Dilemma und Lösung bei Schreiben

Wie man sich ein Dilemma baut, wenn man etwas schreiben will, und wie man wieder herauskommt. Eine Handreichung in zehn Punkten von Lars Weisbrod.
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Das Dilemma 1. Alles hat seine guten und seine schlechten Seiten. Es ist ein wichtiger und guter Moment im Leben eines jungen Mannes, wenn er gefragt wird, ob er ein Buch schreiben möchte. Aber nicht so gut ist, wenn man dafür nur ein paar Wochen Zeit hat. Andererseits aber kommt man im Leben nie zu seinem Landhaus auf Long Island, wenn man sich nicht irgendwann mal entschließt, Überforderung als oberstes Prinzip anzunehmen. Dieses Durcheinander ist der Stoff für das große Dilemma.

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Illustration: Julia Schubert

2. Das Schreiben eines Buches kann man ganz unprätentiös einordnen in die Reihe anderer Aufgaben mit Tagesfreizeit, selbstständiger Zeiteinteilung und festem Termin, bis zu dem jetzt aber wirklich mal alles fertig sein muss. Das Lernen für Klausuren und Hausarbeiten während der Ferien sind also zu bewältigende Brocken, die in der gleichen Strapazenparade marschieren. Man steht gegen drei auf, um ausgewählte Sendungen aus dem Kinderprogramm nicht zu verpassen (Detektiv Conan), lümmelt den ganzen Tag im Schlafanzug herum und ist abends irgendwie malade, aber keine Seite weiter mit dem blöden Buch. 3. In der Hierarchie des Dilemmas folgt nun die Ausgangssperre. Hierzu erkläre man seinen Freunden: „Ihr habt natürlich Recht: Wenn ich nicht mit euch Freunden um die Häuser ziehe, werde ich die Zeit auch nicht nutzen, um weiterzuschreiben, sondern irgendetwas anderes Unsinniges tun. Ziehe ich aber mit euch, werde ich das Unsinnige irgendwann anders nachholen müssen und noch weniger schreiben. Additiv, nicht substitutiv, versteht ihr?“ Freunde mögen solche Erklärungen nicht. Man selbst mag sich auch nicht mehr, denn geht man nicht mehr aus dem Haus, wird man irgendwie depressiv und ein Messie. Der Rasierer bleibt unbenutzt. 4. Das Schreiben eines Buches, hier liegt vielleicht ein Unterschied zur Hausarbeit, ermöglicht in dieser Phase die Flucht in abstruse Utopien. Statt endlich mal anzufangen und ordentlich in die Tastatur zu hauen, grübelt man darüber nach, ob es eigentlich verwerflich wäre eine Einladung in die „Johannes B. Kerner Show“ anzunehmen, denkt sich aus, was man so als Gast bei Harald Schmidt erzählen könnte, oder gucke bei autoscout24.de, was ein gebrauchter Jaguar kostet. 5. Schließlich liegt man den ganzen Tag nur noch zugedeckt mit Erdnussflips und Schokoladenverpackungen auf dem Sofa. Spät nachts wird aus Langeweile die Wiederholungen von Oliver Geißen geguckt, bis man feststellt: Das hab ich ja heute Mittag schon gesehen. Dann weiß man endlich: Hier läuft etwas schief. Jetzt kann endlich der Wendepunkt kommen.


Die Lösung 1. Man fängt an. Motivierende Zukunftsaussichten sorgen dafür, dass man bei der Sache bleibt, denn diesmal sind sie realistischer: neben Geld auf dem Konto vor allem die Gelegenheit, die Dame im Buchladen damit nerven zu können, ob sie denn schon dieses neue Buch von diesem erfolgsversprechenden Jungautor habe, und herauszufinden, ob Amazon einem eigentlich das eigene Buch als Kauftipp vorschlägt. 2. Es gibt gute Ideen und schlechte Ideen. Gute Ideen aufzuschreiben fällt nicht sehr schwer. Was ist mit den schlechten? Man muss sich sagen „Ach, hat es je ein bedeutendes Werk gegeben, das nur aus guten Ideen bestand?“ und sich überwinden, nicht alles mit der Backspacetaste wieder wegzumachen, was nicht der ganz große Geistesblitz war. Manches gelungen, anderes nicht gelungen zu finden, ist okay und richtig, das zeugt von der Fähigkeit zur Reflexion und Selbstkritik, aber aufschreiben sollte man trotzdem beides. Einer wird es schon mögen. Und irgendwann muss es ja auch mal fertig werden, das blöde Buch. 3. Noch etwas zu den gute Ideen: Die muss man natürlich feiern. Da ruft man nachts entfernte Bekannte auf dem Handy an und versucht ihnen zu lautstark und aufgeregt zu erklären, wie überaus genial das ist, dass man gerade die verborgene Parallele zwischen der Dialektik der Aufklärung und dem Autokorso entdeckt hat. Das gibt einem die nötige Kraft zum Weitermachen. 4. Das Buchschreiben beendet man am besten mit einer übertrieben pathetischen Nachtschicht, in der Oliver Geißen mit seiner Wiederholung auf der richtigen Seite steht und einem hilft, den Kampf gegen Müdigkeit und Unlust zu gewinnen (wobei es gegen diese Feinde eigentlich nie zum Kampf kommt, es ist mehr so ein Gerangel). Um fünf Uhr morgens ruft man dann vollkommen übernächtigt den Lektor an, um ihm mitzuteilen, dass man nun fertig sei und ins Bett gehe. Gute Nacht. 5. Nach dieser Nacht glaubt man wieder, dass unsere Welt die schönste aller Welten ist und kann alles tun, was man will, die Clubs aufmischen und die Modeläden leer kaufen. Aber das Schönste ist, dass man das alles gar nicht machen muss, denn jetzt hat man sogar Spaß daran, im Rewe einzukaufen und mit dem Auto herumzufahren. Die wunderbare Macht der Erleichterung! Natürlich nimmt man sich dann nicht vor, beim nächsten Buch alles anders zu machen und früher anzufangen, denn erstens kämen einem, wenn es drauf ankommt, Fernseher und Erdnussflips sowieso verlockender vor und zweitens: Wo sollte denn dann die tolle Erleichterung herkommen? jetzt.de-Autor lars-weisbrod hat während der Fußball-WM lustige Kolumnen geschrieben. Trotz Erdnussflipps, Johannes B. Kerner und den Jaguarhändlern dieser Welt ist daraus jetzt ein Buch geworden. Es erscheint im Verlag Droemer und Knaur

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