Sieht doch gar nicht sooo gefährlich aus, oder?

Sieht doch gar nicht sooo gefährlich aus, oder?

Foto: Patrick Lux / picture-alliance/ dpa

Wassermelone-Maracuja. Blaubeer-Minze. Erdbeer-Honigmelone. Man kann darüber streiten, ob diese Shisha-Tabak-Sorten sich lecker anhören oder ob sich bei der Vorstellung daran der Magen umdreht. Gefährlich klingen diese Sorten allerdings nicht. Aber Shisha-Rauch ist genau das: ziemlich ungesund. Und das bei maximal harmlos-quietschbunt-fruchtigem Erscheinungsbild.

Die Shisha hat sich längst von ihrem Dunkles-Männercafé-Image emanzipiert und gilt heute als lässiger Freizeitartikel. Sie ist weniger Orient und mehr urban, weniger Kiffer-Kram und mehr Freizeiterlebnis. In einigen Städten gibt es mittlerweile Lieferdienste, die rauchfertige Shishas verleihen und frei Haus (oder frei öffentlicher Ort) liefern. Der kühle, aromatische Rauch, der im Hals weniger kratzt, gilt vielen als vermeintlich gesunde Alternative zur Zigarette.

Gleichzeitig berichten immer mehr Krankenhäuser von Patienten, die mit einer Rauchvergiftung nach dem Shisharauchen bei ihnen behandelt werden müssen. Im Universitätsklinikum Düsseldorf wurden im vergangenen Jahr 130 Patienten mit einer Kohlenmonoxidvergiftung behandelt, 54 davon vergifteten sich beim Shisharauchen. „Die steigende Zahl der Vergiftungen durch Shisha-Rauch kann zum einen dadurch erklärt werden, dass insbesondere unter jungen Leuten Shisharauchen immer mehr zum Trend wird und zum anderen dadurch, dass in den Städten eine Shisha-Bar nach der anderen eröffnet“, sagt Dr. Sven Dreyer, Anästhesist am Universitätsklinikum Düsseldorf.

Wie gefährlich ist das Shisharauchen wirklich? Wie gehen die vielen (neuen) Shisha-Bars damit um? Und wissen die Besucher um die gesundheitlichen Risiken? 

Keiner der Barmitarbeiter kann sicher sagen, was genau Kohlenmonoxid ist

Wenn man loszieht, um in den Shisha-Bars Kunden und Betreiber zu fragen, wie sehr sie sich der Gefahren des Shisharauchens bewusst sind und was – vor allem die Betreiber – tun, um sie zu minimieren, wird es schnell schwierig. Man trifft auf viel Misstrauen, kaum ein Barbesitzer ist bereit zu reden. Die Mitarbeiter wollen nichts Falsches sagen, verweisen auf den zuständigen Kollegen, der leider gerade nicht da sei. Aber: Man erfülle alle gesetzlichen Auflagen. Was auffällig ist: Keiner der Barmitarbeiter kann sicher sagen, was genau Kohlenmonoxid ist und wodurch es entsteht. Es scheint, als sei Kohlenmonoxid eine abstrakte Regelungsgröße, deren nervige Almanhaftigkeit man mit der Erfüllung der Bestimmungen des Ordnungsamtes begegnet: Alle 25 Quadratmeter ein CO-Melder, Klimaanlage, unverbaute Fluchtwege – und gut ist. 

Als sucht- und gesundheitsgefährdend gelten sowohl beim Zigarettenrauch als auch beim Shisha-Rauch Nikotin, Teer und Kohlenmonoxid. Kohlenmonoxid ist ein geruch- und geschmackloses Gas, das sich an die roten Blutkörperchen heftet und so den Sauerstofftransport im Körper blockiert. Wenn die Organe, insbesondere das Gehirn, nicht mehr ausreichend mit Sauerstoff versorgt werden, kann es zu Schwindel, Sehstörungen, Übelkeit, bis hin zur Bewusstlosigkeit kommen. Die Symptome sind gerade in Kombination mit Alkohol nur schwer erkennbar. 

Laut Bundesinstitut für Risikobewertung kommt Kohlenmonoxid im Shisha-Rauch in größeren Mengen vor als im Zigarettenrauch. Das liegt unter anderem an der Funktionsweise der Shishas: Im Gegensatz zur Zigarette wird der Tabak in der Shisha nicht direkt verbrannt, sondern bei niedrigeren Temperaturen verschwelt. Um den Shisha-Tabak zu erhitzen, wird meist Wasserpfeifenkohle verwendet. „Die Kohle ist der Lieferant für das Kohlenmonoxid“, sagt Dr. Sven Dreyer. „Zu schnelles oder pausenloses Ziehen an der Shisha kann dazu führen, dass es zu einer sogenannten unvollständigen Verbrennung kommt. Chemisch bedeutet das, dass durch den fehlenden Sauerstoff bei der Verbrennung der Kohlenstoff nicht zu ungefährlichem Kohlendioxid reagieren kann und daher Kohlenmonoxid entsteht.“ Ein anderer Grund kann sein, dass die Bar oder der Raum, in dem geraucht wird, nicht richtig belüftet wird.

Semir kennt die meisten der Besucher. Sie kommen mehrmals die Woche, einige sogar mehrmals am Tag

Belgisches Viertel in Köln an einem Mittwochnachmittag: Im Ausgehviertel der Stadt gibt es allein in dieser Straße drei Shisha-Bars. Mit kleinen Werbeaufstellern vor den Türen, auf denen verschiedene Shisha-Drink-Snack-Kombis angepriesen werden, buhlen sie um die Kundschaft. Zwischen ihren verspiegelten oder trüben Fensterfronten sind kleine türkische Cafés, Kioske oder Wettstuben eingeklemmt.

Im „Cocoberry“ ist noch nicht viel los: zwei Pärchen, ein paar Freundinnen und zwei ältere Männer. Die Bar ist geräumig und modern eingerichtet. Am hinteren Ende steht eine mit LEDs beleuchtete Bar, davor stehen schwarze Lederbänke und schwarze Tische. Alles wirkt sehr leicht abwischbar. Auf dem Flatscreen an der Wand laufen Musikvideos, die allerdings nicht zu der Musik in der Bar passen.

Semir arbeitet hier seit vier Jahren als „Shisha-Chef“. Er bereitet die Shishas vor, macht die Einkäufe und arbeitet neue Mitarbeiter ein. Semir kennt die meisten der Besucher. Sie kommen mehrmals die Woche, einige sogar mehrmals am Tag. „Das ist die Sucht“, sagt er. „An den Wochenenden stehen die Besucher vor der Tür Schlange. Sie kommen vorbei, bevor sie in die Klubs gehen, und hinterher zum Runterkommen.“ Die Gäste seien sehr gemischt: jung, alt, Türken, Araber, Deutsche, alles dabei. 

Von den gesetzlichen Vorgaben und Maßnahmen bekommt man im „Cocoberry“ kaum etwas mit. Die Kohlenmonoxid-Melder sind für den Gast nicht erkennbar und es gibt auch keine riesigen Klimaanlagen, die lautstark die Luft umwälzen. Nur ein paar unscheinbare Schlitze in der Decke sind zu sehen. Einen Gast mit einer Kohlenmonoxidvergiftung oder einen Rettungseinsatz wegen erhöhter CO-Werte habe es im „Cocoberry“ noch nie gegeben, sagt Semir. Mal Kopfschmerzen, klar, aber da gewöhne man sich dran. „Wenn es voll ist und ich viel hin und her laufen muss, viele Shishas vorbereiten und anrauchen muss, wird mir immer mal wieder schwindelig, aber das ist ganz normal und geht wieder vorbei.“ 

Dass „mal Kopfschmerzen“ allerdings nicht normal ist, sondern eine erste Vergiftungserscheinung, und dass die vorgeschriebenen CO-Melder nur den Wert in der Umgebungsluft wahrnehmen, nicht aber die durch das Rauchen aufgenommene Menge Kohlenmonoxid, scheint Semir sowie den meisten Mitarbeitern und Besuchern nicht bewusst zu sein. Oder es ist ihnen einfach egal.   

Salina ist 22 Jahre alt und sitzt mit einer Freundin in einer Ecke der Bar. Sie sagt, sie komme zwei- bis dreimal die Woche hierher – wenn sie viel Stress hat, kommt sie öfter. Eine Zeit lang kam sie sogar täglich. Davon, dass man eine Kohlenmonoxidvergiftung durch das Shisharauchen bekommen kann, hat sie gehört: „Ist mir aber noch nie passiert und ich kenne auch niemanden, der das mal hatte.“ Das Gleiche sagen auch zwei Frauen am Nebentisch: „Klar, Shisharauchen ist ungesund und kann gefährlich sein, aber Alkoholtrinken ja auch“. In anderen Bars sind die Antworten der Besucher ähnlich. Zu Kopfschmerzen und Schwindel nach dem Shisharauchen kann aber jeder etwas erzählen.

„Nichts an einer Shisha ist gesünder als an einer Zigarette“

Am Universitätsklinikum Düsseldorf werden Patienten mit einer akuten Kohlenmonoxidvergiftung in einer Druckkammer mit reinem Sauerstoff behandelt. Das nennt sich dann Hyperbare Sauerstofftherapie (HBO). „CO-Vergiftungen können zu neurologischen Spätschäden wie Gedächtnisstörungen bis hin zu parkinsonähnlichen Symptomen führen“, sagt Dr. Dreyer. Durch die Behandlung in den Druckkammern innerhalb von 24 Stunden nach der Vergiftung können diese neurologischen Schäden verhindert werden.

Die Mehrzahl der Patienten seien aktive Raucher. Aber auch Passivraucher, die einfach nur nebendran sitzen, können eine Kohlenmonoxidvergiftung erleiden. Die Voraussetzungen für die Vergiftung von Passivrauchern ist von vielen Faktoren abhängig: Von der Größe des Raumes und wie viel dort geraucht wird, von der Zusammensetzung und Temperatur des Tabaks und ob der Passivraucher eigentlich auch Raucher ist oder nicht. Die konkreten Gefahren des Shisharauchens seien den wenigsten Patienten zuvor bewusst gewesen, sagt Dreyer. Sie seien schockiert und würden nie wieder Shisha rauchen wollen. „Aber es gibt auch Patienten, die wir bereits mehrfach behandelt haben“, sagt Dr. Dreyer. 

Die gesunde Shisha ist ein Mythos. „Nichts an einer Shisha ist gesünder als an einer Zigarette. Sie ist nicht weniger gefährlich, weil der Rauch durch Wasser gezogen wird oder angenehmer schmeckt“, sagt Dreyer. Ganz im Gegenteil: Wer Shisha raucht, nimmt nicht nur die gleichen schädlichen Substanzen wie bei einer Zigarette auf, sondern setzt sich außerdem der Gefahr einer Kohlenmonoxidvergiftung aus.

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