Weniger Fleisch

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Ausgerechnet ein Film über Fisch bringt mich dazu, meine Fleischgelüste ernsthaft zu überdenken. Auf Arte wurde der preisgekrönte Film „Darwins Alptraum“ wiederholt. Darin geht es um den Viktoriabarsch – einen so genannten Edelfisch, der in Europa und Japan sehr beliebt ist. Dieser Raubfisch lebt in einem See, in den er nicht hineingehört, und wird von Menschen gefischt, die ihn sich selbst nicht leisten können. Weil er ihnen alle Fische aus See, also ihre Nahrung wegfrisst, müssen sie hungern, sich prostituieren und übrig gebliebene, mit Maden durchsetzten Fischskelette aus den Fabriken essen. Jeder Mensch mit einem Hauch von Gewissen wird nach diesem Film nie mehr Viktoriabarsch essen. Mir hat der Film vor allem vor Augen geführt, dass Tiere für sehr viele Menschen vom Nahrungslieferanten zum bedrohlichen Nahrungskonkurrenten geworden sind. Jetzt, wo wieder weltweite Hungerkrisen drohen, kann ich nicht länger ignorieren, dass mein Appetit auf Fleisch schuld daran ist, dass andere Menschen hungern müssen.

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Illustration: Julia Schubert

Rein rational betrachtet sollte man natürlich sofort aufhören, Fleisch zu essen: Allein das Hungerproblem und Morden von Tieren, das Elend der Massentierhaltung, die Rückstände von Arzneimitteln und Wachstumshormonen, die ekelhaften Gammelfleischskandale, BSE (kein Rind), Vogelgrippe (kein Hühnchen), Separatorenfleisch, das riesige Angebot an Appetitverderber-Literatur. Trotzdem fällt es den meisten Menschen ziemlich schwer, mit ihren im wahrsten Sinne eingefleischten Gewohnheiten zu brechen und die Finger von saftigen Filetsteaks, schnellen Burgern, Wurst und Schinken zu lassen. Gegen das Verlangen hat der Verstand manchmal verdammt wenig Chancen. Neben der lieben Moral gibt’s aber auch ökologische Probleme. Fleisch frisst nicht nur Nahrungsmittel, sondern auch jede Menge Land und Energie. Denn der größte Teil der Fleischproduktion ist enorm ineffektiv: man bekommt viel weniger raus, als man reingefüttert hat. Trotzdem ist die globale Fleischproduktion seit 1950 um 500 Prozent gestiegen! Gerade für die Entwicklungsländer ist das kein Spaß. Immer mehr Getreide wandert in die Mägen der Tiere und fehlt auf den Tellern der Bauern, die es anbauen. Über ein Drittel der Weltgetreideernte wird heute an Tiere verfüttert, um Fleisch, Milch und Eier zu produzieren. Pro Kilo Rindfleisch müssen 10 Kilo Getreide verfüttert werden und 100.000 Liter Wasser (zum Vergleich: um ein Kilo Kartoffeln zu produzieren braucht man 500 Liter Wasser, für ein Kilo Sojabohnen 2000 Liter.). Wie schneidet eigentlich Biofleisch bei so einer Rechnung ab? Für die Umwelt ist die Produktion zwar weniger belastend als Massentierhaltung und man braucht auch weniger als die Hälfte an Energie zur Produktion. Allerdings stellt sich die Frage, ob Biofleisch in Sachen „Nahrungsmittelkonkurrenz“ nicht sogar schlechter wegkommt, da die Tiere viel hochwertigeres Futter als die aus der Massentierhaltung bekommen. Sicher dagegen ist, dass trotz des angeblich schädlingsresistenten Wundersaatguts vom amerikanischen „Biotechnologie“-Konzern Monsanto weltweit 10 Billionen Tonnen synthetische Dünge- und Pflanzenschutzmittel eingesetzt werden. Stoffe, die irgendwann im Grundwasser und in den Flüssen landen und Ammoniak freisetzen und der Welt reichlich sauren Regen bescheren.

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Illustration: Julia Schubert

Was man den ganzen Sonntagsbraten und knusprigen Grillwürstchen leider auch nicht ansieht: Die Fleischproduktion ist für mindestens 10% der Treibhausgase verantwortlich – nicht nur weil die Rinder Methan pupsen, sondern weil jede Menge Erdöl nötig ist, bis man ein Stück Fleisch zwischen den Zähnen hat: für die Trecker und Landwirtschaftsmaschinen, für die Herstellung der künstlichen Dünger und auch für die ganzen Transporte von Futter und Vieh. Alles in allem muss man zugeben, dass Vegetarier wohl das grünere Gewissen haben dürfen. Weniger Fleisch auf dem Teller heißt jetzt der erste wichtige Schritt – auch um den ökologischen Fußabdruck zu reduzieren. Morgen probiere ich Tofuwürstchen, versprochen.

Text: anne-henneken - Illustration: Katharina Bitzl

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