Philosophie mit Wrestlern und Waldschraten

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Der erste Impuls ist klar: Man kann es nicht mehr ertragen. Dieses ewige Lamentieren, Kritisieren, Distanzieren, Verstehen und Nicht-Verstehen der – Achtung – Generation Y. Es ist doch alles gesagt. Von ihr. Vor allem aber über sie. Und trotzdem sollte man dem ersten Impuls hier einmal nicht nachgeben. Alles ist noch nicht gesagt. Oder zumindest noch nicht im richtigen Ton.

Mit „Streetphilosophy“ bekommen wir ab Sonntag auf Arte eine neue Sendung. Und mit Moderator Jonas Bosslet einen sehr brauchbaren Stellvertreter. 

Am Anfang jeder Ausgabe steht ein Credo oder eine philosophische These, zu der Bosslet Philosophen, Wrestler, Schauspieler und Waldschrate an unterschiedlichen Orten in und um Berlin trifft. Er trinkt mit ihnen Bier, fährt mit ihnen in einem goldenen Porsche, geht mit ihnen baden. Sie reden über Camus, Sisyphos, über das Bestehen, das Scheitern und das sich Anpassen ans System. Es geht darum, dass wir eigentlich keinen Plan haben, wohin unser Leben uns führt. Dass wir überfordert sind mit den Freiheiten, Rollenmustern und Lebensentwürfen. Und Bosslet hangelt sich auf der Suche nach dem Sinn stellvertretend durch dieses Gestrüpp aus Chancen und Sackgassen hindurch.Und das: richtig gut. 

Bosselt frotzelt und witzelt, ist manchmal rotzig, aber immer sehr empathisch und aufrichtig, wenn er mit den Leuten redet. Und schafft damit, zusammen mit dem Produktionsteam um Simon Hufeisen und Dominik Bretsch: etwas sehr Neues. Etwas überraschend Rohes und Ehrliches.

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Was ist Schicksal?

Foto: streetphilosophy

In einer Folge trifft Bosslet Mode-Rebell Carl Jakob Haupt bei dessen Vernissage. Der Designer hat gerade einfache, schwarze T-Shirts zum heißen Scheiß erhoben – und die Berliner Szene feiert ihn dafür. Es ist wohltuend ehrlich, wenn Bosslet am nächsten Morgen beim Müsliessen zu Haupt sagt: „Ich dachte, ihr seid affektierte Wichser, die sich einfach nur geil finden." Der Zuschauer aber entdeckt dann langsam, dass Haupt eben eine Rolle spielt. Eine, die er selbst gewählt hat. Eine, die eigentlich eine Persiflage auf den Modebetrieb ist.

Dass die Episoden in "Oh Boy"-haftem Schwarz-Weiß gefilmt wurden, dass Bosslet in einer Folge mit einer alten Ente durchs Bild fährt, dass er Bandana und Trawler-Mütze trägt, dass Schimpfwörter fallen –  all das wird in "Streetphilosophy" nicht zur bloßen Attitüde, ist kein narzisstischer Selbstzweck. Es wirkt aufrichtig. Und sieht eben gut aus. Authentisch nennt man das wohl.

Die zwei ausgebildeten Journalisten Simon Hufeisen und Dominik Bretsch entwickelten die Idee zu "Streetphilosophy". Hufeisen lebte zusammen mit Jonas Bosslet in einer Berliner WG, als das Konzept entstand. „Jonas ging manchmal am Donnerstag aus dem Haus und kam irgendwann am Sonntag wieder zurück. Verstrahlt, ohne Handy“, erzählt Hufeisen. Er sei von Anfang die erste Wahl gewesen. Einer, "der Berlin in der Nacht abbrennen kann, mit dem es nie langweilig wird." Man kann sich gut vorstellen, dass Bosslet an solchen Wochenenden alles gelernt hat, was es für diese Sendung braucht. Oder besser: alles über Bord geworfen hat, was er für diese Sendung nicht braucht.

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Jonas Bosslet im Gespräch mit Musiker und Schauspieler Robert Gwisdek.

Foto: streetphilosophy

Manchmal wirkt das alles auch ein wenig albern. Wenn er mit einem Zauberkünstler in einem See baden geht, um den Existentialismus zu erleben. Oder wenn er bei der Vernissage begleitet von der Kamera durch die Menge schreitet, um zu erfahren, wie sich Fame anfühlt.  Wenn die Generation Y aber tatsächlich so ist, wie man in "Streetphilosophy" den Eindruck bekommt, dann kann man das Reden über sie vielleicht doch ertragen. Sehr gut sogar. 

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