Mitmachen gegen das schlechte Gewissen

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Noch bevor ich das Einmaleins konnte, habe ich zu Hause Müll getrennt - in neun verschiedenen Tonnen. Das ist erstaunlich, denn heute kann ich zwar Doppelbrüche rechnen, dafür trenne ich aber nicht mal mehr Verpackungen von Kompost. Natürlich weiß ich noch wie das geht und natürlich weiß ich, dass Papier nicht in den Restmüll kommt. Aber ich bin faul geworden. Früher war das anders.

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Illustration: Julia Schubert

Ein Jahr nach dem Super-Gau in Tschernobyl bin ich in die Grundschule gekommen, zwei Jahre später setzte der Kapitän der Exxon Valdez seinen Supertanker sternhagelvoll auf ein Riff vor der Küste Alaskas. 40 000 Tonnen Rohöl verseuchten das dortige Ökosystem und das Fernsehen zeigte ölverkrustete Robbenbabys mit glanzlosen Augen. Seitdem habe ich ein schlechtes Gewissen. Nicht weil ich etwas mit Tschernobyl oder sterbenden Meeressäugern zu tun hätte. Eher allgemein. Wegen der Umwelt. Und der Gesellschaft. Dieses schlechte Gewissen trieb in meiner Kindheit die seltsamsten Blüten: Weil tropfende Hähne jährlich Abermillionen Liter kostbaren Trinkwassers vergeuden, habe ich versucht die Tropfen in Zahnputzbechern aufzufangen. Meinen Lehrern und Mitschülern schien es aber genauso zu gehen: Auf meinem Pausenhof wurden keine Panini-Fussballbilder getauscht, sondern WWF-Sticker mit traurigen Pandas und geschundenen Orang Utans. Unzählige Protestbriefe musste ich im Unterricht an allerlei Umweltschweine schreiben, ich habe Klimadiagramme gebastelt, Naturschutzgebiete aufgeräumt und gegen Walfang protestiert. Ob ich all das gemacht habe, weil ich ein schlechtes Gewissen hatte oder weil ich so motiviert war, weiß ich nicht mehr. Aber das schlechte Gewissen verschwand. Zumindest bis zum Abitur. Seit dem habe ich mich nicht mehr sozial engagiert. Keine Pfadfinder mehr, keine SMV. Meine Klassenkameraden retteten in ihren Zivildienst Seemöwen auf Sturm umtosten Wattmeerinseln oder wichen verirrten Kugeln beim Friedensdienst in Israel aus. Ich habe mich für eine deutlich gemütlichere Variante entschieden: Rasenmähen und Glühbirnen reindrehen. Die Welt rettet man anders. Nach dem Zivildienst habe ich angefangen Ethnologie zu studieren. Nicht, weil ich wie meine Kommilitonen mit einer kleinen NGO in abgelegenen Andenregionen Brunnen bohren will, sondern weil ich die Geschichten in den Vorlesungen immer so lustig fand. So viel zum Idealismus. Dabei ist es gar nicht so, dass mich das alles nicht mehr interessiert. Naturschutz und Menschenrechte finde ich wichtig. Biergarten mit Freunden aber eben auch. Ich finde es schrecklich wenn irgendwo auf der Welt ein Regimegegner verschwindet und beim deutschen Asylgesetz könnte ich kotzen. Ich gehe auf Demos, ernsthaft engagiert hab ich mich aber nie, bin keiner Gruppe beigetreten und habe bis jetzt auch keine Bahntrassen blockiert. Die meisten Menschen engagieren sich dann, wenn ein Problem akut wird: Vietnam, Tschernobyl, atomare Aufrüstung. Die Sache ist nur: In der letzten Zeit sind so viele Probleme akut. Das Klima geht den Bach runter, Gefangene werden mit „innovativen Methoden“ verhört und in Darfur sterben 200 000 Menschen ohne dass es irgendjemand interessiert. Jeder einzelne dieser Punkte wäre für mich Grund genug einer Gruppe beizutreten und mich an Botschaften festzuketten. Doch in der Masse wechseln sich die Probleme einfach ab: Eine Woche Darfur, dann Überschwemmungen und drei Tage später ein Bombenattentat in Bagdad. Alles vermischt sich zu einem großen Problembrei, der mein schlechtes Gewissen in ein dumpfes und lähmendes Gefühl verwandelt hat. Dieses Gefühl blieb - bis zum G8 Gipfel. Zum ersten Mal haben sich all die Attentate, all die Überschwemmungen und all das, was im Moment nicht rund läuft, zur gleichen Zeit und am gleichen Ort versammelt. Protestiert habe ich trotzdem nicht in Heiligendamm: Ohne Gruppe, ohne Organisation und ohne konkretes Problem kam ich mir wie ein Sensationstourist vor. Dennoch: Mein schlechtes Gewissen ist wieder da. Zeit also, etwas zu tun. Ob das die ehrenvollste und beste Motivation ist, sich für etwas stark zu machen, werden wir sehen. Aber zumindest trenne ich seit kurzem wieder Müll.

Text: christoph-gurk - Illustration: katharina-bitzl

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