So findest du eine(n) neuen WG-Mitbewohner(in)

Du musst oder willst aus deiner WG raus und brauchst einen Nachmieter für dein Zimmer. Aber nicht irgend jemand, sondern eine Person, die dich in deinem bisherigen Heim würdig vertritt.
caroline-vonlowtzow

Acht Schritte, wie du den passenden Nachmieter für deine WG findest:

Default Bild

Illustration: Julia Schubert

1. Vorsortieren und grobe Ausfälle vermeiden Damit sich die Quote der Krawattenträger, älterer Esoterik-Freaks und solcher die, „gerade erst in die Stadt gezogen und Anschluss suchend" sind, möglichst niedrig hält, solltest du zuerst in deinem Freundeskreis rumfragen oder deinen Email-Verteiler anschmeißen. Das macht auch die wenigste Arbeit. 2. Sorgfalt beim Anzeigenformulieren Wenn es sich nicht mehr vermeiden lässt und du doch eine Anzeige aufgeben musst, setze bestimmte Schlagworte, die einerseits deine Wohnung preisen, andererseits die Kandidaten schon vorsortieren. Der Zusatz „topnett“ vor WG deutet zum Beispiel an, dass man nicht eine reine Zweckgemeinschaft ist. Um die eigene WG besser zu charakterisieren und die gewünschte Mitbewohner-Zielgruppe genauer anzusprechen, bieten sich Sätze an wie „Du solltest nichts gegen die Plakate des Puch Open Airs im Flur haben“ oder „Du solltest gerne indisch essen“. Attribute wie hell, ruhig, Altbau, Parkett, zusätzliche Abstellkammer, gemütliche Wohnküche oder Balkon erhöhen die Attraktivität der Wohnung. 3. Die Besichtigung geht los Schon beim Zimmer zeigen die Verhaltensweisen studieren und sofort das Typologisieren und Schubladendenken anfangen: nassforsches Mädel, dauerredender Alleschecker, WG-erprobter Anfangsvierziger mit zwei Kindern, Typ nett aber langweilig oder die etwas Schüchternen, die gleich fragen, ob sie die Schuhe ausziehen sollen. Ganz wichtig: Die Küche zuletzt zeigen, denn das ist das Herzstück einer jeden WG. Hier wartet das Empfangskomitee deiner übrigen WG-Genossen und studiert genau die Reaktionen der Kandidaten beim Betreten der Küche. Wer setzt sich sofort unaufgefordert auf die Küchenbank und besonders nah an die WG-Bewohner (zu aufdringlich)? Wer bleibt verzagt im Türrahmen stehen und wer setzt sich auf den Boden, wenn nicht genug Stühle vorhanden sind (wenig ausgeprägte bzw. schnelle Anpassungsbereitschaft)? Wer fragt, wo es noch Sitzgelegenheiten gibt und holt sie sich selbst (gute Eigeninitiative)? Wichtig dabei ist aber: geht der Kandidat ungefragt in die fremden Zimmer rein oder nicht (zu distanzlos)? 4. Die Vorstellungsrunde Damit sich die potentiellen neuen Mitbewohner nicht gleich wie beim Verhör fühlen, sollten sich am besten zuerst die WG-Bewohner kurz vorstellen, erzählen, was sie machen und die FAQs beantworten: ja, es gibt einen Keller, ja, auch dein Fahrrad hat im Fahrradständer im Innenhof noch Platz, ja die angegebene Miete ist die Warmmiete und ja, auch die anderen Hausbewohner sind nett und unkompliziert und haben sich bisher noch nicht als Vollnazis geoutet. Die Highlights wie das WG-WLAN und den WG-Stofftierhund, der auch mit Allergikern kuschelt, wohl platziert am Schluss erwähnen. Unangenehme Punkte wie den Putzplan inklusive Altglasentsorgen, den Treppenkehrdienst, die geplante Badrenovierung und den Solidaritätsbeitrag für das taz-Abo auf keinen Fall hier schon ausplaudern, sondern erst später in einem Nebensatz fallen lassen. 5. Die Ausquetschrunde Das ist das Herzstück der Mitbewohnersuche und hier ist besonderes Fingerspitzengefühl gefragt. Vor allem um die etwas Schüchternen sollte man sich bemühen, denn oft entpuppen die sich als die besonders Netten. Also die Dauerredner unbedingt unterbrechen und extra viele Fragen an die Stillen richten: nach den Hobbys (Skifahren, Joggen und ausgefallene Dinge wie Drachenfliegen bringen Pluspunkte; kreativer Zeitvertreib wie Malen wird gutgeheißen, aber nur wenn die Bilder nicht in Flur und Küche aufgehängt werden, Bandprojekte je nach Musikrichtung beurteilt – Bewertung siehe Musikgeschmack), dem Musikgeschmack (Metal und Privatradio gehen eher nicht, bei allem anderen ist man tolerant) und den Essensvorlieben (asiatisch, italienisch und Maultaschen sind Trumpf). Wichtig: wie war die bisherige Wohnsituation und warum will der Kandidat dort ausziehen? Vorsicht ist bei Dauer-WG-Bewohnern geboten, die auch schon in Zwanziger-WGs gewohnt haben, genau wie bei WG-Jungfrauen. Auch bei frisch Getrennten aufpassen. Am Ende klingelt der oder die Ex jede Nacht Sturm. Überhaupt die Beziehungsfrage. Die muss unbedingt gestellt werden: Fernbeziehung bringt selten Probleme, Partner in der Nachbarschaft könnte schwierig sein, denn entweder hängt das Paar dauernd bei euch ab oder ihr seht euren Mitbewohner so gut wie nie – beides nervt. Kinder können zwar süß sein, aber meistens nur in geringer Dosierung. Oberste Regel: Mitleid gibt es nicht. Wer mit Mitte zwanzig immer noch zu Hause wohnt, wollte es nicht anders. 6. Absolut verboten Fotos von den Bewerbern machen, damit man sich merken kann, wer wer ist. Auch völlig indiskutabel: Fragebögen ausfüllen lassen. Wenn viele Bewerber da sind, am besten neben der Tür verdeckt einen Zettel hinlegen und wenn man jemand hinausbegleitet hat, kurze Stichpunkte machen: Carmen, österreichischer Akzent, sehr nett und natürlich. Roman, seltsamer Polyester-Pulli mit unbeschreiblichem Mustern, zwei Katzen, geht gar nicht. Sich nie mit einem Kandidaten schon in der Ausquetschrunde verbrüdern und eine halbe Stunde nur mit ihm reden. Denn dann verpasst man die Vorstellung der anderen, und kann ihnen nicht mehr gerecht werden. 7. Der WG-Rat tagt Auf keinen Fall wild drauf losplappern, sondern die Liste der Bewerber von oben nach unten durchgehen. Jeder darf kurz sagen, was für einen Eindruck er von der Person hatte. Wenn alle durch sind werden Punkte verteilt: von sofortigem Durchstreichen bis zur Höchstbewertung mit drei Sternen. Sonderpunkte werden vergeben: für die Schüchternen, die sich vielleicht doch als nett und interessant entpuppen, für handwerklich begabte Menschen, für Leute mit besonderen Kochkünsten und auch für Mitgiften, die in die WG mit eingebracht werden: Waffeleisen, Wok, Pürierstab, Küchenmaschine, Mikrowelle oder gar eine Spülmaschine. Musikinstrumente bringen je nach Lautstärke Plus- oder Minuspunkte. Dabei gilt es natürlich auch den Coolnessfaktor zu berücksichtigen. Ist der Kandidat Percussionist in der aufstrebenden Indie-Band der Stadt oder macht er gerade einen Bongo-Kurs an der Volkshochschule? 8. Die Auswahl Drei Bewerber aussuchen, die zu einem zweiten Kennenlernen eingeladen werden. Das sollte man auf alle Fälle auch dann machen, wenn schon ein Topkandidat feststeht. Denn erstens kann man sich täuschen und zweitens kann er/sie noch abspringen und dann steht man blöd da. Beim zweiten Besuch der Bewerber empfiehlt sich, etwas zu kochen. Jeder Kandidat bekommt eine Dreiviertelstunde Zeit. Der erste kommt zum Salat, der zweite zu den Spaghetti, der dritte zum Nachtisch. Und dann muss man sich nur noch entscheiden. Illustration: dirk-schmidt

  • teilen
  • schließen