Gurk macht mit. Heute: Besuch bei der Attac-Ortsgruppe und Supermarkttheater

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Jetzt mal Aktion! Ich stehe mit meiner Freundin Lisa vor dem Kühlregal eines mittelgroßen Discounters um Abendessen einzukaufen. Ohne lange zu überlegen greift sich Lisa zielsicher eine Packung eingeschweißte Putenbrust. Großer Fehler. Zuerst stoße ich einen spitzen Schrei aus, dann rufe ich „Spinnst du? Solche Puten werden in Massentierhaltung solange gemästet bis sie vor lauter Brust nach vorne umfallen!“ Lisa sieht mich verdattert an, die ersten Kunden gucken neugierig. Ich reiße ihr den Puter aus den Händen und pfeffere ihn zurück in die Tiefkültheke. „Idiot“ sagt Lisa, zwickt mich in den Oberarm und geht in Richtung Kasse – allerdings ohne Pute. Weit gefehlt wer denkt, ich wollte mich vor meiner Freundin nur als Gutmensch profilieren! Es geht um viel mehr. Durch das Nachstellen von Konfliktsituationen an öffentlichen Orten sollen nichts ahnende Zuschauer über Missstände aufgeklärt werden – zum Beispiel eben über gleichgewichtsgestörte Puten. „Unsichtbares Theater“ nennt sich das und zugegeben: Normalerweise macht man das nicht allein. Und erst recht nicht mit unvorbereiteten Freunden. Aber der Puter blieb liegen. Immerhin. Abgeguckt hab ich mir das mit dem „Unsichtbare Theater“ von Susanne, einer älteren Dame, die einmal im Monat zum „Attac-Neue-Leute-Treffen“ in ihr kleines, efeubewachsenes Häuschen einlädt. Susanne ist Mitte 60, hat lange graue Haare, eine ganze Fußballmannschaft voller Enkel und sehr wenig Zeit. Neben dem unsichtbaren Theater engagiert sie sich noch in vier anderen Attac Gruppen, geht auf Demos, organisiert Treffen und schreibt Briefe an Abgeordnete. Ihr Haus ist vollgepfropft mit Büchern und allerlei Nippes aus fernen Ländern. Man fühlt sich auf der Stelle wohl. Gemeinsames Singen von globalisierungskritischen Liedern Während ich Wasser aus mexikanischen Altglas-Gläsern trinke kommt die obligatorische Vorstellungsrunde, immer etwas peinlich, vor allem für den der anfangen muss - in diesem Falle mich. Weil ich nicht recht weiß, was ich sagen soll, erzähle ich warum ich eigentlich hergekommen bin: Wegen Genua und dem G8 Gipfel, weil Attac irgendwie gegen alles und für jeden ist und weil ich schon immer mal sehen wollte, wie das in der Praxis eigentlich so funktioniert. Und, ach ja, da wäre dann noch Heiner Geißler, ehemaliger CDU Generalsekretär, passionierter Gleitschirmflieger und seit diesem Sommer Mitglied bei Attac. Wenn der das kann, kann ich es auch. Betretenes Schweigen. Ich habe einen wunden Punkt getroffen. Nach der Vorstellungsrunde werden Handzettel herumgereicht, wir diskutieren ein bisschen über Globalisierung und dann erklärt Barbara, die Gruppenleiterin von „Arbeit und Soziales“, wie Attac so tickt: Grundsätzlich ist die Organisation offen für alle und jeder kann überall mitmachen. Die Themen sind breit gefächert, es gibt einen Grundlagen AK, einen Attac-Chor (gemeinsames Singen von globalisierungskritischen Liedern) und alles funktioniert nach dem Konsenssystem, will heißen: Jeder hat ein Vetorecht und es wird so lange rumdiskutiert, bis alle mit dem Ergebnis einverstanden sind. Klingt langatmig und auf größeren Treffen funktioniert das nur dank bunter Kärtchen. Rot heißt „Veto“, Grün heißt „Super“. Dazwischen gibt es einen farbigen Strauß weiterer Karten in allen Farben des Regenbogens, die das Meinungsspektrum von „So Lala“ bis „eher doof“ repräsentieren. „Manchmal braucht man schon einen langen Atem“ sagt Barbara, „aber wer den Ärmelkanal durchschwimmt darf auch nicht alle fünf Minuten fragen wie lang es noch dauert“. Mir wird etwas mulmig. Mal angenommen – rein theoretisch – ich würde einen Arbeitskreis Unsichtbares-Theater eröffnen und, mal angenommen, Heiner Geißler fände Gefallen an selbigem - würde das dann bedeuten, dass er mit einem roten Kärtchen alle Theater-Aktionen stoppen könnte, die gegen das Parteiprogramm der CDU laufen? Und was ist, wenn gewisse konservative Parteien Attac infiltrieren? Mit ein paar roten Kärtchen könnten sie unangenehme Massenproteste stoppen! Keine Anti-G8-Demos mehr, nie wieder Unterschriftenlisten! Die Opposition lahm gelegt und die Samba-Trommeln des weltweiten Protestes ständen still! Aber noch ist es ja nicht so weit. Zum Glück. Die konservative Elite hegt scheinbar keine so perfiden Pläne, Attac ist weitgehend sauber und ich trage mich zum Abschied in einen Newsletter ein. Der informiert - ganz unverbindlich - wann die nächsten Aktionen stattfinden und welche Demos anstehen. Bis dahin übe ich noch ein wenig Unsichtbares Theater. Und wenn Heiner Geißler in meinem Supermarkt kein Bio-Fleisch kauft, dann kann er was erleben.

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