Schöner wahlkämpfen

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Illustration: dirk-schmidt Über die Wahl ist ja schon ausführlich gesprochen worden. Über die Wahlplakate aber nicht. Diese Plakatwände mit Köpfen, Slogans und Logos sind gerne genutzte Zielscheiben für plötzliche Kreativ-Anfälle, den Volkeszorn und Narrenhände, die mal nicht Tisch und Wände, sondern das Grinsen des Wahlkreisabgeordneten beschmieren. Da tut ein Leitfaden zum richtigen und falschen Umgang mit Wahlplakaten Not. Hier ist er. So ist es richtig: 1. Kläre die Lage. In welche Partei bis du noch mal eingetreten? Warum eigentlich, und welche Rolle hat ihr ästhetisches Verständnis gespielt? Wann trifft sich die Ortsgruppe zum Plakatieren? 2. Erkunde das Terrain. Wo stehen die meisten Plakate der Konkurrenz? Wo müssen noch welche von deinen Leuten hin? Wo müssen Brennpunkte gebildet werden, damit niemand mehr zur Arbeit gehen kann, ohne mindestens 143 mal das staatsmännische Lächeln deines Kandidaten/ deiner Kandidatin gesehen zu haben? 3. Schnapp dir Ressourcen und lege los. Also: Bereite Kleister vor, miete einen Kleinlaster (wenn du bei den Grünen bist: ein Liegefahrrad), hol´ die Plakate von der Parteizentrale und beginne das Kleben. 4. Schau dabei, was die Konkurrenz macht – und rümpfe die Nase über deren populistischen Umgang mit Slogans und Wahlversprechen. 5. Wasche dir die Hände in Unschuld und dabei auch den ganzen Kleister weg. 6. Fühl´ dich gut. Warte auf den Sieg. So ist es falsch: 1. Kläre die Lage. In welchem Wahlkreis lebst du überhaupt? Wer hat in deinem Wahlkreis das letzte Mal gewonnen? Sahen die Plakate noch genauso aus? 2. Erkunde das Terrain. Wo stehen die meisten Plakate? Wo verlaufen die unsichtbaren Grenzen zum Nachbarwahlkreis, die sich durch den plötzlichen Wechsel der Gesichter auf den Plakaten zeigen? An welchen Brennpunkten ballen sich die Plakate? Kann man da ungesehen schmieren? 3. Suche mögliche Ziele. Gehe dabei parteiübergreifend vor: Die Gesichter der Typen, die dir auf allen Wegen dutzendfach entgegen lächeln, kennst du ja schon zur Genüge – das sind aber nur die Kandidaten der großen Parteien. Suche nach den kleinen Plakatständern aus Spanholz, auf denen sich die Partei Bibeltreuer Christen, die Marxistisch-Leninistische Partei Deutschlands oder die Bürgerrechtsbewegung Solidarität präsentieren. Weide dich an Bibelzitaten und stolzen Werktätigen in Blaumännern. 4. Schau dabei, was die Konkurrenz macht – und sortiere aus. Der olle Trick, Angela Merkel und Gerhard Schröder einfach einen Kaugummi ins Nasenloch zu kleben, ist so öde wie der Wahlwerbespot der FDP. Das gilt auch für auf die Augen geklebte Aufkleber. Und für Hitlerbärtchen. 5. Überlege nun, wie du selbst aktiv werden kannst. Also zum Beispiel die zweigeteilten Grünen-Plakate mit Alter-Mann-Bart unten und Baby-Augen abziehen, zerteilen und verkehrt herum wieder plakatieren, den FDP-Slogan zu „Steuern rauf, Arbeit runter“ ändern oder gleich Wahl-Broschüren zu besorgen, den Kopf des dicken SPD-Abgeordneten kopieren und dann auf den Körper der CDU-Kandidatin plakatieren. Das ist aber nur was für Menschen mit viel Zeit und einem Farbdrucker zu Hause. 6. Beachte: Die hohe Kunst der Polit-Propaganda-Propaganda besteht aber darin, die Wahlplakate aus ihrer Substanz heraus zu verändern. Im Wahlkampf 2002 erwischte das vor allem die Union: Der CDU-Slogan lautet „Zeit für Taten“? In Berlin wurde schnell „Zeit für´s Töten“ oder „Zeit für Tote“ daraus. Aus „Gemeinsam für Deutschland“, dem Slogan für Plakate mit den gemeinsamen Köpfen von Stoiber und Merkel, wurde mit einem Edding-Strich „Gemein für Deutschland“ und aus „Stoiber kommt“ ganz einfach „Stoiber kämmt“. Eine kleine Inspiration für deine künstlerische Selbstverwirklichung findest du hier.

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