Wie das fehlende Sportangebot Jugendliche trifft

Das Coronavirus bringt auch den Sportbetrieb zum Erliegen. Ohne soziale Kontakte und körperlichen Ausgleich fehlt jetzt vielen die Perspektive.
Von Raphael Weiss
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Foto: Hood Training

Vor zwei Wochen hört Max, wie Kinder vor seiner Wohnung seinen Namen schreien. Als er aus dem Fenster schaut, erkennt er die Jungs und weiß auch gleich, worum es geht: Die beiden Kinder wollen endlich wieder Fußball spielen und von ihm wissen, wann sie das endlich wieder dürfen. „Das war brutal hart. Ich konnte ihnen nichts Genaues sagen. Die vermissen den Fußball extrem“, erzählt Max.

Der 31-Jährige arbeitet bei Buntkicktgut. Der gemeinnützige Verein organisiert in München Fußballligen und -Turniere für Mädchen und Jungen im Alter zwischen zehn und 18 Jahren. Das Ziel: Die positive Wirkung des Sports nutzen, um den Kindern Teamfähigkeit, Motivation und Kommunikation beizubringen. Besonders ärmere Familien, für die der jährliche Mitgliedsbeitrag in Sportvereinen eine ernsthafte Hürde ist, sollen hier Zugang zu einem geregelten Fußballbetrieb und einer Mannschaft bekommen. Diese Mannschaft ist für die Kinder oft der wichtigste soziale Kontakt: „Das Schwierigste ist, dass die Kids gerade ihre Freunde nicht mehr sehen können. Fußball ist für die meisten eine Lebenseinstellung, die sind normalerweise jeden Tag im Training oder am Bolzplatz.“

„Es gibt schon einige Eltern, für die das extrem hart ist“

„Es gibt schon einige Eltern, für die das extrem hart ist“, sagt Max. „Wenn du mehrere Kinder zu Hause hast, die nicht wirklich raus dürfen, einfach unausgelastet sind, ist das für alle richtig anstrengend.“ Während die Fußball-Bundesliga gerade von der Bundesregierung die Freigabe bekommen hat, den Spielbetrieb am 15. Mai wieder zu starten, gibt es für den Amateur- und Freizeitsport noch keine Aussichten auf baldige Lockerungen. „Für die Kids ist es glaube ich ein gutes Zeichen, dass die Bundesliga wieder losgeht und ein weiteres Stück an Normalität zurückkehrt“, sagt Max. „Aber es sollte dann auch für die Kids und Jugendlichen die Möglichkeit geben, wieder Fußball zu spielen. Alles andere wäre meiner Meinung nach für viele schwer nachvollziehbar.“

Er hofft, dass es bald neue Regelungen gibt, wie das Training mit Einschränkungen wieder aufgenommen werden kann. Passübungen und Lauftraining mit genügend Abstand sollten erlaubt sein, findet er.

Bis es wieder soweit ist, versucht Buntkicktgut durch Challenges und Wettbewerbe auf Instagram die Kinder dazu zu animieren, sich weiterhin zu bewegen -  auch ohne Ball am Fuß und Freunde im Arm. „Bisher läuft das ganz gut“, sagt Max. „Die Kinder schicken uns Videos, wie sie die Übungen machen und sind einfach ein bisschen beschäftigt.“

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Max in der Zeit vor der Corona-Krise

Samir Sakkal/buntkicktgut

Am anderen Ende von Deutschland, im Bremer Stadtteil Tenever, tut auch Daniel sein Bestes, um die Kinder aus seinem Viertel gut durch die Corona-Krise zu bringen. Daniel weiß, wie es ist, ohne Perspektiven und gute Vorbilder aufzuwachsen. Als er mit zwölf Jahren von Kasachstan nach Tenever gezogen ist, gab es für ihn nur wenig zu tun und noch weniger Aussichten auf eine gute Zukunft, wie er erzählt. Kein Freizeitangebot, kaum Sportmöglichkeiten, kein Geld für die Fahrkarte, um in die Innenstadt zu fahren. „Ich habe damals nur Scheiße gebaut. Moskovskaya-Flaschen plattmachen, Flaschendrehen mit Mädels, Einbrüche, habe viele Jahre lang Drogen genommen, auch härtere ausprobiert. Schnelles Geld und Kopf breitmachen, um der Realität zu entfliehen. Das war der Alltag“, sagt Daniel.

„Die Kids sind gerade zu Hause eingebunkert, das ist für die richtig mies“

Um der jüngeren Generation dabei zu helfen, seine Fehler zu vermeiden, gründete er vor 20 Jahren als Abiturient mit Freunden „Hood Training“. Die Initiative begann in seinem Viertel, wurde größer. Mittlerweile gibt es sie in sieben Bremer und zwei Berliner Stadtteilen und richtet sich an Kinder in sogenannten Problembezirken, aber auch an Jugendliche in Strafvollzugsanstalten. Daniel und seine Kolleg*innen machen vor allen Dingen Krafttraining und engagieren sich dafür, dass die Stadt neue Trainingsplätze in den Bezirken baut. „Ich will einfach ein gutes Vorbild sein“, sagt Daniel. „Die Kids sind gerade zu Hause eingebunkert, das ist für die richtig mies. Die haben teilweise richtige Probleme, haben keine stabile Situation daheim. Die Kids fangen nicht plötzlich an Goethe zu lesen, sondern kacken richtig ab. Spielen nur Playstation, schauen Pornos, nehmen Drogen.“ Er erzählt von Jugendlichen aus seiner Gegend, denen die Decke auf den Kopf fällt, die so oft es geht nach draußen gehen und aus Langeweile anfangen, sich die Zeit mit Vandalismus und kleineren Straftaten zu vertreiben.

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“Ich will einfach ein gutes Vorbild sein.” Deshalb gründete Daniel Hood Training

Foto: Hood Training

Aktuell versucht er, in Whatsapp-Gruppen mit seinen Jugendlichen in Kontakt zu bleiben, lädt Videos auf Youtube und Instagram hoch, veranstaltet Live-Trainings. „Da schauen schon einige zu, aber wer mitmacht? Keine Ahnung. Es ist einfach was anderes, in der Gruppe zu trainieren, da sieht man, wenn einer nicht richtig mitzieht. Und wenn da einer so Frühstücksfernsehen-mäßig irgendwelche Übungen am Handy vormacht? Wer hat da schon wirklich Bock drauf?“ Daniel versteht nicht, wieso sie noch immer nicht ihr Projekt weiterführen dürfen. Mit genügend Abstand, findet er, könnten die Kinder regelmäßig trainieren, ohne dass es eine Ansteckungsgefahr gebe. Die Politik wisse einfach nicht, wie es ist, in einer Gegend wie Tenever aufzuwachsen. „Die checken nicht, wie ernst und wie wichtig Bewegung, wie wichtig der Kontakt untereinander ist. In den Mails, die wir bekommen, steht immer nur, dass Schule vorgeht. Ach was. Leistung in der Schule und Privatleben – das hängt doch alles zusammen.“ 

Auch wenn weder die Polizei in München noch in Berlin seit Beginn der Ausgangsbeschränkungen einen Anstieg der Jugendkriminalität bestätigen kann, sogar von einer starken Abnahme ausgeht, will sie den Beobachtungen von Daniel nicht widersprechen. Ein Sprecher der Polizei München führt die gesunkene Kriminalität darauf zurück, dass sich Jugendliche nicht mehr in Gruppen treffen können, ohne von der Polizei angesprochen zu werden. „Viele dieser Straftaten entwickeln sich aus einer Gruppendynamik heraus. Außerdem sind Clubs, Bars und Diskotheken geschlossen“, sagt er. Ob die Jugendkriminalität weiter sinkt, darüber kann nur spekuliert werden. „Es kann gut sein, dass wir, falls der Lockdown so weitergeht, doch noch einen Anstieg zu sehen bekommen, weil ein paar Leute nicht mehr wissen, was sie mit sich selbst anfangen sollen.“

„Das war ihre letzte Chance auf den Titel“

Auch klassische Sportvereine stellt die Corona-Krise vor große Herausforderungen. Sporthallen sind geschlossen, Wettbewerbe sind abgesagt. Wie, ob und wann der Sportbetrieb  wieder aufgenommen werden kann, ist unklar. Einige Vereine befürchten, dass die Einschränkungen zu einem drastischen Rückgang der Mitgliederzahlen führen und so die Existenz vieler Verein bedroht sein wird. Denn die meisten von ihnen finanzieren sich hauptsächlich über die Beiträge, die die Mitglieder bezahlen. 

Dorisch Schuck ist ehrenamtliche Basketball-Trainerin beim MTV München. Die hauptberufliche Sportlehrerin und ehemalige Deutsche Meisterin und Nationalspielerin trainiert seit 17 Jahren die Mädchen und Frauen des Münchner Sportvereins. Sorgen um die Finanzen ihres Vereins macht sie sich aktuell allerdings nicht: „Wir sind ein ziemlich großer und solidarischer Verein. Ich glaube nicht, dass bei uns die Leute jetzt massenhaft austreten. Aber wie es bei uns sportlich weiter geht, steht in den Sternen.“ Für alle vier Mannschaften, die sie trainiert, wurde die Saison vorzeitig abgebrochen. Ihre Jugendmannschaften konnten deswegen nicht an der bayerischen Meisterschaft teilnehmen, für die sie das ganze Jahr gekämpft hatten. „Das war schon sehr traurig, viele sind nächste Saison zu alt, um mitspielen zu dürfen. Das war ihre letzte Chance auf den Titel. Aber es ist, wie es ist.“

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Doris Schuck (1. v. o.r.) mit ihrer U-18 Mannschaft.

Foto: privat

Mit der ersten Damenmannschaft, die zu großen Teilen aus Teenagerinnen besteht, ist sie trotz Saisonabbruch von der Bayern- in die Regionalliga aufgestiegen. Nicht aus eigener Kraft, sondern weil das Ligensystem neu aufgeteilt wurde und nach Nachrückerinnen gesucht wurde. Für diese schwerere Aufgabe in der kommenden Saison müsste sie ihre Spielerinnen eigentlich deutlich intensiver vorbereiten. „Bei mir ging es sofort los, dass ich Trainingspläne erstellt habe – eigentlich sollten meine Spielerinnen fast jeden Tag trainieren. Aber wie es halt so ist: Manche halten sich daran, andere nicht.“

Besonders in den jüngeren Mannschaften, sorgt sie sich, dass nicht jede genügend Bewegung bekommt. Darum telefoniert sie regelmäßig mit ihren Spielerinnen, stellt ihnen Aufgaben, bei den sie sich filmen  und ihr später die Videos schicken sollen. Doch genau wissen, wer wie viel macht, kann sie nicht: „Bei den Jüngeren ist es schon schwierig. Eine 13-Jährige joggt einfach nicht so gerne alleine rum. Da hängt das extrem von den Eltern ab, wie sehr die sich engagieren können und mit ihren Kindern trainieren oder Fahrradtouren machen.“ Auch in ihren Mannschaften sieht sie einen deutlichen Unterschied zwischen den Voraussetzungen, die ihre Spielerinnen zu Hause haben: „Die einen haben einen eigenen Garten mit Basketballcourt – und das andere Extrem haben wir natürlich auch.“

„Ich glaube, es wird für die Kinder das größte Glücksgefühl sein, wenn sie endlich wieder ihre Freunde sehen und unbeschwert zocken dürfen“

Doch abseits der körperlichen Bewegung sorgt sie sich, dass es ihre Mannschaften in der Form, wie sie vor der Corona-Krise zusammengespielt haben, nicht mehr geben wird. Dass Spielerinnen durch die Sportpause die Lust verlieren, weil sich ihre körperliche Verfassung verschlechtert hat, weil sie nicht mehr sofort an ihre früheren Leistungen anknüpfen können, weil die Hürde, zum Training zu gehen, als zu groß erscheint. „Ich habe irgendwie das Gefühl, dass ich mich mit Anrufen und gemeinsamen Chats um meine Mädels kümmern muss, damit mir das alles nicht aus den Händen fließt, nicht dass die so langsam verschwinden. Das Wichtigste wird es sein, dass man alle zusammenhält, dass die Mannschaft nicht auseinanderbricht“, sagt die Trainerin.

Aktuell gibt es noch keine Vorhersagen, wann der Sportbetrieb wieder ganz normal läuft. Gerade bei Mannschaftssportarten sind sich Doris Schuck und Max Rabe sehr unsicher, wann es wieder Ligaspiele geben kann. Ohne einen Impfstoff ist ein sicherer Betrieb für Sportarten mit Körperkontakt wohl nicht möglich. „Wir wollen eigentlich sofort wieder loslegen. Sobald es geht. Wir hoffen einfach, dass wir bald wieder mit den Kids Fußball spielen können, die Kids in den Arm nehmen dürfen“, sagt Max. „Ich glaube, es wird für die Kinder das größte Glücksgefühl sein, wenn sie endlich wieder ihre Freunde sehen und unbeschwert zocken dürfen.“ So schwer es allen Sportler*innen und Trainer*innen fällt: Je strikter sie auf ihren Sport verzichten, desto schneller können sie ihn wieder so ausüben, wie er ihnen am meisten Spaß macht.

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