Wie viel dürfen wir von den Alten verlangen?

Ein Gespräch mit einem Moralphilosophen über Generationengerechtigkeit.
Interview: Friedemann Karig
Foto: ina.mija/photocase

Immer mehr alte Menschen werden in Zukunft über uns Jüngere entscheiden. Was das mit Wahl- und Fernsehprogrammen macht, merkt man jetzt schon. Gut ist das meist nicht. Und gerecht? Wir sprachen mit dem Moralphilosophen Christoph Lumer, Professor für Moralphilosophie an der Universität Siena, über Generationengerechtigkeit.

jetzt: Herr Professor Lumer, was dürfen wir von den Alten verlangen, Stichwort "Generationengerechtigkeit"?

Prof. Lumer: Moment bitte. Vielleicht sollten wir erst einmal darüber sprechen, was genau Gerechtigkeit ist.

Ja, bitte: Was ist denn überhaupt "Gerechtigkeit"?

"Gerechtigkeit" bedeutet, dass die moralischen Normen eingehalten werden. "Generationengerechtigkeit" bedeutet dann, dass die moralischen Normen, die das Verhältnis zwischen den Generationen betreffen, eingehalten werden. Um zu wissen, welche Normen dies sind, müssen wir wissen, was überhaupt moralische Normen sind.

Puh. Nun denn: Was sind moralische Normen?

Moralische Normen und Pflichten sind nicht einfach da, fallen nicht vom Himmel und können nicht einfach abgeleitet oder bewiesen werden. Sie müssen nämlich verbindlich sein, man muss an sie appellieren können; und dafür müssen sie sozial gelten: Sie müssen weitgehend befolgt werden – und ihre bekanntgewordene Nichtbefolgung muss in der Regel bestraft werden, wobei die einfachste Form der Bestrafung schon darin besteht, dass ein anderer böse guckt. Dass eine Norm in diesem Sinn sozial gilt, ist die eine Bedingung für eine moralische Norm; die andere ist, dass diese soziale Geltung auch moralisch gut ist. Nicht alle sozial geltenden Normen sind ja moralisch gut. Innerhalb eines faschistischen Regimes beispielsweise gelten viele unmoralische Normen.  

Und was heißt "moralisch gut"?

Als Vertreter einer "Wohlfahrtsethik" würde ich sagen: Die moralische Wünschbarkeit entspricht einer Zusammensetzung aus dem individuellen Wohlsein der fühlenden Wesen. Also: Je mehr Leuten es gut und besser geht, desto besser.

Okay, jetzt also: Wie viel dürfen wir von den Alten verlangen?

Eine der moralischen Normen zum Verhältnis zwischen den Generationen ist die "positive intergenerationelle Sparrate". Die besagt, dass wir quasi das Wohlsein unserer Eltern verzinst erben sollen, also dass es uns besser gehen sollte, als den Generationen vor uns. Jede Generation soll der nächsten Generation so viel an materiellen wie immateriellen Gütern, also Kapital, Bildung, Weisheit und Ressourcen hinterlassen, dass diese ihr Wohlsein steigern kann. Auf welche Weise auch immer. Daraus entspringen das Prinzip der Nachhaltigkeit und das der Ressourcenschonung. Das gesamte Wohlsein – mit den Dimensionen Lebensdauer und Wohlbefinden – muss gesteigert werden.

Das klingt bei nicht erneuerbaren Ressourcen unmöglich.

Richtig. Beim Verbrauch von zum Beispiel Erdöl oder seltenen Metallen scheint es gar nicht anders zu gehen, als dass das Gebot der positiven Sparrate verletzt wird. Aber solch einen Verbrauch lässt das Gebot durchaus zu – es spricht ja vom Wohlsein, nicht von den einzelnen Ressourcen. Solch ein Verbrauch muss dann jedoch kompensiert werden indem man neue Ressourcen schafft, die unser Wohlsein verbessern. Die Norm der positiven intergenerationellen Sparrate gilt sozial, zwar nicht juristisch, aber informell: Eltern könnten diese naturwüchsig positive Entwicklung auch aktiv verhindern, indem sie Bildung verweigern, Kapital verprassen und exzessiv Ressourcen aufbrauchen. Juristisch ist dagegen nichts zu machen. Aber solche Eltern werden mindestens sehr schlecht angesehen. 

Prof. Dr. Christoph Lumer ist Professor für "Moral Philosophy" an der Universität von Siena

Foto: privat

Wie entwickelt sich diese intergenerationelle Sparrate momentan?

Sie wird zurückgefahren. Natürlich geht es Ihnen in Deutschland diesbezüglich noch sehr gut. Dort haben Sie beispielsweise eine deutlich geringere Jugendarbeitslosigkeit im Vergleich zum Beispiel zu hier, in Italien. Der "Generation Praktikum" geht es bei Ihnen nicht so schlecht wie woanders, jedoch schlechter als etwa vor 20 bis 30 Jahren. Auch der ungezügelte Verbrauch nicht erneuerbarer Ressourcen und der Treibhauseffekt haben zugenommen und betreffen alle Menschen. Hinzu kommen die steigende Staatsverschuldung, durch die die Zeche für heutige Ausgaben von den Jüngeren zu zahlen sein wird, und die sich verschärfende Rentenproblematik.

 

"Die am schlimmsten Betroffenen sind heute noch jung oder gar nicht geboren und leben in der Dritten Welt"

 

Und die nicht-materiellen Güter?

Auch da geht es den Deutschen relativ gut. Hier in Italien sind zum Beispiel die Strukturen viel autoritärer, zum Nachteil von Jüngeren. Die soziale Mobilität, die Chance zu sozialem Auf- oder Abstieg also, ist in Deutschland mit die niedrigste weltweit, aber in vielen Bereichen noch ein wenig höher als in Italien. Hier an den Universitäten gibt es vor allem in den medizinischen Fächern seit vielen Jahren den Kampf, dass junge Forscher ohne Professoren-Eltern auch etwas werden können.  

 

Ist die Sparrate nicht eigentlich automatisch positiv, wegen technologischer Entwicklung und medizinischen Verbesserungen?

Sie wird, rein materiell gesehen, normalerweise individuell automatisch erfüllt durch Anschaffen, Anhäufen und Vererben. Und durch den technischen und medizinischen Fortschritt kommt die Erhöhung quasi von selbst, zum Beispiel durch eine Verlängerung der Lebenserwartung. Momentan haben wir bezüglich der Umwelt jedoch definitiv eine negative Sparrate. Auch gegen den Klimawandel muss und kann etwas getan werden. 

Warum passiert dann nichts?

Dieser Rückgang fühlt sich nicht dramatisch an, weil wir nicht am Hungertuch nagen. Vor allem aber leben viele aktuelle Entscheidungsträger nicht mehr, wenn schlimmere Folgen des Treibhauseffektes eintreten werden. Und die am schlimmsten Betroffenen sind heute noch jung oder gar nicht geboren und leben in der Dritten Welt.

 

Ist weiteres Wachstum, und damit eine positive Sparrate, nicht auch immer schwieriger, je weiter entwickelt eine Gesellschaft ist?

Ja, wenn man die Sparrate hauptsächlich materiell sieht. Aber es geht ja auch um soziales Leben, Naturerleben, Teilhabe, Stressabbau, größere Sicherheiten. Auch dafür muss man sich einsetzen.

 

Gerade junge Leute haben aber heute keine Zeit und Lust, sich zu engagieren, sagt man.

Es ist fatal, wenn junge Leute mutlos werden, sich nicht mehr engagieren oder nicht mehr die Ressourcen dafür haben. Das ist schlimmer als jede negative Bilanz oder Sparrate. Mein Appell wäre: Normen fallen, wie gesagt, nicht vom Himmel. Man kann etwas verändern. Man muss nur wollen. Neulich war ich in Norwegen, dort gibt es viel höhere Geburtenraten, weil jungen Leuten mehr Freiheit für die Familie zugestanden wird. Alles ist relaxter dort. Und das kommt allen Generationen zugute.

   

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