Der 140-Zeichen-Obama

Der US-Präsident bat zur Twitterrunde. 100.000 Leute fragten nach seinen Unterhosen, Justin Bieber und Arbeitslosigkeit. #askObama ist unser Hashtag der Woche.
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Illustration: Julia Schubert



Trägt Barack Obama Boxershorts oder Slips unter seinem Anzug? Mehr als 200 Leute stellten dem Präsidenten am Mittwoch diese Frage. Per Twitter.

Es war das erste Mal, dass ein US-Präsident zu einem Townhall-Meeting, einer der in den USA üblichen politischen Fragestunden, einlud und die Fragen über den Microbloggingdienst einsammelte. #AskObama lautete der Hashtag, unter dem die Twittergemeinde ihre Fragen loswerden konnte. Die Aktion ist ein weiterer Schritt im Rahmen der Online-Offensive, die Obama dieses Jahr gestartet hat. Anfang des Jahres hielt er eine Fragestunde mit Marc Zuckerberg und Facebook ab, und vor Kurzem verkündete er, dass er künftig Tweets tatsächlich selbst schreibe, statt sie von seinem Online-Stab verfassen zu lassen. Er würde diese mit „OB“ kennzeichnen.

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Illustration: Julia Schubert



Zum Twitter-Frageabend kam der Präsident gut gelaunt und händeschüttelnd in den East Room des Weißen Hauses. Auf der Bühne erwartete ihn Twitter-Mitbegründer Jack Dorsey, der die Fragestunde moderierte. Nach einer kurzen Begrüßung und einem kleinen Witz ging er an das Stehpult mit dem Laptop, um, wie er sagte, „Geschichte zu schreiben als der erste Präsident, der live twittert.“

Diese Aussage mag stimmen. In diesem Eigenlob schwingt allerdings schon mit, was im Nachhinein von zahlreichen Bloggern und Medien kritisiert wurde: Obama nutzt soziale Netzwerke vor allem zur Aufrechterhaltung seines Rufs als moderner Präsident, der das Internet versteht und damit zeitgemäße Formen eines Dialogs zwischen Politiker und Bürger etabliert.

Einen Dialog führen – genau das tat Obama allerdings nicht. Es liefen zwar sehr viele Fragen bei Twitter ein. Manche sprechen von 40.000, andere von 60.000 (laut der PR-Abteilung von Twitter waren es gar 110.000 Tweets). Beantwortet hat der Präsident aber nur genau: 18.

Dieser winzige Fragenanteil wurde vor und während der Fragestunde ausgewählt. Algorithmen berechneten, welche Fragen am häufigsten retweetet wurden, zusätzlich sollten von Twitter ernannte regionale „Kuratoren“ dabei helfen, die Fragen zu ordnen und die relevanten zum Präsidenten durchsickern zu lassen. Diese Prozedur führte allerdings dazu, dass in zwei der 18 Fragen nicht „normale“ Bürger zu Wort kamen, sondern wieder mal öffentliche Persönlichkeiten wie John Boehner, der Sprecher des Repräsentantenhauses. Auch die Chance, eine Konversation in Echtzeit zu führen, ließ Obama ungenutzt verstreichen. Die meisten Fragen standen schon vor Beginn der Fragestunde fest, und Obamas Antworten, die per Livestream ins Netz übertragen wurden, wirkten ohnehin so, als hätte er sie sich vorher schon zurechtgelegt.

Trotzdem gibt es ein paar interessante und auch lustige Erkenntnisse der Veranstaltung. Zum einen das Stimmungsbild darüber, was die Leute – neben seinen Unterhosenvorlieben – von ihrem Präsidenten wissen wollten. Etwa ein Viertel der Fragen drehte sich um Arbeitslosigkeit, 18 Prozent waren Wirtschaftsfragen, zehn Prozent erhofften sich Antworten zu Steuern und fünf Prozent sorgten sich um die Bildung.  

Und dann war da noch – wie sollte es auf Twitter auch anders sein – die Abteilung Humor: Poormecoffee wollte wissen, ob Gandalf oder Dumbledore ein Zaubererduell gewinnen würde. JerryPerisho bat um eine Erklärung des Phänomens Justin Bieber. Eine Antwort bekamen sie nicht – genauso wenig wie die Unterwäsche-Interessenten. 

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