Im kühlsten Land der Welt

Am Wochenende hat Philipp Rösler von Deutschland als dem "coolsten Land der Welt" geschwärmt. Twitternutzer beweisen seitdem das Gegenteil.
kathrin-hollmer

„Ich bin hier nicht geboren, aber ich fühle mich immer wieder zu Hause“, sagte Philipp Rösler am Samstag beim FDP-Parteitag in Berlin, „Deutschland ist das coolste Land der Welt.“ Schön für ihn, möchte man da sofort einwerfen. Viele mit ausländischen Wurzeln fühlen sich in Deutschland nicht zu Hause. Und noch viel mehr würden Deutschland bestimmt nicht als „coolstes Land der Welt“ bezeichnen. Nur hat man normalerweise nicht die Gelegenheit, auf die Klopapierweisheiten der Politiker zu reagieren. Wäre da nicht Twitter.  

Dort schreiben die User seit Samstag unter dem Hashtag #ImCoolstenLandDerWelt auf, was ihrer Meinung nach in Deutschland gut läuft, und vor allem: was sie in Deutschland stört. Der erste Tweet kommt von @Evo2Me und verdeutlicht, in welchem Tenor der Großteil der Tweets gehalten ist:

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Illustration: Julia Schubert

 

Losgetreten wurde der Hashtag aber von einem anderen: von dem Berliner Sprachwissenschaftler, Professor und Blogger Anatol Stefanowitsch. Der twitterte am Samstagnachmittag unter seinem Namen @astefanowitsch: „Röslers ‚Deutschland ist das coolste Land der Welt’ schreit ja geradezu nach einem Mem. Von ihm kommen viele Beiträge unter dem Hashtag. Einmal schrieb er „#ImCoolstenLandDerWelt gibt es keinen Rassismus, nur bedauerliche Einzelfälle!“, ein anderes Mal „#ImCoolstenLandDerWelt kannst du alle deine Träume verwirklichen (wenn du reiche Eltern hast).“  

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Illustration: Julia Schubert



Unter dem Hashtag findet man viel Quatsch und Banales, wie @KopietzAndreas’ Tweet: „#ImCoolstenLandDerWelt ist es gerade kalt und es schneit.“ Viele beschweren sich über den Schnee im März oder den Einheitsbrei im Radio. Auch der Til-Schweiger-Tatort  wird immer wieder thematisiert, zum Beispiel von @MarcoHafke: „#ImCoolstenLandDerWelt spielt ein Nuschler einen #tatort Kommissar.“  

Man liest aber auch viel Ernstes und Wahres. Die Tweets handeln vom Leistungsschutzrecht, dem geschönten Armutsbericht, von Polizeigewalt, den NSU-Ermittlungen und der Gleichstellung der Homo-Ehe, von Stuttgart 21, dem Flughafen Berlin Brandenburg und der Wasserprivatisierung.  

Der User @Riotbuddha twitterte:

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Illustration: Julia Schubert



Und @blackjoschka schrieb: 

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Illustration: Julia Schubert



@giglhuber versuchte es mit Sarkasmus: „#imcoolstenlandderwelt werden Bahnhöfe und Flughafen zu Luftschlösser“. Und die gehörlose Bloggerin Julia Probst twitterte: „#imcoolstenlandderwelt sind #Barrierefreiheit und #Inklusion kein normaler Bestandteil unserer Gesellschaft.“  

Selten hat man so geballt und meinungsstark gelesen, welche Themen uns gerade umtreiben. „Die Menschen sprechen offensichtliche Probleme an“, sagte Stefanowitsch im Gespräch mit der „Welt“. Auf Twitter freute er sich am Sonntagabend: „Seit 30 Stunden zählen die Menschen auf, was #ImCoolstenLandDerWelt alles uncool ist. Danke!“. Er will nun die Tweets sammeln und in einem Blog-Eintrag auswerten. Das Ergebnis dürfte frustrierend sein, so fühlt es sich zumindest an, wenn man sich die Tweets durchliest. Manche davon sind wütend, manche zynisch, viele klingen richtig resigniert:

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Illustration: Julia Schubert


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Die Frustration ist auch schon ein paar Usern aufgefallen, zum Beispiel @OZ_55: „#ImCoolstenLandDerWelt ist jeder am jammern sogar bei twitter :)))“ und‏ @lfalkenburg: „#imcoolstenlandderwelt jammern viele auf höchstem Niveau und denken ein Tweet könne die Welt verändern.“ Das Jammern mag nicht der richtige Weg sein, aber es ist wichtig, dass man nicht aufhört, über diese Themen zu sprechen.

Natürlich fragt man sich wie schon bei der Diskussion, die der Hashtag #Aufschrei losgetreten hat, ob das Diskutieren auch wirklich etwas bringt. Man kann es auch wie die Netzaktivistin Anke Domscheit-Berg sagen, die als @anked getwittert hat: „#ImCoolstenLandDerWelt Ist man vor allem sehr kritisch. Wenn eigene taten der kritik folgen wuerden, waere das was ganz tolles.“

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Illustration: Julia Schubert



Text: kathrin-hollmer - Screenshots: Twitter

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