Warum wir uns die Pillenpause sparen können

In Großbritannien wird jetzt auch offiziell der Langzyklus empfohlen. Warum nicht auch bei uns?
Von Karina Geipel

Illustration: Federico Delfrati

Vor fast zehn Jahren bekam ich meine Pille verschrieben – da war ich 14. Seitdem habe ich mit mindestens zehn verschiedenen Sorten experimentiert, bis ich schließlich eine gefunden hatte, die mich weder innerhalb weniger Wochen in eine Tonne verwandeln würde, noch dafür sorgte, dass ich mich und die Welt hasse. Nur die monatlichen Krämpfe wurden kaum weniger. Stimmungsschwankungen sind bei solchen Schmerzen vorprogrammiert und somit verbrachte ich meine Teeniejahre damit, mein Prämenstruelles Syndrom (PMS) zu besiegen.

Vor einigen Jahren hatte ich die Nase voll davon, zwar genau zu wissen, wann meine Periode kommen würde, aber mit diesem Wissen nichts anfangen zu können. Ich begann, im Internet zu recherchieren und stieß auf das verheißungsvolle Wort „Langzyklus“ – eine Methode, bei der man nicht nur 21 Tage lang die Pille einnehmen sollte, sondern sechs, zwölf oder sogar mehr Wochen – ohne Pause, ohne Abbruchblutung. Ich fiel aus allen Wolken, als ich mit 17 herausfand, dass ich meine Pille hätte die ganze Zeit durchnehmen können, oder zumindest über den Zeitraum von mehreren Monaten hinweg.

In Großbritannien muss seit dem 21. Januar 2019 niemand mehr von dieser Information überrascht sein oder die Praxis des Langzeitzyklus anzweifeln. Laut dem National Health Service (NHS) und der Faculty of Sexual and Reproductive Healthcare (FSRH) ist eine Pillenpause nicht notwendig. Es gäbe keinen gesundheitlichen Nutzen aus der siebentägigen Einnahmepause, mehr noch – es sei sogar sicherer und mit mehr Vorteilen verbunden, die Pille über einen längeren Zeitraum hinweg durchzunehmen.

In einer Pressemitteilung wurde vergangene Woche offiziell bestätigt, dass Frauen sicher und bedenkenlos auf die Einnahmepause verzichten können, um die monatliche Blutung auszusetzen und so beispielsweise Krämpfen, Migräne, starken Stimmungsschwankungen und anderen PMS-Symptomen vorzubeugen. Die Pille nicht nur über einen längeren Zeitraum zu nehmen, sondern auch die Pause zu verkürzen von sieben auf vier Tage, würde maßgeblich zur Sicherheit des Verhütungsmittels beitragen.

Ein „natürlicher“ Zyklus ist von der Mehrheit der Frauen gar nicht gewünscht.

Wieso hatte meine Frauenärztin mir diese Information vorenthalten? Und warum steht in Deutschland auf keinem Beipackzettel etwas dazu? Von Anfang an hieß es, dass ich drei Wochen, also 21 Tage die Pille nehmen sollte und anschließend eine Pause von sieben Tagen einlegen sollte. In diesen sieben Tagen hätte ich eine Art Menstruationsblutung, die aber eigentlich keine ist, sondern nur eine Hormonentzugs- oder Abbruchblutung – die entfiele, wenn ich die Pille einfach weiternehmen würde.

Prof. Dr. med Christian J. Thaler, leitet das Hormon- und Kinderwunschzentrum am Klinikum der Uni München und bestätigt mir, dass viele Frauenärzte dazu raten, die Pille mit Unterbrechung einzunehmen. Das läge vor allem daran, dass sich die allermeisten belastbaren Zahlen zu dem Medikament auf das gängige Einnahmeschema stützen. Weicht der Arzt davon ab, „handelt es sich dann um den sogenannten Off-Label-Use, also die nicht vorschriftsgemäße Verabreichung eines Medikaments. In diesem Moment hat der Arzt eine erhöhte Verantwortung gegenüber dem Patienten, da nicht der Hersteller für womöglich auftretende Nebenwirkungen belangt werden kann“, so Thaler.

Ein weiterer Grund die Pille wie gewohnt zu nehmen sei, dass Patientinnen weiterhin das Gefühl hätten, einen natürlichen Zyklus zu haben. Auch ein natürlicher Monatszyklus dauert im Schnitt 28 Tage, allerdings ist der von den Frauen selbst gar nicht gewünscht. Laut einer EMNID-Umfrage bevorzugen 16 bis 27 Prozent der Frauen einen Blutungsrhythmus von drei bis zwölf Monaten, 37 bis 46 Prozent würden sich sogar ein vollständiges Ausbleiben wünschen. Trotzdem empfehlen Gynäkologen häufig  die 21+7-Methode, zum einen aufgrund mangelnder Langzeitstudien und zum anderen ist es schlichtweg historisch altbewährt.

Bluten für den Papst?

Sehr altbewährt. Tatsächlich lässt sich dieses Einnahmeschema auf die Erfindung der Antibabypille zurückführen. Demnach sei es, laut Professor Thaler, von ihren Erfindern durchaus gewollt gewesen, die gesellschaftliche Akzeptanz zu erhöhen, indem sie den natürlichen Zyklus so gut es ging nachahmten. „Mit Sicherheit hätte das damals für zusätzliche Irritationen gesorgt, wenn man gleichzeitig mit Einführung der neuen Verhütungsmethode ein Schema vorgegeben hätte, mit dem die Frauen nun nur alle sechs oder acht oder zwölf Wochen bluten.“

John Guillebaud, Professor  für reproduktive Gesundheit, ging im Interview mit dem Telegraph sogar noch einen Schritt weiter. Er behauptet, der Gynäkologe und Miterfinder der Pille, John Rock, hatte demnach gehofft, dass Katholiken und insbesondere der Papst, die Pille eher akzeptieren würden, wenn die Möglichkeit bestünde, die Methode theologisch zu rechtfertigen, indem ein „natürlicher“ Anschein gewahrt wurde. Hat leider nicht geklappt: der Papst akzeptierte die Pille trotzdem nicht. Die Pillenpause selbst aber blieb. Nach dieser Zurückweisung legte sogar John Rock, der sein Leben lang überzeugter Katholik war, seinen Glauben ab. Professor John Guillebaud, dessen Aussagen in den letzten Tagen mehrfach geteilt und kommentiert wurden, fragt im Gespräch mit dem Telegraph: „ Wie kann es sein, dass die Pille 60 Jahre lang in einer suboptimalen Weise eingenommen wurde, nur wegen dieses Wunsches, der katholischen Kirche zu gefallen?"

Das frage ich mich auch. Thaler zweifelt an, dass Rock tatsächlich nur versuchte, seine Erfindung der katholischen Kirche schmackhaft zu machen. Dennoch sieht Thaler viele gute Gründe, die Pille über einen längeren Zeitraum am Stück einzunehmen, so der Professor. „Insbesondere in der hormonfreien Zeit beziehungsweise während der Abbruchblutung, leiden viele Frauen unter starken Schmerzen oder Migräne. Diese Frauen profitieren in jedem Fall davon, möglichst selten eine Blutung entstehen zu lassen oder diese am besten komplett zu vermeiden. Das Gleiche gilt für Frauen mit zyklusabhängigen Erkrankungen, wie zum Beispiel Endometriose oder Eierstockzysten.“ Probandinnen der EMNID-Studie führen als Gründe für den Langzyklus unter anderem weniger Beschwerden, eine bessere Hygiene und eine allgemein höhere Lebensqualität, heran.

Eine Verkürzung der Pillenpause von sieben auf vier Tage ist außerdem mit einem geringeren Risiko für ungeplante Schwangerschaften verbunden. Ebenso wie die durchgehende Einnahme selbst. Somit würde sich das riskanteste Zeitfenster verkleinern, in dem entscheidende Einnahmefehler passieren können. Passieren in den sieben Tagen vor und nach der hormonfreien Zeit Einnahmefehler, ist das Risiko einer Schwangerschaft höher, als wenn das in der Mitte des Zyklus passiert, erklärt Thaler. Würde die Pause wegfallen, verringert sich automatisch die Gefahr, aufgrund eines Einnahmefehlers, die Wirkung des Ovulationshemmers abzumindern. Ganz einfach aus dem Grund, dass man weniger Pausen hätte. Die Pause ist die größte Schwachstelle im System.

„Die meisten Frauenärzte wissen, dass es viele Fälle gibt, in denen es deutlich sinnvoller sein kann, den Langzyklus zu verschreiben.“

Ganz risikofrei ist der Langzyklus dann aber doch nicht: Zwischenblutungen können bei ungefähr einem Viertel aller Frauen auftauchen, die die Pille über mehrere Monate hinweg nehmen. Nach einem Jahr jedoch stimmt sich der Körper auf die Veränderung ein – nur noch fünf Prozent haben letzten Endes gelegentlich mit Zwischenblutungen zu tun, die durchaus lästig werden können.

Vorsicht ist auch geboten bei der Wahl des richtigen Präparats. Obwohl es in Deutschland offiziell noch keine Pille mit einer Langzykluszulassung gibt, eignen sich trotzdem bestimmte Präparate – selbstverständlich nur in Absprache mit dem behandelnden Arzt. Thaler erklärt, dass sich nur sogenannte Einphasenpräparate, auch monophasische Präparate, für die durchgehende Einnahme eignen: Bei denen enthält jedes Dragee die gleiche Menge Hormone. Zwei- oder Dreistufenpräparate mit unterschiedlicher Östrogen- und Gestagenmenge kommen für einen Langzeitzyklus nicht in Frage.

Ebenso wie bei der normalen Pillenanwendung hat das regelmäßige Weglassen der Pillenpause keine Auswirkungen auf die spätere Fruchtbarkeit. „Die meisten Frauenärzte wissen, dass es viele Fälle gibt, in denen es deutlich sinnvoller sein kann, den Langzyklus zu verschreiben. Wir alle warten darauf, dass die Pharmaindustrie den Aufwand auf sich nimmt, die Präparate, die es jetzt schon gibt und die auch gut nutzbar sind, offiziell für den Langzyklus zuzulassen. Aber das ist mit einem enorm hohen bürokratischen Aufwand verbunden.“

Natürlich ist bei der Einnahme der Antibabypille sowieso fast gar nichts mehr.

Der Langzeitzyklus bleibt also die häufig angenehmere, ja laut NHS sogar gesündere Alternative. In einer Studie der Universitätsfrauenklinik Tübingen, sollten 175 Probandinnen die Pille über einen Zeitraum von sechs bis 18 Wochen, anstelle der üblichen drei, einnehmen. Das Ergebnis: 90 Prozent der Frauen, die an der Tübinger Studie teilgenommen hatten, waren überzeugt vom Langzeitzyklus und wollten diesen gerne beibehalten. Trotzdem zucken viele Frauen mit den Schultern und sind verunsichert, wenn sie überlegen, ob sie ihre Periode mal eben um zwei Wochen verschieben können – kann ja nicht natürlich sein und wurde schon immer so gemacht.

Natürlich ist bei der Einnahme der Antibabypille sowieso fast gar nichts mehr. Natürlich wäre, wenn Frauen regelmäßig schwanger wären und stillen würden, so dass sie „natürlich“ im Schnitt 160 Zyklen im Leben durchgehen. Machen sie aber nicht. Durch moderne Verhütungsmethoden erlebt die Frau von heute durchschnittlich 450 Zyklen, dementsprechend können wir uns auch die Diskussion um eine möglichst natürliche Einnahme der Antibabypille sparen.

Fakt ist, dass der Langzeitzyklus mit geringerem Risiko einer ungewollten Schwangerschaft einhergeht und die PMS-Beschwerden bei Frauen deutlich geringer ausfallen. Eine solche Information, beispielsweise auf dem Beipackzettel, hätte mir in den Jugendjahren unglaublich viele Schmerzen und Strapazen erspart. Vielleicht wäre es also eine gute Idee, auch die Standards in Deutschland mal auf den Prüfstand zu schicken.