Gurk macht mit. Heute: Tausche Blut gegen Wanderatlas

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Gutes tun lohnt sich ja immer immer. Manchmal kommt dabei aber sogar noch was bei rum. Ein „Danke“ zum Beispiel. Oder ein Lächeln. Oder ein nagelneuer Wanderatlas. Den gibt es beim Münchner Blutspendedienst für einen halben Liter Blut, zuerst gilt es aber einen kniffligen Fragebogen auszufüllen: Syphilis? Nein. Fleckfieber? Auch nicht. Alkoholkrank? Nicht wirklich. Bei der Frage, ob ich schon einmal an Schlafkrankheit gelitten habe, bin ich mir nicht wirklich sicher, kreuze aber trotzdem mal „Nein“ an. Meine launige Bemerkung darüber quittiert die rundliche Blondine bei der nachfolgenden Blutuntersuchung mit einem gequälten Lächeln und piekst mir grob in den Finger. Zu Recht. Pflaster drüber und ab zum Arzt.

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Illustration: Julia Schubert

Auch hier ist die Stimmung nicht viel besser: Als ich dem Doktor erzähle, dass ich das erste Mal spende und quasi ein blutiger (Hihi!) Anfänger bin, ernte ich eisiges Schweigen. Dafür attestiert er mir, dass ich Untergewicht habe und vor der Spende unbedingt noch etwas essen soll. Bei gratis Vollkornkeksen und Cola beschließe ich, dass mein Witz eigentlich gar nicht so schlecht war. Nach fünf Minuten werde ich in den Spendenraum gebeten und dann geht alles zack-zack: Abbinden, desinfizieren, Nadel rein, Blut raus. Ich überlege kurz, dass jetzt der Moment wäre, um in Ohnmacht zu fallen, entscheide mich aber dafür, die Rentnerin auf der Liege neben mir mit meinem „Blutiger Anfänger“ Witz zu überraschen. Herzliches Lachen. Geht doch. In nur fünf Minuten tröpfelt ein halber Liter Blut aus meinem Oberarm in einen kleinen Plastikbeutel. Damit sich mein Körper an diesen Verlust gewöhnt, muss ich weitere fünf Minuten liegen bleiben. Zeit für einen Plausch mit meiner Nachbarin, die spendet heute zum 30. Mal und bekommt dafür sogar ein Ehrenzeichen. Kurz nachgerechnet stelle ich fest: Zu Recht. Männer dürfen in Deutschland nur sechs Mal pro Jahr Blut spenden, Frauen sogar nur vier. Macht also maximal drei bzw. zwei Liter Blut pro Kopf und Jahr für einen riesengroßen Haufen Operationen, Notfälle und Leukämiebehandlungen. Nicht sehr viel – und noch viel weniger wenn man bedenkt, dass laut Roten Kreuz nur 2,3 Prozent der Spendenfähigen Deutschen das auch wirklich tun. Man kann verstehen, warum Ärzte und Angestellte so miesepetrig sind. Ich verkneife mir alle weiteren kurzweiligen Bemerkungen und studiere die Liste mit den Aufwandsentschädigungen des Blutspendedienst. Entgegen aller Gerüchte und den vollmundigen Versprechungen meiner Mitbewohnerin gibt es hier kein Geld. Dafür aber Fresspakete mit gesundem Süßkram oder so spannende Bücher wie „Wieso wackelt Wackelpudding?“, „1001 Pastarezepte“ oder eben meinem Wanderatlas. Keine Weltliteratur, andererseits auch nicht schlecht für 10 Minuten herumliegen. Als ich an der Theke meinen Gutschein einlöse habe ich ein seltsames Gefühl. Komisch, für etwas bezahlt zu werden, dass mich gar nichts kostet und das mir auch nicht fehlt. Und komisch auch, dass eine Aufwandsentschädigung überhaupt notwendig ist. Aber vielleicht ist Hilfe manchmal so dringend nötig, dass man sogar dafür bezahlt wird. Und das ist dann wohl auch der Punkt, an dem der Spaß aufhört. Illustration: katharina-bitzl

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