„Wir sind ausgezehrt und hangeln uns von Dienst zu Dienst“

Eine Pflegerin, ein Priester und eine Psychologin aus der Lombardei erzählen, wie hart die Corona-Krise sie und ihre Mitmenschen trifft.
Protokolle von Hanna Winterfeld

Corona-Krise: Drei junge Menschen aus der Lombardei erzählen, wie sich das Virus auf ihren Job und ihren Alltag auswirkt.

Foto: privat; Bearbeitung: jetzt

Die Lombardei, eine Region im Norden Italiens, gilt als das italienische Epizentrum des Corona-Ausbruchs. Von hier aus verbreitete sich das Virus in Italien und in vielen anderen Ländern Europas. Laut der italienischen Regierung (Stand 08.04.2020) sind landesweit 17 669 Menschen in Folge des Virus gestorben, 9722 davon in der Lombardei. Damit ist die Lombardei nicht nur die am stärksten betroffene Region Italiens, sondern auch eine der am stärksten betroffenen Regionen weltweit. Warum die Anzahl an Infizierten und die Todesrate in der Lombardei so hoch sind, ist umstritten. Als Gründe werden aktuell vor allem das vergleichsweise hohe Durchschnittsalter der Bevölkerung, die hohe Bevölkerungsdichte, frühe Fehler im Umgang mit Verdachtsfällen, die Sozialstruktur, Einsparungen im Gesundheitssystem und eine hohe Dunkelziffer an Infizierten diskutiert. Die Bilder von überfüllten Notaufnahmen und aneinandergereihten Särgen in den Kirchen Bergamos gingen um die Welt. Die Lombardei wurde abgeriegelt, Ausgangsbeschränkungen wurden erlassen. Seitdem sind die dort lebenden Menschen dazu aufgerufen, ihre Häuser und Wohnungen nur für die Arbeit, notwendige Besorgungen oder Arztbesuche zu verlassen. Wir haben mit drei jungen Menschen aus der Lombardei – einer Pflegerin, einem Priester und einer Psychologin – darüber gesprochen, wie sie die Corona-Krise erleben und welche Sorgen und Hoffnungen sie haben.

Der Anfang der Krise hat uns kalt erwischt

Foto: privat

Elena, 28, Altenpflegerin in der Provinz Bergamo:

„Meine Arbeit ist gerade physisch und psychisch sehr belastend. Weil Personalmangel herrscht, müssen alle hart und viel arbeiten. Ich habe von Kollegen gehört, die seit eineinhalb Wochen durchgehend im Dienst sind, ohne einen Tag Pause. Vor der Krise habe ich Teilzeit als mobile Pflegerin gearbeitet. Als so viele Ärzte, Krankenschwestern und Pfleger erkrankten, baten meine Vorgesetzten mich, wieder Vollzeit zu arbeiten. Jetzt bin ich die Hälfte der Zeit als mobile Pflegerin unterwegs, die andere Hälfte als Pflegerin im Heim. Wenn ich durch die Gänge des Altenheims gehe, wird mir schmerzlich bewusst, wie ruhig es ist. Normalerweise sind alle Zimmer besetzt, jetzt stehen viele leer: Mindestens die Hälfte der Bewohner ist in den vergangenen Monaten gestorben und neue werden nicht aufgenommen.

In einem Teil des Heims haben wir Covid-19-Patienten untergebracht, weil das Krankenhaus von Bergamo überfüllt ist. Wenn bei einem unserer Bewohner Verdacht auf das Virus besteht, wird er sofort in einen abgetrennten Bereich des Heims verlegt. Das Personal, das sich um diese Patienten kümmert, hat keinen Kontakt mit den restlichen Bewohnern. Sie tragen Schutzkleidung, die sie nach jedem Zimmer wechseln. Inzwischen funktioniert alles gut, jeder Ablauf ist genau vorgegeben. Der Anfang der Krise hat uns aber kalt erwischt. Wir erkannten den Ernst der Lage nicht. Wenn ein Bewohner am Morgen Fieber hatte, schickten wir ihn ins Krankenhaus. Wurde er dort positiv auf das Virus getestet, galt jeder, der am Morgen mit ihm Kontakt gehabt hatte, als potenziell infiziert. Mittlerweile wissen wir besser, wie wir uns in einem Verdachtsfall verhalten müssen.

„Mein Vater und mein Onkel hatten Covid-19. Mein Onkel hat es nicht überlebt“

Die Stimmung unter den Angestellten ist angespannt. Wir sind ausgezehrt und hangeln uns von Dienst zu Dienst. Die Atmosphäre im Heim hängt besonders von uns ab: Wenn wir morgens schon müde und ausgebrannt in die Arbeit kommen, dann wirkt sich das auf die Alten aus. Manche der Bewohner, zum Beispiel Alzheimerpatienten, verstehen die Situation nicht. Wir haben auch einen Bewohner mit einer motorischen Störung. Für ihn ist es sehr schlimm, eingesperrt zu sein. Schon vor der Corona-Krise gab es nicht viele Aktivitäten, die die alten Menschen machen konnten. Sie wurden ab und zu spazieren gefahren, spielten Spiele mit der Physiotherapeutin und freuten sich über Besuch. Das war ein glücklicheres Leben. Jetzt ist davon nichts mehr möglich.

Meine größte Angst ist es, jemanden anzustecken oder geliebte Menschen zu verlieren. Ich habe keine Angst, selbst Covid-19 zu bekommen, sondern hoffe eher, dass ich es schon hatte oder bald bekomme. Dann muss ich diese Sorge nicht mehr haben. Mein Vater und mein Onkel hatten Covid-19. Mein Onkel hat es nicht überlebt. Wahrscheinlich werde ich das erst richtig realisieren, wenn die Krise vorbei ist und ich etwas zur Ruhe komme.

Es gab eine Zeit, da war Bergamo ausgestorben, in den Supermärkten fehlten allerlei Dinge, weil nicht mehr geliefert wurde. Jetzt fühlt sich die Situation schon etwas entspannter an, man sieht wieder mehr Leute auf den Straßen. Aber die Polizei kontrolliert viel, man braucht einen triftigen Grund, um rauszugehen. Ob die Politik richtig gehandelt hat, kann ich nicht beurteilen. Was mich stört, ist, dass es selbst in einer solchen Situation in der italienischen Politik zu einem ständigen politischen Konflikt gekommen ist. Diese Politiker, die andauernd Zwietracht säen, erscheinen mir absurd. Es ist ein Notfall, kann man da nicht einmal aufhören?“

„Ich habe Angst, dass das Misstrauen und die Furcht vor anderen Menschen zur Mentalität werden“

Foto: privat

Don Fabio Scutteri, 36, Priester aus Mantua:

„Was ich Italien oder Deutschland in dieser Krise sagen möchte? Vielleicht das: Am Anfang haben viele gesagt, dass alles gut gehen wird. Jetzt sagen sie, dass es nicht stimmte. Es ist nicht alles gut gelaufen. Es gibt so viel Schmerz und Trauer. Vielleicht geht es darum, realistisch mit den Dingen umzugehen: Die Bedrohung und die Gefahr sind da, lasst uns nichts vortäuschen. Wir müssen die Kraft haben, die Dinge so zu nehmen, wie sie sind, uns ihnen zu stellen. Wir sollten uns nicht der Hoffnung hingeben, dass morgen plötzlich alles endet, sondern der Hoffnung, sich dieser Situation stellen zu können und in all dem Schmerz auch das Gute sehen, das von so vielen Menschen kommt.

Ich arbeite in der Diözese von Mantua und kümmere mich um die Jugendarbeit. Wir organisieren Aktivitäten und Camps für Jugendliche, aber die mussten wir für dieses Jahr alle absagen. Da die Leute nicht mehr in die Kirche dürfen, zeigen wir die Messe über den lokalen Fernsehsender und stellen die Aufnahmen auf Youtube. Jüngere Menschen versuchen wir über das Internet zu erreichen, um gemeinsame Momente des Gebets zu teilen. Für die Älteren sind es die Glocken, die zum Gebet aufrufen. Ich kommuniziere mit den Jugendlichen über Skype, Zoom oder Whatsapp, um zu sehen, wie es ihnen geht. Wir dürfen die Alten und Einsamen nicht mehr besuchen, das zu tun wäre sträflich. Deshalb läuft die Seelsorge in unserer Gemeinde jetzt über das Telefon. Wir lassen die Kirche offen und manchmal kommt jemand und bringt Essen. Wir stellen es dann in Körben für Bedürftige vor die Tür. Es ist schon komisch – früher hat mich mein Beruf in die Mitte der Gesellschaft geworfen, jetzt verbringe meine Zeit vor dem Bildschirm.

Auch Beerdigungsfeiern finden nicht mehr statt. Uns wurden Verstorbene aus Bergamo gebracht. Die Särge stapeln sich hier, denn auch unsere Krematorien sind voll. Die Hinterbliebenen haben ihre Angehörigen nicht mehr gesehen, seit der Krankenwagen sie abgeholt hat. Sie konnten sich nicht verabschieden oder entscheiden, wo die Verstorbenen beigesetzt werden. Ich sehe drei große Herausforderungen für meine Gemeinde. Die erste betrifft die Beziehungen zwischen den Menschen. Wir verbringen unsere Tage eingesperrt in unseren Häusern, ohne rauszugehen, und wenn wir uns sehen, dann immer mit Misstrauen und Distanz. Die Angst vor dem anderen, die Wahrnehmung, dass der andere eine Bedrohung sein könnte – ich weiß nicht, wie schnell die wieder verschwinden wird, wenn alles vorbei ist. Ich habe Angst, dass das Misstrauen und die Furcht vor anderen Menschen zur Mentalität werden. Die zweite Herausforderung ist die Armut. Viele beginnen zu kämpfen, weil sie keine Arbeit mehr haben, besonders wenn ihre ökonomische Situation davor schon schwierig war. Manche können sich kein Essen mehr leisten. Die dritte Herausforderung ist die Einsamkeit. Bei mir melden sich viele junge Menschen, die sich sehr einsam fühlen.“ 

Angst und Einsamkeit können zu Depression führen – deshalb ist Prävention jetzt so wichtig

Foto: privat

Luciana De Angelis, 37, Psychologin und Psychotherapeutin aus Mailand:

„Ich denke, dass der erste Notfall in Mailand ein medizinischer ist, der zweite ein psychologischer. Es ist wichtig, sich jetzt um das Wohlergehen der Menschen zu kümmern, um psychischen Erkrankungen vorzubeugen. Deshalb arbeite ich gerade viel. Gleichzeitig muss ich schauen, dass es mir selbst gut geht – denn wir sind alle von dieser Situation betroffen. Ich versuche, Routinen beizubehalten, meine kleine Wohnung in Wohn- und Arbeitsbereich umzustrukturieren, mich viel zu bewegen, ausreichend zu schlafen und gesund zu essen.

Viele meiner Patienten brauchen gerade mehr Unterstützung, gleichzeitig bekomme ich zahlreiche neue Anfragen. Einige Patienten haben Angehörige verloren, sie brauchen Hilfe bei der Trauerbewältigung. Es handelt sich dabei um keine normale Trauer, da sie sich nicht von ihren Angehörigen verabschieden und für diese da sein konnten, als sie im Sterben lagen. Die häufigsten Probleme meiner Patienten sind Unsicherheit und Angst. Einige Menschen haben Angst rauszugehen, Angst vor dem Kontakt mit anderen Menschen. Man muss aufpassen, dass Angst und Furcht nicht zu Panik werden.

Mailand ist eine sehr schnelle Stadt, wir arbeiten und unternehmen viel, sind normalerweise die meiste Zeit draußen. Jetzt finden wir uns plötzlich in einer Situation wieder, in der wir allein sind, viel Zeit haben und uns überlegen müssen, was wir damit anfangen wollen. Viele wissen gar nicht mehr, wie das geht! Sie beginnen, sich Gedanken zu machen, fragen sich, was wäre, wenn … Man muss aufpassen, dass das nicht zu einer negativen Gedankenspirale wird. Angst und Einsamkeit können zu Depression führen – deshalb ist Prävention jetzt so wichtig.

„Die Regierung muss jedem garantieren, dass er psychologische Hilfe bekommt“

Ich glaube, wenn uns heute jemand sagen würde, wir könnten alle wieder raus, würden trotzdem einige für eine Zeit lang daheim bleiben. Denn wir haben das Gefühl der Sicherheit außerhalb unseres Zuhauses verloren. Es wird dauern, bis wir wieder zur Normalität zurückkehren können. Wir werden Zeit brauchen, um uns anzupassen, uns wieder sicher zu fühlen, Beziehungen und Intimität wieder aufzubauen. Es ist ein kollektives Trauma.

Durch die Corona-Krise werden wirtschaftliche und psychisch-gesundheitliche Probleme entstehen. Italiens Gesundheitssystem ist darauf nicht vorbereitet, denn Psychologen sind darin nicht richtig integriert. Mentale Gesundheit wird nicht als wichtig genug angesehen. Private Therapie ist teuer, das können sich viele nicht leisten. Weil es eine Notfallsituation ist und viele Menschen in ökonomischen Schwierigkeiten stecken, arbeite ich gerade oft gratis oder biete Patienten an, später zu bezahlen. Aber auch wir Psychologen müssen essen. Ich hoffe, dass die Regierung jetzt beginnt zu verstehen, dass psychische Gesundheit ein fundamentales Recht ist, das respektiert werden muss. Die Regierung muss jedem garantieren, dass er psychologische Hilfe bekommt und dass diese gratis ist. Wenn die Krise vorbei ist und das nicht passiert, werde ich persönlich dafür auf die Straße gehen und dieses Recht einfordern!“

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