Der Wald-Killer zum Lesen: Über ökologisches Papier

In der Grün&Gut-Kolumne testet Anne Henneken von utopia.de ökologische Produkte und Dienstleistungen. Heute: Ökologisch Lesen - das richtige Papier
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Ich bin ein Papierschwein, beruflich und privat. Vorhin haben mich meine Kollegen wieder ertappt: Ich wollte mir eine Notiz machen, habe mich verschrieben, den Satzanfang durchgestrichen. Nur statt auf dem gleichen Blatt wieder neu anzufangen, habe ich das Blatt zerknüllt, weggeschmissen und ein neues genommen. Gäbe es eine Top-Ten meiner Ökosünden, wäre extrem hoher Papierverbrauch bei mir ganz weit vorn.

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Illustration: Julia Schubert

Dass wir vom papierlosen Büro so weit entfernt sind wie nie, gehört ja zum bekannten Allgemeingut. Aber als meine aufmerksamen Utopia-Kollegen mir dann direkt die Pro-Kopf-Zahlen vorgelesen haben, war ich geschockt. Ganze 235 Kilo Papier im Jahr oder zirka 650 Gramm pro Tag verbraucht jeder Deutsche mal eben so. Jeder fünfte Baum, der gefällt wird, wird zu Papier verarbeitet – dabei ist Lesen im Schatten eines Baumes doch am schönsten. Neugierig habe ich gleich meine persönliche „Tagesdosis“ auf die Küchenwaage gelegt: Tageszeitung (ohne Beilagen) 450 g, plus zwei Bücher, die ich mir heute gekauft habe: Taschenbuch (300 g), Leo Hickman „Und tschüss“ (600 g) sowie ein internationales Magazin (750 g), das sind zusammen 2,1 Kilogramm.

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Illustration: Julia Schubert

Dazu kommt tägliches „Arbeitspapier“: Texte, die ich zum Korrekturlesen ausdrucke, Artikel für Recherchezwecke. Greenpeace hat mal ausgerechnet, dass ein deutsches Kind im ersten Lebensjahr schon so viel Papier verbraucht hat wie ein Inder in 50 Jahren. Um leuchtend weißes Papier aus so genannter „Primär“- oder Frischfaser“ herzustellen, müssen Millionen von Bäumen dran glauben. Die Papierindustrie gehört außerdem zu den fünfgrößten Energieverbrauchern der Welt. 80% des Papiers, das wir hier in Deutschland benutzen, wird importiert – hauptsächlich aus Schweden und Finnland (die beide viel Rohholz in den Urwäldern von Russland schlagen), und aus Brasilien. Ich traue mich gar nicht hochzurechnen, wie viel Regenwald allein für meine Leselust gerodet wurde. Sicher ist, das muss anders werden – und dieses Anders sollte im Idealfall aus Recyclingpapier sein. Wie bei Frau Rowling zu Beispiel. Die besteht seit einiger Zeit darauf, dass jeder Harry Potter-Band auf 100% umweltfreundliches Papier gedruckt wird. Pro einer Million Bücher dürfen so 30.000 Bäume stehen bleiben. Bei der bisher weltweit verkauften Auflage von 325 Millionen Stück ist das ein ganz ansehnliches Wäldchen. Nach dem Kriterium „Recyclingpapier“ habe ich zwar noch nie Bücher und Zeitungen ausgesucht, aber ein Versuch ist es wert.

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Illustration: Julia Schubert

Recyclingpapiere sind auch bedeutend klimafreundlicher. Allein im Bereich Büro- und Kopierpapier ließen sich bei uns so rund 146.000 Tonnen Co2-Emissionen im Jahr sparen. Da trifft es sich gut, dass Deutschland offensichtlich mehr engagierte Sammler als Jäger hat: Immerhin 80% des Papiers werden wiederverwertet. Ökologisch sinnvoll produziertes Recyclingpapier besteht nämlich zu 100% aus Sammelware – so genannter „Post Consumer Ware“. Papiere, die aus Produktionsabfällen hergestellt werden, passen streng genommen nicht zum Kerngedanken des Recyclings, der Wiederverwertung konsumierter Produkte. Leider ist der Begriff „Recyclingpapier“ nicht geschützt – und das scheinen etliche Hersteller als Einladung aufzufassen, ihre Produkte mit verkaufsfördernden Pseudo-Umweltsiegeln zu verzieren. Gerne genommen werden Tier- oder Baumbilder in Kombination mit „kein Tropenholz“ oder „umweltschonend“. Solches Papier hat nur meist keinen Altpapieranteil und das Holz dafür stammt vielleicht nicht aus den Tropen, dafür dann aber aus kanadischen oder skandinavischen Urwäldern. Was soll daran umweltfreundlicher sein? Absolut zuverlässig sind hier alle Papierwaren mit dem „Blauer Engel“-Siegel. Der verleiht nicht der Fantasie geldgieriger Hersteller, sondern nur hochwertigen und schadstoffarmen Recyclingpapieren Flügel.

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