Eiskalt: Impulseis und der Sommer

Wieviel Gentechnik ist in deiner Waffel? In der aktuellen Folge der Grün&Gut-Kolumne geht es um Speise-Eis und um dessen grüne Herstellung
anne-henneken

Seit Ende März sind sie aus dem Winterschlaf zurück und wenige Wochen später beginnt sie dann wieder: die offizielle Eiszeit. Jedes Jahr bin ich gespannt, ob meine Lieblingseissorte vom letzten Jahr überlebt hat und welche neuen Sorten die italienischen Eisdielenbesitzer dieses Mal im Angebot haben. Nachdem ich mal ein Basilikum-Sorbet probiert habe, erwarte ich sehnsüchtig jeden Sommer den Durchbruch weiterer Kräutereis-Kompositionen: Zitronenverbene, Apfelminze, Almdudler? Möglicherweise zu exotisch, denn die beliebteste Sorte ist seit Jahrzehnten Vanilleeis. Dass so viele Menschen gerne Vanilleeis essen, kann mit einer Art frühkindlicher Geschmacksdressur zusammenhängen. Vanillin wurde nämlich über Jahrzehnte in Säuglingsnahrung, vor allem dem Milchpulver, zugesetzt und hat so bei vielen zu einer „Futterprägung“ geführt.

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Illustration: Julia Schubert

Unabhängig von Sortenvorlieben steht aber fest: Sobald wieder warme Sommersonne lockt, entwickeln Eisdielen und -truhen eine magische Anziehungskraft. Im Jahr 2007 betrug der Pro-Kopf-Verbrauch an Speiseeis in Deutschland 8,1 Liter. Tendenz unseres Appetits: eher steigend und vor allem ganzjährig. Den größten Anteil mit 81 Prozent nimmt dabei industriell produziertes Markeneis ein und nur 16 Prozent wird in Eisdielen oder Konditoreien hergestellt (in der Eisfachwelt auch mit dem schönen Begriff „Impulseis“ bezeichnet). Sehr viele Leute scheinen sich – vielleicht als Knut-Solidaritätsbeitrag – einen kleinen Eisberg zuhause auf Vorrat anzulegen. Schaut man sich im Supermarkt bei den Kühltruhen um, ist die Auswahl an ein- und zwei-Liter-Haushaltspackungen auch ziemlich groß. Da gibt es No-Name-Eis und Markeneis, Hörnchen, Riegel, Sandwiches, am Stiel, mit und ohne Qualitätsurteil. Höchst erstaunt bin ich darum über die Entdeckung gewesen, dass bei Ökotest die Eiscreme von Landliebe am besten abgeschnitten hat. Landliebe gehört – neben weiteren Marken wie Puddis, Südmilch, Tuffi, Optiwell – zum niederländischen Milchkonzern Campina und betreibt mit ihrer zeichentrickartigen Saftige-Wiesen-Heile-Heidi-Welt-Werbung eher Greenpainting als Greenwashing. Auf der Greenpeace-Seite findet man dazu gerade Banner mit „Gentechnik ist’s, wenn es Landliebe ist“. Denn was von Müllermilch und deren Marke Weihenstephan längst bekannt ist, gilt auch für Landliebe-Produkte: statt saftigem Gras bekommen die Kühe gentechnisch verändertes Futter zu fressen. Würde man das erwarten, wenn man eine Packung Landliebe Vanille-oder Erdbeer-Eis mit Öko-Testsiegel „sehr gut“ kauft? Wohl eher nicht. Ich fand es sehr enttäuschend festzustellen, dass die Herkunft der Milch oder des Rahms – immerhin ja wichtige Grundzutaten einer guten Eiscreme – offensichtlich keinerlei Rolle in der Bewertung einer Eiscreme gespielt hat.

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Illustration: Julia Schubert

Die Frage wird sich jeder genußliebende Eisschlecker irgendwann stellen: Woher kommt die Milch für mein Lieblingseis? Was hat die Kuh gefressen: saftiges Gras mit Wiesenblumen und natürliches Futter oder gentechnisch verändertes Kraftfutter? In der Schweiz zum Beispiel verzichten alle Molkereien auf Gen-Futter und auch in Österreich haben die führenden Molkereien auf gentechnikfreies Futter umgestellt. Ich frage mich auch: Warum schmeckt mein Lieblingseis so gut? Ist da echte Frucht drin oder nur künstliches Aroma? Was ist in industriell produziertem Eis überhaupt drin? Neben stark bearbeiteten Milcherzeugnissen wie entrahmter Milch ist meist ein Mix aus Zucker und Glucosesirup enthalten. Da letzterer oft aus Mais gewonnen wird, ist dies ein potentieller Kandidat für einen weiteren gentechnisch veränderten Rohstoff im Eis. Gen-Zusätze können aber auch in verschiedenen Zusatzstoffen stecken: in Emulgatoren wie Lecithin (E 322), Mono-und Diglyceride von Speisefettsäuren (E471) oder auch Aromastoffen wie Vanillin. Das kann gentechnisch hergestellt sein und darf trotzdem als „natürliches Aroma“ deklariert werden. Das meiste industriell hergestellte Eis in Deutschland stammt vom niederländisch-britischen Konzern Unilever, dem weltweit größten Eiscremehersteller. Langnese-Eis gehört dazu, Magnum und Solero, aber auch Ben & Jerry’s – wahrscheinlich das bekannteste Öko-Eis der Welt. Die Marke der zwei Hippies aus Vermont, die im Jahr 2000 für 345 Millionen Dollar verkauft wurde, startete vor 22 Jahren mit einem nachhaltigem, ökologisch und sozial orientiertem Eis-Konzept: lokale Milchproduzenten unterstützen, nur die besten natürlichen Zutaten, keine Wachstumshormone für die Kühe, und die Selbstverpflichtung, an allen Orten, an denen man produziert, die Lebensqualität zu verbessern. Ob diese Maximen nach der Übernahme schon dahin geschmolzen sind? Mein größter Hoffnungsschimmer kommt jedenfalls aus dem Süden: In Italien machen gerade die ersten Bio-Eisdielen auf – ich wollte sowieso mal wieder ans Meer.

Text: anne-henneken - Illustration: katharina-bitzl

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