Auf der Buchmesse den Durchbruch schaffen

Illustration: dirk-schmidt Wie man als Leser eine Buchmesse übersteht, haben wir
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Illustration: Julia Schubert

Illustration: dirk-schmidt Wie man als Leser eine Buchmesse übersteht, haben wir hier bereits gelernt. Wie aber nutzt man die literarische Bewegung einer Buchmesse, um als Autor zum Shooting-Star zu werden. Zehn einfache Regeln können dabei helfen. 1. Du hast ein Buch geschrieben und auch einen Verlag gefunden, der dich groß rausbringen will – Gratulation! Jetzt ist es wichtig, dass dass dein Roman, deine Kurzgeschichtensammlung, dein Essay im Herbstprogramm des Verlages erscheint. So bist du frisch und neu und „in Frankfurt“ (gemeint bei der dortigen Buchmesse) dabei. Das ist die wichtigste Voraussetzung. 2. Sei möglichst jung und möglichst gutaussehend – alte Schriftsteller mit aus den Ohren sprießenden Haaren gibt es in Deutschland schon genug. 2003 war die Russin Irina Denezkina das umschwärmte Nachwuchstalent der Messe. Mit ihren Geschichten über das Leben der jungen Moskauer Party-Generation hatte die damals 22-Jährige alle auf ihrer Seite. 3.Dein Roman sollte entweder eine dysfunktionalen Familienkonstellation beschreiben (Mutter ist verschwunden, Vater immer grüblerisch abwesend, Schwester ganz allgemein komisch) oder vom Leben in einer überalteten Gesellschaft handeln. Das sind die heißen Aufreger-Themen der Saison, mit denen jeder etwas anfangen kann. 4. Das Buch ist geschrieben und gedruckt, die Termine auf der Buchmesse stehen und die eine oder andere Interview-Anfrage ist auch schon beim Agenten eingetrudelt. Du solltest in der Woche vor der Buchmesse ordentlich gegessen und genug geschlafen haben, denn diese Woche wird wirklich, wirklich hart. 5. Vergiss nicht: du bist hier nicht alleine und die Welt hat nicht auf dich gewartet. Auf der Buchmesse sind 7.223 Aussteller aus 101 Ländern, 999 mit dir konkurrierende Autoren werden erwartet und insgesamt werden 104.231 Neuerscheinungen auf dieser Leistungsshow präsentiert. 6. Deshalb ist es wichtig, sich eine individuelle Macke zulegen. Das kann der ewig gleiche Ringelpulli sein, die umschatteten Augen oder die Angewohnheit, nur Zigarillos, davon aber zwanzig Stück pro Stunde zu rauchen. Das ist dir zu schwierig? Dann lege dir einfach einen Hang zum Vulgären zu. Wichtig ist nur: durchhalten, auch nachts und auf der Toilette! 7. Auf der Buchmesse wirst du täglich mindestens eine Stunde am Stand deines Verlages herumstehen müssen. Am besten du lässt selbst die dümmsten Fragen („Mich erinnert Ihre Geschichte an die meiner Tante Ruth. Darf ich sie ihnen kurz erzählen?“) mit bewundernswerten Ruhe und Freundlichkeit über dich ergehen. Das wird dir einen guten Ruf beim Publikum einbringen, denn nichts nervt mehr, als zickige Divenautoren. 8. Wenn du dich allerdings für die vulgäre Variante entschieden hast, mache besser auf Drama: komme grundsätzlich zu spät zum vereinbarten Interviewtermin (eine Stunde), fange schon mittags an, den Billigweißwein in dich hineinzuschütten (ein Tetrapack pro Stunde) und erfinde dich bei jedem Interview neu. Auch das sorgt für Aufregung. Aufregung ist gut fürs Geschäft. Und ums Geschäft geht’s ja schließlich. Oder? 9. Behandle die Journalisten, die dich interviewen, gut. Oder schlecht, je nach Strategie (siehe oben). Vermittle ihnen aber auf jeden Fall das Gefühl, dass du mit ihnen einen sehr privaten Moment teilst. Und sei es nur, dass du ausgiebig über deine Exfreundin lästerst oder dich über die Kanzlerinnenfrisur ereiferst. Stelle in jedem Fall eine (künstliche) Nähe her, das wird dir der Journalist mit einer Hymne danken, die du für deinen nächsten Roman auf den Umschlag drucken kannst. 10. Gegen Ende der Woche befallen dich mit Sicherheit Zweifel: was tue ich hier, warum darf ich nicht schlafen, was wollen die fremden Menschen von mir, warum hassen mich alle und wo ist Mama? Halte trotzdem durch, es ist gleich vorbei. Und wenn du es erst einmal geschafft hast, kannst du dir endlich eine Eigentumswohnung kaufen und den nervigen Bar-Job an den Nagel hängen. Jetzt beginnt das schöne Leben – als Shootingstar Schriftsteller.

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