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Foto: as_seen / photocase.de

„Ungewollt schwanger: Hilfe für Ewa!“ – so lautet der Aufruf einer Gruppe von Freiwilligen aus Berlin auf der Crowdfunding Plattform „GoFundMe“. Unter dem Namen „Ciocia Basia“ (polnisch für Tante Barbara) sammeln sie dort Geld, um ungewollt Schwangeren aus Polen eine Abtreibung in Berlin zu ermöglichen. In Polen gilt eines der strengsten Abtreibungsgesetzte der europäischen Union. Nur wenn die Schwangerschaft Folge einer Straftat ist, das Leben der Schwangeren in Gefahr oder der Fötus schwerstgeschädigt ist, darf sie legal beendet werden. Große Proteste der Bevölkerung verhinderten 2016 und Anfang 2018 eine weitere Verschärfung des Gesetzes. Meggi* studiert in Frankfurt Oder und engagiert sich seit zwei Jahren bei „Ciocia Basia“.

jetzt: Eine Frau aus Polen möchte einen Schwangerschaftsabbruch in Deutschland durchführen lassen. Wie kann sie vorgehen?

Meggi: Sie kann sich per Telefon, Facebook oder E-Mail bei uns melden. Wir schicken ihr dann eine E-Mail mit allen wichtigen Informationen rund um den Schwangerschaftsabbruch. Wenn sie noch früh in der Schwangerschaft ist, erklären wir, dass es die Möglichkeit gibt, bei Women Help Women Abtreibungspillen zu bestellen, die sie zu Hause anwenden kann. Außerdem informieren wir sie über die rechtliche Lage in Deutschland. Zum Beispiel, dass ein Schwangerschaftsabbruch nur bis zur 14. Schwangerschaftswoche möglich ist und dass sie drei Tage vor dem Abbruch eine Schwangerschaftskonfliktberatung machen muss. Nach dieser Mail kann sie sich entscheiden, ob sie den Abbruch in Berlin durchführen will oder nicht. Wenn sie sich dafür entscheidet, übernehmen wir das Organisatorische: Wir machen Termine mit der Beratungsstelle und der Klinik, organisieren einen Schlafplatz und Dolmetscher. Außerdem unterstützen wir sie finanziell, wenn sie sich sonst einen Abbruch nicht leisten kann. 

Deswegen habt ihr die Crowdfunding-Kampagne gestartet, oder? 

Genau. Eigentlich müssen ungewollt Schwangere aus Polen die Kosten für den Eingriff und auch alle anderen Kosten alleine tragen. Allerdings können sich das nicht alle leisten. Bisher haben wir Soli-Parties veranstaltet und auf andere Arten Spenden gesammelt. Jetzt wurde das Geld ein bisschen knapp. Deswegen die Kampagne. 

In der Kampagne erwähnt ihr Ewa. Ist sie eine reale Person oder steht sie eher exemplarisch für die Frauen, die ihr unterstützen wollt?

Ewa ist angelehnt an einen realen Fall, wir haben aber aufgrund der Privatsphäre ein paar Details verändert.

Welche Frauen kommen nach Berlin, um ihre Schwangerschaft zu beenden?

Es sind ganz unterschiedliche Menschen, die sich an uns wenden. Da gibt es zum Beispiel die junge Frau, die gerade mit der Schule fertig geworden ist und eigentlich von ihren Eltern wegziehen und eine Ausbildung anfangen will. Dann wird sie auf einmal schwanger, will aber auf keinen Fall ein Kind haben, weil das ja ihre ganzen Lebenspläne zerstören würde. Oder die dreifache Mutter, die alleinerziehend ist und sich und die Kinder gerade so über Wasser halten kann. Manche kommen alleine, weil sie mit niemandem zuhause drüber reden können. Manche bringen ganz viel Unterstützung mit.

Warum brechen sie die Schwangerschaft ab?

Weil sie gerade kein Kind wollen. Aus den unterschiedlichsten Gründen: Manche wollen überhaupt nie ein Kind haben, für manche passt es vom Zeitpunkt nicht, andere haben kein Geld oder keine Unterstützung des Umfelds. Für uns ist es aber egal, warum sie abtreiben wollen. Für uns ist jeder Abbruch legitim. 

Wie erlebst du die Frauen, die nach Berlin kommen? 

Die Situation ist für die ungewollt Schwangeren eine große Belastung und mit viel Stress und Anspannung verbunden. Sie kommen in eine fremde Stadt, sprechen kein Deutsch und müssen sich auf uns verlassen, dass alles gut geht. Nach dem Eingriff habe ich das Gefühl, dass eine Last von ihnen abfällt. Oft spüre ich bei ihnen eine große Erleichterung.

„Ich finde es schlimm, dass konservative Kräfte sagen, sie wollen Leben schützen“

Hast du schon einmal erlebt, dass sich eine Frau nach dem Beratungsgespräch gegen eine Abtreibung entschieden hat?

Ich kenne keinen Fall, in dem das passiert ist. Manchmal kommt es vor, dass sich Menschen nach unserer „Informations-Mail“ nicht mehr zurückmelden. Das muss aber nicht heißen, dass sie sich gegen eine Abtreibung entschieden haben. Vielleicht haben sie sich Abtreibungspillen nach Hause bestellt und das hat geklappt. Viele ungewollt Schwangere aus Polen fahren auch in die Slowakei, um abzutreiben. Und wir wissen aber von ähnlichen Initiativen in Amsterdam und Großbritannien, wo Abtreibungen ja auch noch länger als bis zur 14. Schwangerschaftswoche möglich sind als in Deutschland. 

Wieso engagierst du dich bei Ciocia Basia? 

Ich studiere in Frankfurt an der Oder, also direkt an der Grenze zu Polen, und habe die Proteste 2016 mitbekommen. So bin ich auf Ciocia Basia aufmerksam geworden. 

Ich finde, dass alle Menschen das Recht haben müssen, selbst über ihren Körper bestimmen zu können. Dazu gehört auch das Recht auf Abtreibung. Ciocia Basia setzt das konkret um und das wollte ich unterstützen. Ich finde es nämlich schlimm, dass konservative Kräfte immer sagen, sie wollen „Leben schützen“. Es gibt genug Studien dazu, dass ein strenges Abtreibungsgesetz nicht dazu führt, dass ungewollt Schwangere weniger abtreiben. Sie tun es dann nur illegal und unter unsicheren Bedingungen.

Wie reagiert dein Umfeld auf dein Engagement? 

In meinem nahen Umfeld wissen das alle und unterstützen mich sehr. Ich habe schon das Gefühl, dass es in Deutschland einen gewissen gesellschaftlichen Konsens darüber gibt, dass eine Abtreibung bis zum dritten Monat okay ist, abgesehen von sehr religiösen Kreisen oder der Lebensschutz-Bewegung. Wahrscheinlich liegt das auch an der Beratungsregel. Für mich steckt hinter dieser Regelung aber immer noch der Gedanke, dass eine Schwangere alleine nicht „richtig“ über ihren Körper entscheiden kann und eine Person von außen braucht, die sie informiert. Das ist sehr bevormundend. 

Du gehst also sehr offen mit deinem Engagement um?

Es gibt schon Situationen, in denen ich das nicht sofort erzähle. Zum Beispiel im beruflichen Kontext.

Warum? 

Obwohl ich glaube, dass es diesen Konsens gibt, ist das Thema Schwangerschaftsabbruch in Deutschland noch sehr stigmatisiert. Es wird kaum darüber geredet und nach verlässlichen Informationen muss man erst mal suchen. In den Niederlanden ist das zum Beispiel anders. Wir haben Kontakt zu einer Gruppe in Amsterdam und bekommen mit, dass niederländische Kliniken ganz offen auf ihre Webseite schreiben, dass sie Abtreibungen durchführen. Das ist in Deutschland undenkbar, hier gibt es ja immer noch Artikel 219a, der „Werbung für Schwangerschaftsabbrüche“ verbietet.


*Meggi möchte ihren Nachnamen nicht nennen, um ihre Privatsphäre zu schützen. Ihr voller Name ist der Redaktion bekannt.

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