken, lachende Gesichter und einen nicht-weißen Darsteller. Viel weniger Performance, viel mehr Kommunikation und Gleichwürdigkeit. Nein, nicht jeder Orgasmus ist echt, natürlich geht es auch hier um ein ästhetisches Erlebnis. Und doch ist das alles so weit weg von diesem ewig gleichen „eingeölte, aufgepumpte Körper machen Blasen-Vögeln-Cumshot“, dass es sich schon fast wie eine Offenbarung anfühlt: So geht Porno also auch!

Trotzdem beklagt jemand die überdurchschnittlich großen Brüste und Penisse und noch jemand die zumeist glattrasierten Vulven. „Auch die gehören dazu und müssen gezeigt werden“, findet Laura. „Solange das nicht die einzigen Kategorien sind, die wir gelten lassen, ist das okay.“

„Ihr könnt gern dazu masturbieren, wenn ihr wollt“, sagt Laura

Für die meisten hier scheint das eine intellektuelle Veranstaltung zu sein. Niemand lässt sich sichtbar von der Erotik auf dem Bildschirm mitreißen. Um mich herum lauter ernsthafte Gesichter, die die kopulierenden Leiber scheinbar bloß als Diskussionsgegenstand betrachten, um dann und wann überraschend in Gekicher auszubrechen. Zwischendurch stöhnt jemand demonstrativ auf, und den ganzen Raum erfasst ein hysterisches Zucken. „Ihr könnt gern dazu masturbieren, wenn ihr wollt“, sagt Laura, und das Lachen nimmt fast kein Ende. Irgendwie muss sich die „Da vorne vögeln Menschen, und wir gucken alle zusammen zu“-Verlegenheit ja ihre Bahn brechen. Dann wieder: vollste Konzentration auf die Analyse.

Einer der ersten Sätze, die Laura an diesem Abend sagte, lautete: „Das Private ist politisch.“ Darum das alles in ihrer Wohnung, darum die Wichtigkeit von Pornographie, darum gemeinsames Gucken und Austauschen. Hier wird nach allen Seiten entgrenzt. Und gleichzeitig deutlich, wie neu für die meisten der Menschen in diesem Raum solche Entgrenzungen sind. Einschließlich mir. Meine anfängliche Erregung hat sich verkrochen: Nicht hier, nicht jetzt.

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    Foto: Katja Lewina

Die Frau neben mir findet ein Mösenkissen auf dem Esstisch. „Was macht man wohl damit?“, flüstert sie zu mir rüber. Ich versuche, mich draufzusetzen, dabei knicken meine eingeschlafenen Beine unter mir weg. Unbequem, aus verschiedenen Gründen. „Keine Ahnung. Kuscheln?“ Sie heißt Rieke, erzählt sie später, und sie ist restlos hingerissen. Von der gemütlichen Wohnung, dem herzlichen Empfang, der Atmosphäre, dem ungewöhnlichen Format. Und die Pornos selbst? Hat sie gar nicht richtig als solche wahrnehmen können, weil die Umgebung keine intimen Gefühle zuließ. „Und so richtig angemacht hat mich das meiste davon auch nicht.“ 

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    Foto: Katja Lewina

Auch Sebastian feiert mehr die Veranstaltung selbst als die Bilder, die er grade gesehen hat: „Ich bin ein Kopfmensch. Um etwas scharf zu finden, brauche ich ein anderes Setting. Hier lag die intellektuelle Auseinandersetzung im Fokus, also habe ich mich vor allem darauf konzentriert, die Unterschiede zum Mainstream-Porno ausfindig zu machen.“ Wie sehr uns dieser kollektiv beeinflusst, findet er erschreckend: „Viele Jungs lernen heute aus Pornos, wie Sex funktioniert. Für sie gehört die Unterdrückung von Frauen dann quasi dazu.“

Alle, mit denen ich heute Abend ins Gespräch komme, finden den üblichen Porno-Kram problematisch bis unguckbar. Wenn Porno, da sind sie sich alle einig, dann nur noch feministisch. Auch wenn auf die Frage nach dem Hotness-Grad der gezeigten Szenen eher abgewunken wird.  Sind feministische Pornos also möglicherweise doch nur dazu gut, Geschlechtergerechtigkeit auf diesem Gebiet herzustellen? Oder sind wir einfach versaut vom Mainstream? „Vielleicht muss man sich die Filme einfach mal in Ruhe zu Hause reinziehen und dann auch in längeren Sequenzen“, schlägt Jann vor. „So bekommt man ganz automatisch einen anderen Zugang. Und kann es dann erst wirklich beurteilen.“

Jetzt müssen sie los. Genug intellektualisiert, es ist Freitag Abend, die Nacht wartet. Ich winke ihnen mit dem Mösenkissen hinterher.

Pornos sind wichtig – durch sie können auch Sex-positive Bilder vermittelt werden

„Man benutzt die zu Aufklärungszwecken“, erklärt Laura, als alle weg sind. „Du glaubst nicht, wie viele Wissenslücken es gibt, wenn es um weibliche Anatomie geht.“ Sie steckt ihre Hand von hinten ins Kissen und öffnet die Lippen leicht. Fast liebevoll fährt sie erst die äußeren Schamlippen mit dem Finger der anderen Hand nach, dann die inneren , zeigt den Scheideneingang und lässt dann die Klitoris rausploppen. „Siehst du, es kann sogar Erregung zeigen“, sagt sie und lacht.

„Und genau darum sind Pornos so wichtig“, sagt Polly, die Frau, die vorhin noch die Tür bewacht hat. „Wir schätzen die Arbeit von Alice Schwarzer und ihrer PorNo-Kampagne, und haben grundsätzlich die gleichen Ansichten, was den Mainstream-Porno angeht. Aber wir finden: Wenn Pornographie grundsätzlich verboten wird, können auch keine Sex-positiven Bilder mehr vermittelt werden.“ Dann dem ganzen Schrott doch lieber etwas Gutes entgegensetzen.

Laura hat inzwischen die Spülmaschine mit dem Geschirr vom Mittag ausgeräumt. Jetzt fällt sie müde, aber immer noch lächelnd auf einen Stuhl. Pornographie, findet sie, gehöre zur sexuellen Selbstbestimmung, und genau die wolle sie unterstützen. „Deswegen veranstalte ich solche Abende: Ich will, dass wir unsere Konditionierungen hinterfragen. Ich will Wissen weitergeben und Austausch ermöglichen. Und damit die Basis für Veränderung schaffen.“

So viele Menschen wie heute haben Lauras Wohnung noch nie belagert. Es scheint, als wäre die Welt ziemlich heiß auf Veränderung. Unten in der Tür zünde ich mir wieder eine Zigarette an. Sexclusivitäten, da steht es, hätte ich doch gleich sehen können. Wenn mir mal wieder nach Feiertagsstimmung ist, komme ich wieder.

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