Typen erfinden

Illustration: dirk-schmidt Besser als echt bescheuerte Typen sind erfundene bescheuerte Typen.
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Illustration: Julia Schubert

Illustration: dirk-schmidt Besser als echt bescheuerte Typen sind erfundene bescheuerte Typen. Zum Beispiel Chad Kroski. Das ist eine Fantasiefigur, die sich eine Mobilfunk-Firma ausgedacht hat, um damit Werbung zu machen – im Falle von Chad Kroski wurde eine eigene Homepage angelegt, eine Vita für den Typen erfunden, und bald entwickelte die Figur ein Eigenleben im Internet. Für alle, die auch mal gerne einen Menschen erschaffen wollen, aber leider nicht in Südkorea wohnen, wo sie sich mit dem kleinen Gentechniker-Baukasten und etwas Glück einfach einen klonen könnten – so geht das: 1. Erst mal überlegen, was man gerne für einen Typen hätte – einen vermeintlichen Bestseller-Autor, so wie Chad Kroski? Eine geheime Geheimtipp-Band? Ein noch unentdecktes Dichter-Talent aus dem Hunsrück? 2. Noch mal überlegen. Hey, das ist doch schließlich eine total crazy Sache, so einen Typen zu erfinden! Wie wäre es mit dem verschollenen Erfinder der Wi-Wa-Wuschels? Oder einer ehemaligen Prostituierten mit schwerer Kindheit, die jetzt iPod-Wärmer für Kindersoldaten häkelt und deswegen den Karlspreis der Stadt Aachen verliehen bekommt? 3. Jetzt der Name. Merke: Ein guter erfundener Name für einen erfundenen Typen muss dreierlei enthalten: Eine schwer auszusprechende Kehllaut-Komponente, am besten aus einer kaukasischen Sprachfamilie, die aber auch ergebniswirksam abgekürzt werden kann („Charaijev“ = „Chad“), einen Allerwelts-Komponente (bei Chad Kroski der Zwischennamen „Alexander“) und dann noch irgendeinen crazy Nachnamen. Creative Directors einer Werbeagentur müssen dafür kiffen. Normale Menschen schlagen einfach im Klingonisch-Wörterbuch nach („Kroski“). 4. Ein paar Eckdaten für den Lebenslauf wählen: Geburtsland, Geburtsort und Geburtsjahr, Schullaufbahn dazu, außerdem Erstkommunion undsoweiter. Auf logische Stringenz mit der Grundidee achten! Es gab keine iPods im Zweiten Weltkrieg! 5. Jetzt müssen Life Achievements her: Erfindungen, Operetten, Bücher, Kreuzworträtsel – grundsätzlich kann der Typ alles gemacht/geschrieben/entwickelt haben. Aber nicht übertreiben. Niemand, der in Seattle geboren ist, gründet schon mit 20 seine eigene Firma, kauft ein doofes Programm, wird damit binnen 15 Jahren Multimilliardär und erringt schließlich die Weltherrschaft wie dieser Bill Gates. 6. Brainstorming für das Feintuning im Lebenslauf. Also eine Dose Pils mit Pfand kaufen, am unteren Rand vorsichtig den Brieföffner hineinstoßen, den Mund über das Loch stülpen und dann die Lasche ziehen. Mit Nippeln und kleinen Kurbeln hat das nichts zu tun. Das ist kreatives Arbeiten. Sobald das Bier nicht mehr aus der Nase schießt, kurz abrülpsen und loslegen – könnte der Titel des letzten Buches unseres Chad Kroskis nicht „Ölsardinen und Thunfisch“ heißen? Ui ja! Das wäre fein! 7. Mehr Bier. 8. Mehr Brainstorming. 9. Jetzt den Lebenslauf mit gefälschten Beweisen von dritter Seite belegen. Also: Chad Kroskis Bücher in erfundenen Rezensionen besprechen lassen (Der „Chicago Defender“ über Kroskis Werk „Ölsardinen und Thunfisch“: „Längst gilt Kroski als Kapitän Ahab der jüngsten amerikanischen Literatur!“) Oder: Bill Gates´ Lebenswerk loben lassen („Capital“ über „Microsoft“: „Kaum ein Unternehmen mit mehr als 31000 Mitarbeitern passt sich so schnell Veränderungen an wie Microsoft.“) 10. Eine Homepage bauen. Oder besser noch: Eine Homepage von ein paar Freaks bauen lassen. Da das ganze Zeug über den erfundenen Typen draufpacken. Sollte am besten genau so aussehen. Und voilà – fertig ist der erfundene Typ. Wicked, man!

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