Schade Joschka, so schön ist Harvard

Wird Joschka Fischer Gastprofessor in den USA? 10 Gründe, warum es ihm in Harvard durchaus gefallen könnte
durs-wacker
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Illustration: Julia Schubert

Das Gymnasium hat er geschmissen, Studium fiel wegen Kampfes gegen das System aus, aber dann Professor – die Geschichte war richtig gut: Joschka Fischer, so schlagzeilte die Bild-Zeitung, wolle eine Gastprofessur an der amerikanischen Elite-Universität Harvard annehmen, um dort internationale Außenpolitik zu lehren. Fischer, so folgerten die Medien, ziehe es also in die „Ivy League“ – jene Gruppe der acht ältesten Unis der USA, deren gemeinsamer Spitzname der Collegesport-Liga entspringt, der sie alle angehören. Dumm nur, dass Fischer nun sagt, er werde nicht nach Harvard gehen. Das ist schade. Fischer hätte dort gut hingepasst. Denn: Harvard ist besonders. In jeder Hinsicht. 1. Harvard heißt: Superlative. Harvard, 1636 gegründet, ist die älteste Uni der USA, hat mit rund 14,5 Millionen Büchern und Dokumenten die größte Bibliothek aller Unis der Welt und ist, klar, auch die reichste Uni des Erdkreises: Das Vermögen der Harvard-Stiftung beträgt nach Schätzung rund 25,9 Milliarden Dollar. Außerdem gelten auch die Studenten als die Besten der Besten. In dieser Superlativ-Show hätte Fischer, dessen Ego nicht durch Bescheidenheit auffällt, keine Probleme gehabt. 2. Reinkommen ist schwierig, wer aber mal drin ist, kann ruhig Unfug machen: Viele Studenten tätscheln in ihren ersten Tagen in Harvard die Statue des Uni-Namensvaters John Harvard im Hof. Das Monument des in einem Stuhl sitzenden Gelehrten wird auch gerne dekoriert, sei es mit Mützen, Hüten, Girlanden oder Hawaii-Kränzen – also schön was von zu Hause mitbringen, wenn es nach Harvard geht. Joschka hätte eine Anti-Atomkraft-Flagge zur Ehre gereicht. 3. In Harvard wird gegröhlt, äh gesungen – die Uni ist bekannt für ihre Schlachtgesänge, mit denen sie speziell ihre Football-Mannschaft anfeuert. Da Harvard aber schnieke ist, singen die Fans natürlich nicht einfach so: Die Schlachtgesänge sind, wie der berühmte Marsch Ten Thousand Men of Harvard , zum Teil auf Latein - „Gaudeamus igitur! Veritas non sequitur?” klingt natürlich auch vornehmer als “Ruhrpottkanaken, wir sind die Ruhrpottkanaken!“ 4. Apropos Schlachtgesänge: Wer wissen will, wie es in Harvard aussieht, schneidet sich einfach mit dem Küchenmesser in den Daumen. Blutrot – oder im feinen Harvard-Sprech besser „crimson“ beziehungsweise „karmesinrot“ genannt – ist die Farbe der Uni. Hat irgendwann im 19. Jahrhundert mal irgendein super Sport-Student ausgesucht, damit man sein Team besser erkennt. Nein, natürlich nicht beim Football. Beim Regatta-Segeln. 5. Wer jetzt denkt, Harvard ist ein Laden von Superreichen – stimmt. Nicht alle Studenten sind aber stinkreich, wenngleich die besten Familien der Ostküste ihre Kindern am liebsten per Erbpacht der Studienplätze an die Uni schicken würden. Trotz aller Protzerei gilt Harvard als liberale, ja linksliberale Universität. Richard Nixon beschimpfte Harvard als „Kremel am Charles“. So heißt der Fluss, an dem die Uni liegt. 6. Gewohnt wird in Harvard übrigens meist auf dem Campus. Welche Undergraduates und Graduates aber in welchen der „Houses“ wohnen, ist so kompliziert, dass man schon dafür halb einen Doktor braucht. Einfach merken: Die Houses nahe am Charles werden schlicht die „River Houses“ genannt, der Rest ist unwichtig. 7. Unnützes Wissen, nur in Harvard nicht: Caleb Cheeshahteaumuck war der erste Student indianischer Abstammung in Harvard. Das war 1665. Dann war aber schnell Schluss mit Toleranz: Harvard galt bis weit in das 20. Jahrhundert hinein als Festung der WASPs, der White Anglo Saxon Protestants, der elitären Führungsschicht der Ostküste – Juden, Schwarze und sonstige Randgruppe wie Katholiken, Europäer oder Einwanderer, deren Stammbaum nicht bis zur Mayflower zurückreichte, waren gar nicht gern gesehen oder auch nicht erlaubt. 2002 hat die Uni-Zeitschrift „Crimson“ aufgedeckt, dass die Uni noch 1920 Menschen, die sie als homosexuell einschätzte, überwachen und verfolgen ließ. Diese Zeiten, heißt es jetzt, seien aber lang vorbei. 8. Wer etwas auf sich hält, wird in Harvard sofort auch neben der Uni aktiv. In der manchmal großartigen, manchmal furchtbaren Humor- und Satire-Zeitschrift Harvard Lampoon zum Beispiel, bei den lustigen Theaterleuten von Hasty Pudding Theatricals, einfach nur “the Pudding” genannt, oder bei dem feinen Radiosender der Uni, WHRB, der auch im Internet sendet – aber mit oft sehr gewöhnungsbedürftiger Musik. Aber egal, das Engagement lohnt sich jedenfalls – die halbe Truppe von „The Simpsons“ oder „Saturday Night Live“ zum Beispiel war früher bei den „Phools“, wie die Lampoon-Leute heißen. 9. Zu jedem Schmarrn gibt es in Harvard ein Ritual. Beispiel eben genannte Phools: Der Lampoon wählt seine neuen Mitglieder jeden September aus und führt sie dann in geheimen Ritualen während der „Phools Week“ in die Redaktion ein – dabei müssen die Initiaten in dämlichen Kostümen durch Harvard laufen und Streiche anstellen. Das hat schon zu allerlei lustigen Zufällen mit der örtlichen Polizei geführt, weswegen die Phools Week Gerüchten nach inzwischen dem Police Departement vorab gemeldet werden muss. 10. Ansonsten gilt in Harvard: Ehre das Wappen. Das zeigt drei aufgeschlagene Bücher auf blutrotem Grund, auf denen die Silben VE – RI – TAS zu lesen sind. Verschwörungstheoretiker vermuten seit Jahrhunderten, dass sich dahinter die Kürzel verschiedener Geheimbünde verstecken, aber in Wahrheit heißt das einfach Wahrheit.

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