"Gilmore Girls" ist der dümmste Hype der Stunde

Warum nur freuen sich alle auf dieses Netflix-Event? Kaum eine Serie ist schlechter gealtert.
Von Christina Waechter

Die nerven: Die Gilmore Girls

Foto: dpa

Schon gehört? Am Freitag kommen die "Gilmore Girls" zurück. Ach, du hast es schon gehört? Weil sämtliche Medien und dazu noch das ganze Facebook und Twitter von dieser Meldung vollgestopft sind? Weil du schon das vierte Quiz gemacht hast, um rauszufinden, welcher "Gilmore Girls"-Boyfriend am besten zu dir passen würde? Es ist Logan, oder? Es ist ja immer Logan.

Dann weißt du ja auch, dass sich gerade halb Deutschland, ach was: die ganze Welt gar nicht mehr einkriegen kann, dass Netflix die Serie wieder aus der Mottenkiste geholt und mit dem Original-Cast (minus dem Patriarchen Richard, der von dem verstorbenen Schauspieler Edward Herrmann dargestellt wurde) vier neue Folgen gedreht hat. Ja, sogar Melissa McCarthy, aka Köchin Sookie ist dabei, ist ja irre. Die dicke Sookie. So dick war die, das war wirklich witzig, wie dick die war…

Dabei ist es sehr einfach, aus dem Hype große Mengen heißer Luft zu lassen. Man braucht sich nur alte Folgen anschauen und zack: merkt man, wie sehr man diese Serie verklärt hat. Und wie schlecht sie tatsächlich gealtert ist.

Vor zehn Jahren mag das unterhaltsames Fernsehen gewesen sein. Aber heute? 

Denn natürlich ist es verführerisch, „Gilmore Girls“ größer zu machen als es ist. Ich habe die Serie ja auch angeschaut. Und gemocht. Damals, Anfang der Nuller-Jahre. Als ich noch jung und dumm und das Vorabend-Fernsehprogramm aus nicht viel mehr als idiotischen deutschen Vorabendserien, noch idiotischeren französischen Soaps und „Tatort“-Wiederholungen bestand.

 

Damals war „Gilmore Girls“ tatsächlich anders. „Erfrischend“ meinetwegen auch. Die Charaktere waren einen Hauch dreidimensionaler als die Beimers, die das restliche deutsche Fernsehen bevölkerten. Die popkulturellen Bezüge (zum Beispiel "Grey Gardens" (1975), "Grease" (1971), "I Love Lucie" (1950)), die in einem Wortsalat aus dem Serienpersonal purzelten, klangen für ein noch ziemlich ungeschultes Ohr (Stichwort Modem-Internetverbindung) geheimnisvoll und up to date und das Tempo, in dem die Charaktere miteinander sprachen, war wirklich sehr, sehr schnell. Aber mit dem Serien-geschulten Blick von heute? Da sieht man vieles anders:

 

Da wäre zum einen die Beziehung der beiden Hauptpersonen Lorelai Gilmore und ihrer Tochter Lorelai (Rory) Gilmore. Ja, die Mutter hat ihrer Tochter denselben Namen gegeben.

 

Man fand diese Mutter-Tochter-Beziehung wahrscheinlich tatsächlich mal cool und hat das wohl sogar so genannt. Dabei ist sie, wenn ich das mal bitte so Internet-Psychologen-mäßig sagen darf, eine nahezu krankhaft symbiotische Beziehung zweier Frauen, die sich so sehr aufeinander stützen, dass die eine nicht weiß, wo die andere aufhört. 

 

Mütter haben sich bei ihren Töchtern aber nicht über Liebeskummer auszuheulen. Dazu sind Töchter nicht da und dazu sollten sie auch nicht da sein müssen. Genausowenig sollten sie als Projektionsfläche für all die nicht erfüllten Träume ihrer Mütter dienen und schon im Kleinkindalter eingebimst bekommen, auf welcher Elite-Uni sie sich später mal zu immatrikulieren haben.

 

Komischerweise ist aber genau diese Mutter-Tochter-Beziehung der Unique Selling Point, mit dem die meisten Superfans einem diese Serie schmackhaft machen wollen: „Gilmore Girls“ feiere die Einzigartigkeit der Mutter-Kind-Beziehung und das auf eine so liebenswürdige Art und Weise. Nach dieser Argumentation könnte man auch „Psycho“ zu einer einfühlsamen Darstellung einer engen Mutter-Kind-Beziehung erklären.  

 

Ein schwarzer, schwuler Rezeptionist, der fürs Drama lebt - echt witzig!

Jetzt aber zum viel wütenderen Teil dieses Wutanfalls: Dem Entsetzen darüber, dass Menschen auch heute noch, im Jahr 2016 die „Gilmore Girls“ tatsächlich und vollkommen unironisch für gute Fernsehunterhaltung halten. Habt ihr euch in letzter Zeit alte Folgen noch mal angeschaut? Ist euch aufgefallen, wie hohl die Witze sind? Wie platt? Wie klischeebeladen vor allem? Als da wären:

 

  • Ein schwuler, französischer Rezeptionist spricht effeminiert und ist eine Drama-Queen. Hi-la-ri-ous und in keinster Weise stereotypisierend!
  • Eine dicke Frau ist der Sidekick der schlanken weiblichen Hauptperson. So neu und anders, das haben wir seit „Dick und Doof“ nicht mehr gesehen!
  • Die beiden Hauptdarstellerinnen sind auf der Suche nach der großen Liebe und geraten dabei von einer mediokren Katastrophe zur nächsten? Unfassbar innovativ – und ein geradezu feministisches Serien-Manifest!
  • Die Hauptdarstellerin trinkt viel zu viel Kaffee? Eine wirklich originelle Idee, auf der man am besten in jeder Folge zehnmal herumreiten sollte!  
  • Und inzwischen gecheckt, wie unwitzig und vor allem egal die allermeisten popkulturellen Referenzen sind (zum Nachlesen hier ein Blog mit allen Referenzen, die jemals in der Show verwendet wurden), mit denen die Serie im Sekundentakt um sich haut? Die in den allerseltensten Fällen irgendeinen Bezug zur Handlung haben und vielmehr Tourette-artig in den Raum geworfen werden. 
  • Dass die meisten Dialoge nur deshalb „frisch“ erscheinen, weil sie einfach viel zu schnell gesprochen werden? Dass der sogenannte „spritzige Dialog“ in den meisten Fällen einfach komplett egal und inhaltslos ist?
  • Mal kapiert, was für eine unfassbar schlechte Schauspielerin (aber zugegeben: wirklich unglaublich wunderschöne Person) Alexis Bledel ist, der man ständig den Rücken geradeziehen möchte und die genau zwei Gesichtsausdrücke zu haben scheint? Leicht amüsiert oder leicht schockiert.  
  • Wie die Serie bis zum Erbrechen mit „schrägen“ Figuren angefüllt ist, deren einzige Aufgabe es ist, einen Wimmelbild-Hintergrund zu bieten, vor dem sich das Drama der Darstellerinnen entfaltet?

 

Comedy-Serien altern selten gut

 

Im Jahr 2000, als die Serie herausgekommen ist, mag das genügt haben, um Menschen zu begeistern, weil es keine Alternativen gab. Aber das war vor gefühlt zweihundert Jahren, in denen sich die Popkultur, und vor allem das (was für ein schrecklicher Ausdruck!) serielle Erzählen komplett verändert haben. Zugegeben: Comedy-Serien altern selten gut, das merkt man, wenn man mal wieder in alte Folgen von „Alf“ oder „Eine schrecklich nette Familie“ reinschaut. Aber „Gilmore Girls“ sieht schon ganz besonders alt aus.

 

Ja, und jetzt kommen die neuen Folgen.

 

Und dürfte ich da eine kleine Wette abschließen? Wetten, die werden unerträglich?  Wetten? Ums Recht?