Ein Jahr undercover in der Alt-Right-Bewegung

Patrik Hermansson hat sich bei den Rechten eingeschleust und eine Doku gedreht.
Interview von Berit Dießelkämper
Foto: Hope Not Hate

Die Alt-Right-Bewegung ist ein Sammelbegriff für verschiedene Organisationen und Zusammenschlüsse, deren ideologisches Fundament auf einer rechtsextremen, rassistischen, antisemitischen und homophoben Weltanschauung beruht. Online versucht die Alt-Right mit Humor und Memes wie dem Comicfrosch Pepe, ihre extremen Botschaften zu tarnen und die Grenzen des Sagbaren zu verschieben. Für eine Resonanzgruppe der „Abgehängten“ werden sie zur Projektionsfläche von Sehnsüchten.

Der 25-Jährige Patrik Hermansson begann seine Recherchen beim London Forum, einer der zentralen Konferenzen der europäischen und internationalen Neurechten, im April vergangenen Jahres. Er knüpfte dort erste Kontakte, drang zu den zentralen Persönlichkeiten und in das Innere des Alt-Right-Netzwerkes vor. Währenddessen drehte er mit versteckter Kamera und gemeinsam mit der Londoner Organisation „Hope not Hate“ die Dokumentation „Undercover in the Alt-Right“. Er war mit Alt-Right-Anhängern unterwegs, als Trump zum Präsidenten gewählt wurde und als bei einer Kundgebung von Rechtsextremen in Charlottesville die Studentin Heather Heyer getötet wurde.

jetzt: Es erfordert Mut, sich gegen Rechtsextremismus zu engagieren. Noch mehr Mut aber erfordert es, sich undercover unter Rechtsextreme zu mischen, ein Jahr in ihrer Mitte zu verbringen und alles mit versteckter Kamera zu filmen. Warum hast du das gemacht?

Patrik Hermansson: Als ich die Möglichkeit bekam, schien es für mich der effektivste Weg, mich zu engagieren. Denn wenn man sich nur ihre Texte, Posts und Videos ansieht, wird einem all das entgehen, was sie nicht öffentlich teilen. Zum Beispiel ihr strategisches Vorgehen oder wie sie zukünftige Kampagnen planen. Um das zu verstehen, muss man mittendrin sein – das ist es, was ich wollte.

Hat die Alt-Right besondere Strategien, um neue Mitglieder zu rekrutieren?

Im Moment ist es so, dass sich ihnen mehr Menschen von alleine anschließen. Man konnte sehen, wie motiviert viele Leute nach Trumps Wahlsieg waren. Ich habe mit ihnen gesprochen, über ihre Sorgen und warum sie sich der Alt-Right angeschlossen haben. Es ist meistens ein sehr vages Gefühl der Bedrohung, das sie umtreibt. Sie fühlen sich angegriffen und ausgeschlossen. Zu Teilen treibt sie auch Rassismus an. Die Alt-Right-Mitglieder versuchen natürlich trotzdem aktiv neue Mitglieder anzusprechen – insbesondere über das Internet.

Wie funktioniert das?

Auf den etwas „softeren” Internetseiten, die viele Leser haben, aber nicht unbedingt rechtsextrem sind, wie zum Beispiel Breitbart, kommentieren sie unter die Artikel Dinge wie: „Wenn dir das gefallen hat, dann solltest du dir auch das hier anschauen!” Dazu verlinken sie dann einen etwas extremeren Text oder Video und so geht es immer weiter. Sie versuchen, die Leute online zu beeinflussen und in ihre Richtung zu drängen. Die, die dann tatsächlich zu den Alt-Right-Events kommen, haben sich meist alleine vor ihrem Computer radikalisiert.

Wie sehen solche Alt-Right-Events dann aus?

Es gibt die politischen Events wie Konferenzen oder Demonstrationen, auf denen Mitglieder der Alt-Right diskutieren, Ideen austauschen und Networking betreiben. Diese Events sind dann meist auch der Öffentlichkeit bekannt. Was im Hintergrund abläuft, sind die sozialen Events. Das sind Barbecues, Konzerte oder Treffen in einer Bar. Das zieht die Leute an. Insbesondere die, die kein stabiles soziales Umfeld haben. Zu den Treffen, auf denen ich war, kamen meist nur junge Männer zwischen 19 und 30 Jahren. Diese Alt-Right-Gruppen können sehr herzlich und einladend sein – wenn du ein weißer Mann bist. Außerdem haben sie es geschafft, sich ein radikales Image aufzubauen. Sie sind die, die sich gegen die Elite erheben, sie sind die Underdogs – das ist attraktiv für junge Leute.

Du warst bei der Kundgebung von Rechtsextremen in Charlottesville dabei. Du hast gesehen wie einer von ihnen mit seinem Auto in die Gruppe der Gegendemonstranten raste. Die Studentin Heather Heyer kam dabei ums Leben. Was war es für ein Gefühl, in diesem Moment auf der Seite der Täter zu stehen?

Zu dem Zeitpunkt war ich nicht mehr mit den Rechtsextremen unterwegs. Ich war am Morgen bei ihnen, bis ich mit Pfefferspray besprüht wurde und zurück zum Hotel ging, um mich umzuziehen. Am Nachmittag war ich also eher „privat” in der Stadt. Aber natürlich war das ein traumatisches Erlebnis. Man ist traurig und betroffen, aber das gilt für das gesamte Jahr in der Alt-Right. In ihrer Mitte merkt man, wie extrem und gewaltbereit sie sind.

 

Gibt es Verbindungen der amerikanischen und britischen Alt-Right nach Deutschland?

Die einzelnen Organisationen sind eher national organisiert, aber es gibt sehr enge Verbindungen der verschiedenen neurechten Bewegungen über Europa hinweg. Sie kommen zu Konferenzen zusammen und tauschen sich dort über Strategie oder Kampagnen aus. Ein großer Teil der Alt-Right-Bewegung ist natürlich die Identitäre Bewegung. Zwar haben die ihren Ursprung in Frankreich, aber auch in Deutschland und insbesondere in Österreich sind sie ziemlich groß – und werden auch immer größer. Und natürlich spielt Nazi-Deutschland eine wichtige Rolle für ihre ideologische Grundlage.

 

Wie war es, so tun zu müssen, als wärst du wie die Alt-Right und als würdest du denken wie sie?

Es ist ein wenig beängstigend, aber es ist nicht so, als müsste man dort sitzen und unbedingt rassistische Sachen sagen. Ich habe hauptsächlich viel Persönliches von mir erzählt oder auf abstrakte Weise über Dinge gesprochen. Ich habe mich zum Beispiel viel über Schweden und „das System” beschwert. Aber man muss ihnen natürlich zustimmen, wenn sie rassistische oder homophobe Sachen sagen.

 

Du bist selber schwul. Was haben diese Äußerungen mit dir gemacht?

Natürlich hat es mich sauer gemacht, wenn ich solche Dinge gehört habe, aber erschreckenderweise gewöhnt man sich mit der Zeit daran und es zieht an einem vorbei. Man stumpft ab. Ich habe dann immer an das langfristige Ziel gedacht und daran, dass das, was ich tue, sehr viel sinnvoller und wertvoller ist als jede Diskussion, die ich in dem Moment beginnen könnte. Dabei hilft es, wenn man sich ablenken kann und gute Freunde außerhalb hat.

 

Wussten deine Familie und Freunde, was du tust?

Nein, sie wussten es nicht. Auch, weil ich weiterhin ganz normal Zeit mit ihnen verbracht habe. Es waren zwei parallele Leben, die ich geführt habe. In dem einen war ich Patrik, der dann aber immer mal wieder „weg musste”. In dem anderen war ich Eric, der zu diesen rechtsextremen Treffen ging.

Wie haben sie reagiert, als du ihnen von deinem Undercover-Einsatz erzählt hast?

Sie waren natürlich geschockt. Auch, weil sie überhaupt nichts geahnt haben. Es hat einige Zeit gedauert, bis ich ihnen erklären konnte, was genau ich gemacht habe und vor allem wieso.

 

Es gibt sicherlich einige Leute, die ziemlich sauer auf dich und das was du getan hast sind. Wie ist dein Leben danach?

Es gibt sehr viel Hass und Drohungen gegen mich, insbesondere online und in den sozialen Medien. Es gibt nichts, was ich gegen diese Kommentare tun kann, aber das meiste davon lese ich einfach nicht. Das übernehmen und beobachten andere Mitarbeiter von „Hope not Hate”, aber natürlich mussten wir einige Vorsichtsmaßnahmen treffen. Ich stehe nicht unter Personenschutz, so schlimm ist es nicht, aber die Organisation macht das seit vielen Jahren und hat Erfahrung damit. Außerdem haben sie gute Einblicke in das, was in der Alt-Right vor sich geht. Ich fühle mich sicher.

 

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