Millionen Frauen bilden Menschenkette

So wollen die Inderinnen für gleiche Rechte kämpfen.

Es ist eines der beeindruckendsten Werkzeuge, das Menschen für Protest benutzen können: Menschenketten. Sie symbolisieren Solidarität, Zusammenhalt und Organisationsstärke, um ein gemeinsames Ziel zu erreichen.

In Deutschland waren und sind es vor allem Atomkraftgegner und die Friedensbewegung, die Menschenketten nutzen, um politischen Druck auf die Herrschenden auszuüben. 2010 demonstrierten in München und 2011 in Baden-Württemberg über 100.000 Menschen in Form von kilometerlangen Menschenketten gegen die Verlängerung der AKW-Laufzeiten und den Einfluss der Atomlobby auf die Politik.  

Was damals ein breites Echo in Politik in Medien fand, ist im Vergleich zu dieser Menschenkette in Indien aber bestenfalls niedlich:

Bis zu fünf Millionen Menschen sollen Medien- und Twitterberichten zufolge am heutigen Dienstag eine Kette im indischen Bundesstaat Kerala bilden – über eine Strecke von über 600 Kilometern. Die Teilnehmerzahlen gehen auseinander, die BBC schreibt von fünf Millionen Demonstranten, die New York Times von drei Millionen.* Damit wollen sie ein Zeichen gegen Geschlechterdiskriminierung setzen und für die Werte der Renaissance kämpfen, wie es in indischen Medien heißt. 

Die kommunistische Regionalregierung, die selbst zu den Protesten aufrief, erklärte, Kerala werde nicht in das dunkle Zeitalter zurückgeführt  – Frauen seien gleichberechtigt. Regierungsangestellte dürfen sich an den Protesten beteiligen, Schulen in einigen Bezirken haben ihren Schülern den Nachmittag freigegeben, Universitäten haben für die Menschenkette Prüfungen verschoben.

Hintergrund des Ganzen - neben einer generell sehr patriarchalisch geprägten indischen Gesellschaft –  ist eine Entscheidung des Obersten Gerichtshofs von Ende 2018, geschlechtsreifen Frauen Zugang zum hinduistischen Sabarimala-Tempel zu gewähren. 

Ihnen war der Zutritt zu den Heiligtümern des Tempels bis dahin verwehrt worden, da ihre Anwesenheit angeblich das Zölibat der Tempelgottheit Ayappa gefährde. Menstruierende Frauen gelten im Hinduismus als unrein. Der Sabarimala-Tempel gilt als Heiligtum, zu dem jährlich über 100 Millionen Gläubige pilgern. Tausende konservative Hindus hatten in den vergangenen Wochen gegen das Urteil des Gerichts demonstriert. Medien zufolge soll es bislang immer noch fast unmöglich sein, als Frau in den Tempel zu gelangen. 

*Wir haben die Zahl der Teilnehmer mehrmals korrigiert. Es herrschte Unklarheit darüber, ob eine derart hohe Teilnehmerzahl realistisch ist bzw. ob die Quellen dazu verlässlich sind. Mittlerweile gilt die Zahl von 3,5 bis fünf Millionen Demonstranten als gesichert. 

pwe

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