Die letzte Warnung von Herrn t* aus E.

Schwarztwittern untersagt: Die Essener Verkehrs AG wollte einem Satire-Account verbieten, den Hashtag #evag zu benutzen und erntete viel Häme. Hat da wer Jehova gesagt?
veronique-schneider

Auf den ÖPNV zu schimpfen ist ein überall höchst beliebter Volkssport. Münchner verfluchen die MVG, Berliner motzen über die BVG (zumindest, wenn die S-Bahn fährt) und Essener meckern über die EVAG. Die Verkehrsunternehmen bringen ihre Kunden zwar einigermaßen zuverlässig und für vergleichsweise wenig Taler von A nach B. Aber gegen den schlechten Ruf, den sie sich durch ausfallende U-Bahnen und fiese Kontrolleure einhandeln, die I-Dötzchen zusammenstauchen, weil die ihre Fahrkarte vergessen haben, können die auch nur leidlich witzigen Imagekampagnen der Betreiber eben wenig bewirken.

Vielleicht war auch deshalb die Häme so groß, als die EVAG bewies, dass sie eine gewisse Kontrolletti-Mentalität nicht nur bei der Jagd nach Schwarzfahrern, sondern auch auf Twitter an den Tag legt. Am Dienstag Abend drohte ein Social-Media-Mitarbeiter der Essener Verkehrs AG - Vorname Thorsten, Kürzel *t - per Tweet: „@VRRdeFanpage Bitte keine hashtag-Nennungen mit der EVAG bitte. Letzte Warnung. *t“ Das versuchte Hashtag-Verbot durch *t richtete sich an einen Satire-Account. Der Betreiber der VRRdeFanpage zwitschert über das Fahrgastleid im Verkehrsverbund Rhein-Ruhr, also auch über unschöne Erlebnisse mit der EVAG.

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Illustration: Julia Schubert



Die einigermaßen absurde Idee, dass die EVAG darüber entscheiden könnte, wer alles den Hashtag #evag verwenden darf – und damit implizit, wer überhaupt zu Bus und Bahn in Essen eine Meinung verbreiten darf, erntete dementsprechend viel Häme. Immer wieder stand am Mittwoch der „verbotene“ Hashtag #evag an der Spitze der deutschen Twitter-Charts.

Die Twittergemeinde spottete „Ich hashtagge #evag so oft ich will!“ oder „Das Internet darf kein rechtsfreier Raum sein! Letzte Warnung! #evag“ oder ganz schlicht, aber effektiv: „#evag“. Lawblogger Udo Vetter kommentierte: "Bitte Vorsicht beim Hashtag #evag. Eva G. möchte nicht erwähnt werden und spricht deshalb Verwarnungen aus". Auch einige Anlehnungen an Monty Pythons "Das Leben des Brian" rauschten durch die Timeline: „sind #evag die, deren Namen man nicht aussprechen darf? Wie #Jehova? Dieses Stück Fisch wäre gerade gut genug für #evag :-)“ Und vom Pottblog wurde die berechtigte Frage gestellt: "Was passiert nach der letzten Warnung?"

Was also folgte, war ein wunderschönes Lehrbeispiel für den sogenannten Streisand-Effekt. Wer versucht, eine Information zu unterdrücken, der erreicht damit unter Umständen genau das Gegenteil: Die Information wird umso bekannter. Wohl kaum jemandem wäre vor ein paar Jahren aufgefallen, dass sich auf einer Webseite unter 12.000 Fotos von der Küste Kaliforniens auch eine Luftaufnahme des Hauses von Barbra Streisand befand, wäre die Sängerin deswegen nicht vor Gericht gezogen. So aber verbreitete sich das Bild von Streisands Domizil im Netz.

Von Kalifornien zurück zur letzten Warnung an der Ruhr: Nachdem schon unzählige Tweets mit dem Hashtag #evag aufgetaucht waren, ruderte Herr *t von der EVAG zurück und tweetete: „@all: Sorry, gemeint war wirklich nur Twitterer VRR Fanpage. #hashtag-Nennung. Grund: beleidigende Inhalte vgl. #Tweets. *t". Das Prinzip, dass sich unliebsame Meinungsäußerungen nicht einfach verbieten lassen, schien *t also leider immer noch nicht verstanden zu haben.

Text: veronique-schneider - Foto: Screenshot

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