Kennt jemand den Ort, in dem „Stromberg“ Christoph Maria Herbst eine Banklehre gemacht hat? Dessen einziger Berg „Monte Schlacko“ heißt? Das ist meine Heimatstadt Dinslaken. Am Niederrhein zwischen Wesel und Duisburg gelegen und umzingelt von Schachtanlagen, Schwerindustrie, Thyssen, Kohle- und Ex-Atomkraftwerken. Von meiner Verwandtschaft weiß ich, dass im Nachbarort gerade etwas Neues gebaut wird. Ein gigantischer grauer Kühlturm. Mit 181 Metern mal eben 14 Meter höher als der Kölner Dom. Mit diesem Neubau verschönert der Konzern Evonik den Ausblick von Tausenden von Reihenhausbesitzern und erweitert für 800 Millionen Euro das Kohlekraftwerk Walsum. Ein Energie-Dinosaurier, der den ersten Platz von NRW als Bundesland mit dem höchsten CO2-Ausstoß zementiert und in unmittelbarer Nähe eines Wohngebiets nur möglich ist, weil er juristisch als Erweiterung einer bereits bestehenden Anlage gilt (Honi soit qui mal y pense). Da ich auf solche und ähnliche Traumaussichten in Zukunft liebend gerne verzichte, bin ich im letzten Jahr auf Ökostrom umgestiegen. Kann man bei Bedarf auch prima mit angeben und sich mit fast Null Aufwand zum Alpha-Öko mausern. Denn laut Öko-Institut ist das der effektivste Beitrag zum Klimaschutz, den man im persönlichen Bereich leisten kann. Mit minimalem Aufwand spart man als Single-Haushalt so eine Tonne CO2 ein, mit zwei Personen sogar 1,5 Tonnen.

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„Die jüngsten AKW-Störfälle sind die beste Werbung für uns“, sagte Greenpeace-energy Vorstand Robert Werner in einem Interview. Auch für mich waren die Vorfälle bei Vattenfall der Auslöser, meine ersten Missionierungsversuche in Sachen Ökostrom zu starten. Ich schickte einen flammenden Aufruf per E-Mail herum und durfte mich von da an über die herrlichsten Ausreden amüsieren. Ein Bekannter, der jeden Tag in seinem hummerähnlichen Zehn-Mann-Jeep zu seinem neu erworbenen Bauernhof fuhr, meinte: „Ich finde das ja toll mit dem Ökostrom, nur weißt du, wir haben diese ganzen alten Leitungen da draußen, die packen gar keine Veränderungen. Und mit den Kindern, da können wir ja nicht plötzlich ohne Strom dastehen“. Ich vermute, dahinter steckten langjährige Telekom-Traumata, verursacht durch wochenlangen Telefonentzug aufgrund von Umzügen oder der Änderung von Daten. In der Psychologie nennt man so etwas Übertragung – und das trifft die Ökostrom-Anbieter ziemlich unfair. Denn natürlich gibt’s beim Wechsel keinerlei Unterbrechungen. Man braucht auch keine neuen Leitungen oder merkt einen Unterschied, denn der „grüne“ Strom, der aus der Steckdose kommt, bleibt ja der gleiche wie vorher. Zum besseren Verständnis hier schnell der Einschub „Ökostrom für Anfänger“ mit dem Bild vom Stromsee: Dazu stellt man sich das Stromnetz als einen großen See vor, der immer den gleichen Wasserstand haben muss. Jedes Mal, wenn man die Haare fönt, die Herdplatte anmacht etc. zapft man Strom aus dem See, den der Stromversorger wieder einspeisen muss. Wer Ökostrom hat, sorgt dafür, dass der Stromsee insgesamt sauberer wird, weil Ökostromversorger nur sauberen Strom – also aus 100 Prozent aus erneuerbaren Energiequellen wie Wasser, Wind, Sonne und Biomasse – in den See einspeisen.

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Um seine vier Wände mit sauberem Strom zu versorgen, muss man einmal den Zähler ablesen und seine Adresse angeben, fertig. Man muss sich auch nicht durch Berge von Angeboten wühlen und x-mal Vergleiche anstellen. Denn der Markt für echten Ökostrom, das heißt von 100 Prozent atomstromfreien Anbietern, umfasst nur wenige Anbieter wie Greenpeace energy und EWS Schönau. Beide liefern 100-prozentigen Öko-Strom, investieren in Neuanlagen für regenerativen Strom und sind weitgehend unabhängig von den großen Stromkonzernen. Es gibt auch Lichtblick und Naturstrom, die jedoch auch in Österreich Strom aus Wasserkraftwerken dazukaufen, an denen wiederum der Konzern EnBW beteiligt ist. Manchmal gut zu wissen. Natürlich haben auch Konzerne wie E.ON, Vattenfall und Co. den Trend nicht verschlafen und bieten Ökostrom-Tarife an: Yello gehört zu EnBW, Eprimo zu RWE, E wie einfach zu E.ON. Nur wer will ernsthaft auf die Greenwashing-Angebote von Anbietern setzen, die ihr Hauptgeschäft nach wie vor mit Atomstrom machen? Bei Etikettenschwindel schwimme ich jedenfalls gerne gegen den Strom. ................................................................................................... In eigener Sache Beim Recherchieren hat sich sich leider ein Fehler eingeschlichen. Betroffen ist der Absatz: "Es gibt auch Lichtblick und Naturstrom, die jedoch auch in Österreich Strom aus Wasserkraftwerken dazukaufen, an denen wiederum der Konzern EnBW beteiligt ist." Die Autorin entschuldigt sich beim Unternehmen. Richtigstellung der Naturstrom AG: "Wir achten sehr genau darauf woher wir unseren Strom beziehen und kaufen weniger als 50% unseres Stroms aus diesem Grund seit Anfang des Jahres von der Ökostrom AG, einem kleinen unabhängigen Stromhändler aus Österreich. Den restlichen Strom, also über die Hälfte, beziehen wir im Übrigen als erster unabhängiger Ökostromanbieter von kleinen und mittleren Kraftwerken direkt aus Deutschland und nicht, wie sonst üblich, aus dem Ausland."

Text: anne-henneken - Illustration: Katharina Bitzl