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Illustration: Dirk-schmidt Im westsibirischen Khanty Mansyisk kämpfen noch bis zum 18. Dezember 132 der besten Schachspieler der Welt im World Chess Cup um Startplätze für das Qualifikationsturnier zur Schachweltmeisterschaft. So kannst auch du es schaffen, Großmeister zu werden:
1. Selbst wenn dir Motivationsgurus wie Emile Ratelband oder Jürgen Höller anderes einreden: Du schaffst es in diesem Leben nicht mehr, den Großmeistertitel zu erringen. Aber dein Kind vielleicht. Es sollte jedoch ohne Vater aufwachsen, wie die zwei berühmtesten Schachspieler des 20. Jahrhunderts, Garry Kasparow und Bobby Fischer. Das erhöht die statistische Wahrscheinlichkeit, Weltmeister zu werden.
2. Ab dem dritten Lebensjahr wird das räumliche Vorstellungsvermögen trainiert. Richte also ein Spielzimmer ein, in dem Figuren in unterschiedlichen Höhen hängen und die Wände schwarz und weiß gekachelt sind. Auch geometrische Figuren wie Diagonalen, Linien und die L-Form sollten im Raum präsent sein. Parallel dazu kann eine kleine Einweisung in die Mathematik nicht schaden. Außerdem sollte das Kind zweisprachig aufwachsen – Russisch ist die Sprache des Schachs.
3. Das Kind kann ein bisschen rechnen, bis 64 zählen und ist jetzt fast vier Jahre alt. Höchste Zeit, ihm die Schachregeln beizubringen. Dazu: jeden Tag ein paar Stunden spielen, völlig unkonventionell und ohne Vorgaben, schließlich geht es nur um das richtige Ausführen der Züge. Für die körperliche Fitness sollte das Kind jeden zweiten Tag Tischtennis spielen. Das steigert die Konzentrationsfähigkeit.
4. Fünftes Lebensjahr. Stelle das unkommentierte Schachspielen ein. Nimm alle Figuren vom Brett und lehre die Kunst der Endspiele. Vom Kleinen zum Großen. Von wenigen Figuren zu vielen. Partien sind jetzt Gift.
5. Erst wenn die Endspiele sitzen, kannst du zum Mittelspiel fortschreiten. Hier befinden sich alle Figuren wieder auf dem Brett. Nun werden taktische Motive wie Doppelangriff, Fesselung oder Hinlenkung und strategische Momente wie Felderschwächen einstudiert und geübt. Trainingspensum jetzt drei Stunden pro Tag.
6. Der berühmter Schachspieler Arthur Jussupov hat einmal gesagt: „Gib einem Kind eine Schachaufgabe und blicke ihm in die Augen. Wenn sie leuchten, dann ist es ein Schachtalent.“ Leuchten die Augen tatsächlich, dann sorge dich schnell um einen Privatlehrer, denn dein Kind muss von der Schulpflicht befreit werden. Schule würde nur kostbare Zeit vergeuden, die man zusätzlich in das Training investieren kann – ab sofort fünf Stunden pro Tag.
7. Jetzt können Eröffnungen gepaukt werden. Außerdem musst du einen Computer, aktuelle Software und Datenbanken anschaffen. Denn ohne technische Hilfsmittel kommt man im Spitzenschach nicht mehr weit. Dein Kind muss komplizierte Varianten bis zum 20. Zug runterspulen können. Wie eine Maschine. Ab sofort werden Großmeisterpartien analysiert und einstudiert. Ein Großmeister hat etwa 50 000 Stellungsbilder im Kopf, die ihm dabei helfen, sich in der Partie zu orientieren. Das entspricht etwa unserem Wortschatz in einer Sprache, die wir gut beherrschen.
8. Erst jetzt sind wir reif für die Ochsentour von Turnier zu Turnier. Schon bald sollte der Titel „Fide Meister“ errungen werden, die erste Stufe auf der Zielgerade. Danach folgt der Titel „Internationaler Meister“. Und schließlich ist der Großmeistertitel erspielt. Man versucht die Stärke eines Schachspielers in Zahlen wiederzugeben. Fide Meister darf sich nennen, wer eine Zahl von 2300 erreicht, Internationaler Meister ab 2400 und Großmeister ab einer Leistung von 2500 Punkten. Zum Vergleich: Garry Kasparow hatte auf dem Zenit seiner Karriere bis heute unerreichte 2851 Punkte, Smudo von den Fantastischen Vier kommt auf rund 1300 Punkte.
9. Du kannst die Punkte eins bis acht auch ignorieren. Und dein Kind für viel Geld auf eine russische Schachschule schicken. Einer dieser Schulen entspringt auch der jüngste Großmeister aller Zeiten, Sergey Karjakin, damals 12 Jahre alt.