„Sex Education“ ist Sexualkundeunterricht – nur viel besser

Drei Gründe, warum wir von der Serie auch heute noch lernen sollten.
Von Anna Caterina Helm

Foto: Netflix

Achtung, dieser Text enthält einige Spoiler für die erste und zweite Staffel von „Sex Education“. 

Wir alle haben Sex mal im Unterricht behandelt. Das Ganze nannte sich dann „Sexualkunde“ – und brachte uns eigentlich nur Biologisches bei: Es ging um Organe und deren Funktionen, darum, welche Viren welche Geschlechtskrankheit verursachen und wie man eine Schwangerschaft vermeiden kann. Dabei ist Sex im echten Leben ja nicht nur ein biologischer Vorgang, es geht um sehr viel mehr. Zu Sex gehören zum Beispiel auch Masturbation, Fantasien, Fetische und der Umgang mit Sexpartner*innen.

All diese und noch viele weitere Themen bespricht die Serie „Sex Education“, deren zweite Staffel seit vergangener Woche auf Netflix streambar ist. Beim Anschauen wurde uns deshalb klar: Das ist der Sexualkundeunterricht, der uns immer gefehlt hat – und den wir auch heute noch brauchen können. Und zwar aus drei Gründen:

1. Bei „Sex Education“ sehen wir endlich, wie vielfältig Sexualität ist

Im Schulunterricht – zumindest in dem, den wir erlebt haben – wurde nicht über verschiedene sexuelle Orientierungen gesprochen. Und wenn, dann hieß oft einfach nur: „Es gibt Heterosexuelle, Homosexuelle und Bisexuelle.“ Mehr nicht. Kein Wort darüber, dass ein Coming-Out nicht einfach ist. Oder dass man oft gar nicht so genau weiß, ob man auf Männer oder Frauen, einfach alle Geschlechter oder keines steht. „Sex Education“ macht das besser.

Die Serie zeigt, wie unterschiedlich Menschen ihre eigene Sexualität entdecken. Zum Beispiel mit Erics und Adams Geschichte. Eric hat sich schon mit 13 Jahren als schwul geoutet, Adam dagegen kommt überhaupt nicht klar mit seiner Sexualität und versucht, seine romantischen und sexuellen Gefühle für Männer zu unterdrücken. Gleichzeitig kommen aber auch Charaktere vor, die ihre wahre Sexualität erst relativ spät erkennen, sie dann aber schnell akzeptieren: Die Schülerin Ola zum Beispiel, die dank eines Online-Tests herausfindet, dass sie pansexuell ist.

Grundsätzlich gibt es in der Serie viele Protagonst*innen, die unterschiedliche Vorlieben und Vorstellungen von zwischenmenschlichen Beziehungen haben – oder eigentlich auf Aliens stehen. Sie zeigen uns: Wir alle erkunden unsere Sexualität anders und mit anderer Geschwindigkeit. Und das ist okay.

2. Es gibt in der Serie keine Tabuthemen

In der Schule predigten unsere Lehrer*innen manchmal, dass Sex etwas „völlig Normales“ sei. Und manche schoben noch hinterher: „Wenn Jungs masturbieren ist das übrigens auch kein Grund zur Sorge.“ Was sie aber verschwiegen haben: Dass Sex (ob mit sich selbst oder mit anderen) etwas total Schönes sein kann – egal, wie weird manche Praktiken auf Außenstehende wirken mögen. Das zeigt die Serie, indem viele darin ihre ersten Orgasmen erleben: beim gemeinsamen Masturbieren oder beim Analverkehr, aber auch einfach durch ein paar Tentakeln im Mund. 

Gleichzeitig verschweigt sie – anders als viele Lehrer*innen in der Schule – nicht, dass Sex auch etwas Grausames sein kann. Und das ganz abseits davon, ob man nun ungewollt von jemandem schwanger ist. Denn manchen Protagonist*innen geht es mit ihren sexuellen Erfahrungen überhaupt nicht gut. Eine Schülerin leidet beispielsweise an Vaginismus, die nächste schämt sich beim Sex. Am schlimmsten trifft es aber Aimee: Sie kann kein normales Sexleben mehr führen, nachdem sie Opfer sexueller Belästigung geworden ist. Danach tut sie so, als sei das nicht so schlimm, doch in Wahrheit sitzt das Trauma bei ihr tief.

Vor allem in diesem letzten Fall kann es also wirklich nicht schaden, „Sex Education“ nochmal als zweiten Anlauf für den Sexualkundeunterricht zu betrachten. Denn eigentlich hätten wir über all das schon in der Schule sprechen sollen – auch wenn das nichts mit Organfunktionen und Bakterienarten zu tun hat. 

3. „Sex Education“ zeigt, dass gute Ratgeber*innen nicht automatisch selbst gut im Bett sind 

Jede*r von uns hat mindestens eine*n Freund*in, der*die immer die schärfsten Sextipps gibt und über scheinbar unendliches Wissen zum Thema verfügt. Diese Person, so denken wir, hat sicherlich den besten Sex überhaupt. Aber nach dieser Staffel „Sex Education“ fühlen wir uns nicht mehr, als müssten wir sie darum beneiden. Denn sie zeigt: Nicht jede*r, der oder die einen auf Sextherapeut*in macht, hat auch besseren Sex. Zum Beispiel an der Geschichte des Protagonisten, dem 16-jährigen Otis Milburn.

Er ist an seiner Schule als „Sex Kid“ bekannt. Weil seine Mutter Sextherapeutin ist, kennt er sich mit vielen Sex-Themen aus und gibt seinen Mitschüler*innen Tipps gegen Geld. Doch in der Praxis ist er selbst vollkommen unbeholfen. Er holt sich deshalb, wie alle anderen Menschen auch, Tipps aus dem Internet. Die Umsetzung läuft dann am Ende aber leider nur so semi-gut. Hätte er doch mal besser seine Freundin gefragt, was ihr gefällt. So, wie er es in der vergangenen Staffel schon immer allen gepredigt hat.

Auch Otis Mutter, die promovierte Sextherapeutin, ist in Liebesdingen überfordert. Wir merken also: Alles halb so wild. Jede*r hat irgendwelche Probleme im Bett. 

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